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Stellenabbau Kurzarbeit als Brücke aus der Krise

15.04.2009 ·  Noch stemmt sich die Wirtschaft gegen Massenentlassungen. Nicht nur Kurzarbeit fängt die Krise ab, es gibt auch andere Beispiele wie Lohnverzicht. Im ersten Quartal 2009 wurden sogar etwas mehr Stellen geschaffen als gestrichen.

Von Georg Giersberg
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Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben glaubte ihren Augen kaum. Was sie da in der Zeitung gelesen hatte, war aber ganz nach ihrem Geschmack. „Wenn Sie mir erlauben, würde ich dieses jüngste Produkt Ihres Erfindungs- und Ideenreichtums in Reden und Debatten gerne als außerordentlich vorzeigbares Beispiel für sozialorientiertes, verantwortungsbewusstes Unternehmertum verwenden“, schrieb die Ministerin begeistert dem Unternehmer Walter Mennekes in Kirchhundem nahe Siegen. Mennekes stellt in seinem Unternehmen mit seinen 800 Mitarbeitern (davon 550 in Deutschland) für 100 Millionen Euro Starkstromstecker her. Das Unternehmen Mennekes Elektrotechnik gehört mit einem Weltmarktanteil von 20 Prozent (in Deutschland hält er fast 60 Prozent) zu den Erfolgreichen der deutschen Elektroindustrie.

Aber jetzt hat auch Mennekes die allgemeine Wirtschaftskrise getroffen. Noch vor einem Jahr hat er von sich reden gemacht, weil alle Mitarbeiter nach Feierabend Schokoküsse verteilten. „Wir hatten den Monat mit dem höchsten Auftragseingang in der Firmengeschichte. Da hat jeder Mitarbeiter beim Pförtner einen Karton mit auf den Weg bekommen. An dem Abend waren wir in der ganzen Region Tagesgespräch.“ Heute ist er es wieder. Mennekes verteilt nicht nur Schokolade, wenn es ihm gutgeht. Gemäß seinem Motto, dass eine Firma eine humane Arbeitswelt abbilden sollte und dass man in einem Unternehmen nicht nur miteinander, sondern füreinander arbeitet, hat sich der Unternehmer Mennekes Gedanken gemacht, wie sein Unternehmen auf die Krise reagiert - ohne gleich Kurzarbeit zu beantragen oder gar Mitarbeiter zu entlassen. Er will wie viele andere Unternehmer hierzulande auch die Mitarbeiter möglichst lange halten.

Verkürzte Arbeitszeit - aber ohne Lohneinbußen

Nachdem die Gleitzeitkonten leer sind, wäre jetzt auch bei Mennekes Kurzarbeit angesagt. Kurzarbeit rettet zwar Arbeitsplätze - aber Kurzarbeit kostet auch Geld. Die Mitarbeiter zahlen mit Lohneinbußen, der Staat zahlt mit Steuergeldern. Einem eingefleischten Unternehmer schmeckt das nicht. Mennekes wollte es besser machen und ersann einen eigenen Beschäftigungspakt mit seinen Mitarbeitern.

Wegen der gesunkenen Nachfrage - die Auftragseingänge liegen um 20 Prozent unter dem Vorjahreswert - wird die Arbeitszeit verkürzt, aber ohne Lohneinbußen. Mennekes hält am Modell der Gleitzeitkonten fest. In den sechs Monaten April bis September werden die Konten mit 150 Stunden ins Minus gefahren, also im Monatsdurchschnitt um 25 Stunden bei gleichbleibenden Löhnen. Wenn die Konjunktur wieder anspringt, soll das Minus durch entsprechende Mehrarbeit (ohne Zuschläge) wieder ausgeglichen werden. Diese Variante der betrieblichen Lohnfortzahlung gilt zunächst für sechs Monate, sie kostet das Unternehmen mehr als eine Million Euro. Aber der Unternehmer bindet damit die Mitarbeiter an das Unternehmen und ist beim Anspringen der Konjunktur sofort startklar.

Massenentlassungen bisher ausgeblieben

Und wenn nach einem halben Jahr keine Besserung der Auftragslage in Sicht und Kurzarbeit unvermeidbar ist? Dann, so argumentiert Mennekes, haben die Menschen aber ein halbes Jahr Zeit, sich auf den Ernstfall einzustellen, indem sie Geld zurücklegen oder ihre Zahlungsverpflichtungen neu regeln. Risikolos ist das für das Unternehmen nicht. Aber dafür sei er Unternehmer. „Mennekes als Firmenname beginnt mit „M“ wie mutig und endet mit „s“ wie sozial. Meine Mitarbeiter sind mir viel zu wichtig, um sie jetzt im Regen stehenzulassen“, sagt der engagierte Unternehmer. Mut zeigt er auch bei den Investitionen. Zwar wird der geplante Sportpark, den Mennekes anlässlich des 75. Geburtstages der Firma im kommenden Jahr Kirchhundem schenken wollte, zunächst aufgeschoben, aber die betrieblich bedingten Investitionen in eine Modernisierung des sächsischen Standortes Neudorf werden ebenso aufrechterhalten wie der geplante Neubau eines Logistikzentrums.

Mennekes steht nicht allein. Ein Blick auf die Zahlen des Arbeitsmarktes zeigt, dass derzeit viele deutsche Unternehmen alles daransetzen, die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt, so stark es geht, abzufedern. Massenentlassungen sind hierzulande bisher ausgeblieben. Die Liste der Unternehmen mit der höchsten Zahl angekündigter Entlassungen ist der Stahlkonzern Thyssen-Krupp, der seine Belegschaft von knapp 200.000 Beschäftigten um 3000 Mitarbeiter verkleinern will. Danach folgt der Maschinenbauer Heidelberger Druckmaschinen, der 2000 Stellen streichen will.

Kapazitäts- und Personalabbau ohne Alternative

Der Mitbewerber König & Bauer beabsichtigt den Abbau von 800 Arbeitsplätzen. Beide Unternehmen leiden unter der Zeitungskrise und der schlechten Zeit für Werbung. Viele Unternehmen, die sich zu einem Stellenabbau gezwungen sehen, müssen dies nicht wegen der Konjunktur, sondern in erster Linie wegen branchenspezifischer Strukturkrisen tun. Die Druckmaschinenhersteller leiden unter der Krise der gedruckten Medien, die Banken unter der Finanzkrise, und die Automobilzulieferer leiden unter den gewaltigen Überkapazitäten am Automobilmarkt.

In diesen Branchen ist Kapazitäts- und Personalabbau ohne Alternative. In vielen anderen Branchen versucht man mit Kurzarbeit - oder anderen Alternativen wie im Fall Mennekes - die Krise zu überwinden. Die Erleichterungen bei der Genehmigung von Kurzarbeit und den entsprechenden Hilfen der Bundesagentur für Arbeit - vom Auftragsrückgang müssen nur noch 10 statt 30 Prozent der Beschäftigten eines Unternehmens betroffen sein, Kurzarbeit kann bis zu 18 statt bis zu 6 Monaten beibehalten werden, Kurzarbeit ist auch bei noch vorhandenen Arbeitszeitguthaben möglich, die Bundesagentur zahlt den Unternehmen die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge, im Falle von Weiterbildungsmaßnahmen sogar den gesamten Sozialversicherungsbeitrag - haben in den vergangenen Monaten zu zahlreichen Kurzarbeitsanträgen geführt. Darunter waren viele Fertigungsbetriebe, in zunehmendem Maß aber auch Dienstleister. Mit dem Baumarktbetreiber Praktiker hat erstmals ein Handelsunternehmen Kurzarbeit beantragt.

Mehr Stellenschaffungen als Streichungen im ersten Quartal 2009

Wegen der vielen Kurzarbeiter ist die befürchtete Entlassungswelle bisher ausgeblieben. Entgegen allen Erwartungen sind im ersten Quartal 2009 öffentlich sogar leicht mehr Stellenschaffungen angekündigt worden als Stellenstreichungen. 28.980 beabsichtigten Entlassungen stehen 31.205 neue Stellen in Großunternehmen gegenüber, wie sich aus der Auswertung aller öffentlich angekündigten Stellenveränderungen bei Großunternehmen durch das Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ergibt. Der Unterschied ist zu gering, um von einer Wende zum Positiven am Arbeitsmarkt zu sprechen.

Auffallend aber ist, dass diese Zahlen vor einem Jahr, also im Frühjahr 2008, durch einen Überhang an Stellenstreichungen die konjunkturelle Talfahrt ziemlich genau vorwegnahmen. Seitdem übersteigen die Stellenstreichungen die Stellenschaffungen. Im ersten Quartal 2009 liegen beide Zahlen etwa auf gleicher Höhe. Einstellungen gibt es noch immer im Einzelhandel; die Liste der Stellenschaffer wird angeführt von den beiden großen Einzelhandelsunternehmen Rewe und Edeka sowie Kaufland und Lidl (beide gehören zur Schwartz-Gruppe).

„Nur“ 24 Millionen Menschen haben konjunkturabhängiges Einkommen

Der Einzelhandel profitiert von zwei Entwicklungen. Zum einen hat der Einzelhandel in den vergangenen Jahren am Boom nicht teilgenommen; die Fallhöhe ist also gering. Zum Zweiten aber profitiert der Einzelhandel davon, dass die überwiegende Zahl der Deutschen bisher keine Einkommenseinbußen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise erleidet und auch in naher Zukunft nicht erleiden wird. Von den 70 Millionen Deutschen im Erwachsenenalter (älter als 15 Jahre) haben „nur“ 24 Millionen Menschen ein konjunkturabhängiges Einkommen. Die knappe Hälfte aller erwachsenen Personen hierzulande ist Transferempfänger. Deren Einkommen bleibt gleich oder steigt in diesem Jahr deutlich um mehr als 2 Prozent (Rentner). Darüber hinaus sind mehr als 15 Millionen Erwachsene in konjunkturresistenten Branchen tätig, darunter viele für den Staat oder im Gesundheitswesen, im Einzelhandel oder in der Versorgung wie Müllabfuhr, Wasserversorgung oder Stromversorgung.

Aber auch in der konjunkturabhängigen Wirtschaft gibt es noch immer offene Stellen. So ist die Lücke bei den Ingenieuren heute kleiner als vor einem Jahr, aber sie sind noch immer gesucht. Die Verbände warnen bereits davor, dass sich Schüler wegen der Krise von technischen Studiengängen abwenden könnten. Im Bereich erneuerbare Energien sind in den vergangenen Monaten 30.000 neue Stellen geschaffen worden. Der Bundesverband der Bilanzbuchhalter und Controller in Bonn berichtete erst dieser Tage davon, dass im Rechnungswesen dringend Nachwuchskräfte gesucht würden, weil jetzt die buchhalterischen Abläufe überprüft und umstrukturiert würden. Die veröffentlichten Zahlen der Großunternehmen zeigen viel Schatten, aber auch Licht. Es zeichnet sich noch kein Aufschwung ab, aber wenn sich alle Beteiligten vernünftig verhalten, kann der Absturz am Arbeitsmarkt vielleicht verhindert werden.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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