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Stefanie Harig Die Discounterin

04.01.2009 ·  Fotokunst muss nicht teuer sein, sagte sich Stefanie Harig und gründete die Galeriekette Lumas. Die Fotografen waren wenig begeistert. Bis die erste namhafte Fotografin klebenblieb. Die Idee wurde ein Erfolg. Heute wettern nur noch Galeristen.

Von Nadine Oberhuber
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Es gibt viele Orte, die zu ihr passen würden. Aber nicht unbedingt ein Schrottplatz. Doch die Bilderserie vom abgewrackten Industrieareal, auf dem sich die Rostlauben stapeln, ist ihr die liebste in der Büroetage, sagt Stefanie Harig. Sie zeigen Chaos und Verfall. Und in der schicken Altbauetage im Berliner Stadtteil Charlottenburg wirken sie so fremdartig, dass es natürlich nach großer Kunst aussieht. Aber das ist es nicht, was die Gründerin der Galeriekette Lumas daran fasziniert.

Im Gegenteil, diese ganze Betroffenheitskunst, sagt sie, mag sie gar nicht, "oder wenn mich die hundertste Mülltonne traurig anguckt". Der Schrottplatz ist auch nicht typisch für das Lumas-Programm. Das steht genauso für aquarellartige Traumbilder, gestochen scharfe Wasserlandschaften oder surreale Großstadtfassaden. Stefanie Harigs Galeriekette verkauft Fotos, die schön sind und als absolute Hingucker zu Hause überm Sofa landen. Aber die Chefin durchbohrt jeden mit knallhartem Blick, der sie auch so nennt.

Ein Mensch, sperriger als die Bilder

Hinter der schmalen Person steckt ein Mensch, der viel sperriger ist als die Bilder, die sie verkauft. Sie überlegt lange, wenn sie gefragt wird, wie der typische Lumas-Kunde aussieht oder wann ein Fotograf zum Lumas-Künstler taugt. Ihre Fotoauswahl trifft den Geschmack Zehntausender Kunden, die bereits bei ihr gekauft haben. Aber wenn jemand sagt, die Fotos seien "schön und gefallen", dann werden ihre Augen schmal und die Gesten zackig. Das sind zwei Worte, die sie nicht mag.

Was Lumas-Bilder dann ausmacht? Wenn sie als "Fotofresserin" daran hängenbleibt, sagt sie, "weil man sie mit zwei Augen sehen kann": mit dem einen, das guckt, ob ein Foto gefällt - und dem anderen, das an einer Geschichte hängenbleibt. Und für sie erzählen die Bilder vom Schrottplatz eine Geschichte: Weil der Fotograf die Rostlaubenverwahrstelle über zehn Jahre immer wieder abgelichtet hat. Zuerst fotografierte er einen Schrotthaufen, dann eine Industriebrache und zum Schluss ein modernes Gewerbegebiet. Es ist die Geschichte eines Aufbruchs. Und ein bisschen ist es auch ihre Geschichte.

Mindestens drei große Umbrüche hinter sich

Denn die Gründerin der Galeriekette hat schon mindestens drei große Umbrüche hinter sich. Nicht dass ihr Leben dabei jemals einem Schrottplatz geähnelt hätte. Es gab sogar eine Zeit, da hätte jeder Drehbuchautor daraus einen herrlichen Schnulzenfilm machen können: Es ist die Geschichte von der Kunstgeschichtsstudentin, die mit Anfang 20 zur PR-Beraterin wurde, dann selbst eine Agentur gründete und ihrem Traummann begegnete. Der war erst Jungunternehmer und Unternehmensberater. Sie zog mit ihm in eine alte Villa in Berlin, fragte sich aber eines Tages, "ob es nicht noch etwas anderes im Leben gibt". Da kam beiden sein Jobangebot aus New York gerade recht. Das war der Aufbruch.

Stefanie Harig ging mit - auch ohne eigene Arbeitserlaubnis. Dafür verkaufte sie ihre Agentur, obwohl die gerade gut lief. In dem Moment war sie so etwas wie die Industriebrache auf den Bildern. Eine ungenutzte Fläche, unbestellt, aber mit viel Potential. Es war eine schöne Zeit in New York, sagt sie im Rückblick, aber so richtig schwelgen sieht man sie dabei nicht. Man kann sich auch schwer vorstellen, dass ein "schönes Leben" das Richtige für sie war. Dass die drahtige Person, deren Tage bis dahin aus Organisieren bestanden und deren Zeitplan heute oft so durchgetaktet ist, dass die Assistentin die Karten für das Popkonzert am Abend abholen muss, dass so jemand für längere Zeit auf dem Sofa in Manhattan die Füße hochgelegt hätte. Als Unternehmensberatergattin. Ohne Aufgabe.

Also suchte sie sich auch ohne offizielle Erlaubnis eine Beschäftigung: Sie richtete in New York die Wohnungen von Freunden ein. Darin hatte sie ein paar Jahre Übung. Gerade erst hatte sie die verfallene Bauhausvilla am Wannsee wieder instand gesetzt, die sie und ihr Mann Marc Ullrich gekauft hatten. Trotz Denkmalschutz und Auflagen. Es dauerte Jahre und schluckte ein Vermögen. Es wurde ein Paradies.

Anders als im Schnulzenfilm

Sie muss wohl auch den Geschmack der New Yorker getroffen haben. Jedenfalls war ihr Stil an der Upper East und West Side ziemlich schnell gefragt, und sie überlegte, ein richtiges Geschäft daraus zu machen. Wäre ihr Leben wirklich ein Schnulzenfilm, käme jetzt das Happy End.

Aber irgendwie taugt Stefanie Harig nicht als Vorlage für eine Heldin aus dem "... und sie lebten glücklich und zufrieden"-Roman. Deshalb wurde aus ihr auch keine dezente Dekorateurin, die ein paar Jahre lang Knicke in die Sofakissen der New Yorker Society drückte. Dabei hätte sie aus dem Einrichten einen gutbezahlten Job machen können. Aber sie hatte das Gefühl, dass sie eine Marktlücke entdeckt hatte, die noch viel größer war und viel schwieriger zu beackern als jede Brachfläche. Als sie New York den Rücken kehrten, gründete das Ehepaar Harig-Ullrich 2004 in Deutschland die Firma, die den ganzen Kunstmarkt umkrempeln sollte.

Denn schöne Möbel kann man in allen Preisklassen kaufen - doch wo kauft man geschmackvolle Bilder? "Ich habe ganz New York abgebrowst, aber nichts gefunden", sagt Harig, "auch nicht in anderen Städten. Die meisten Menschen haben entweder weiße Wände oder Alibi-Platzhalter aus dem Museumsshop an der Wand." Egal, wie viele Millionen sie auf dem Konto haben. Die nützen gar nichts, wenn gute Originale nur erst ab sechsstelligen Summen in Galerien oder Auktionen zu bekommen sind. Drum besitzen selbst Reiche oft nur ein vernünftiges Bild. Eines, mit dem sie eine Duftmarke setzen. Sie fand: Da geht mehr.

Glauben wollte das außer ihr und ihrem Mann niemand. Vielleicht hat ihr in der Situation geholfen, dass sie zuvor schon Unternehmerin war. Sich schon mit 23 Jahren mit ein paar Ersparnissen selbständig gemacht hatte und seitdem wusste, dass Erfolg und "Komplettkatastrophe" manchmal nur ein Tag und eine Unterschrift trennen. Zumindest sieht sie das heute so. Aber damals, mit 23, war ihr Vorteil: "Ich war komplett unverkrampft. Wenn mich Leute warnten, sagte ich: Ob ich mir nun einen Golf kaufe, den ich gegen die Wand fahre, oder eine GmbH gründe: Wenn's blöd läuft, ist das Geld eben weg." Ihr altes Büro am Ku'Damm liegt übrigens nur einen Steinwurf entfernt von der heutigen Berliner Lumas-Filiale. Und der Firmensitz der Galeriekette in Charlottenburg liegt genau an der Straße, an der ihr Mann seine erste Firma als Jungunternehmer gegründet hatte. Beide fanden, das sei ein gutes Omen. Vielleicht wussten sie da schon, dass sie viel ungewöhnlichen Beistand brauchen würden.

Ideen fast verschrottet

Denn beinahe wäre die Firmengründung nichts weiter gewesen als groß aufgetürmte Ideen, die fast verschrottet worden wären. Sie wollte ein Netz von Verkaufsräumen aufbauen. Keine Edelläden, sondern welche für jedermann. Mit Fotos, die jeder versteht, auch ohne Vorwissen und Kunstgeschichtsstudium. "Kunst muss elitär sein? Dieser Anspruch hat mich immer gefuchst. Nein, man muss sie demokratisieren", redet sie sich noch heute in Rage. Als "Robin Hood der Fotokunst" sieht sie sich.

Die Galeristen sehen das anders. Sie wettern bis heute, dass die Galeriekette langfristig die Preise kaputtmacht, weil sie Kunst viel zu billig verkauft. Den Vorwurf will Harig nicht gelten lassen: "Durch uns ist noch keine Galerie pleitegegangen. Bei uns kaufen die Leute nachweislich nur ein paar Jahre. Dann verlieren wir sie an die Galerien, als Sammler. Wir sind ein Durchlauferhitzer."

Bei Lumas kosten Fotos höchstens ein paar hundert Euro. In edlen Galerien sind es mindestens ein paar tausend. Die kleinen Preise kann Harig bieten, weil sie Abzüge nicht in Kleinstauflagen von 15 oder 25 Stück fertigen lässt, sondern gleich in Hunderter-Auflage. Genau deshalb aber gab niemand dem Konzept eine Chance: Welcher Kunde würde viel Geld für ein Kunstfoto ausgeben, wenn es nicht einmal ein Unikat sei? Und dann noch mitten im Jahr 2003, als sich die Wirtschaft mitten im Abschwung befand?

Nicht einmal die Fotografen glaubten daran. "Sogar von denen schlug mir blankes Entsetzen entgegen. Dabei dachten wir: Die müssten sich doch freuen!" Dutzende Künstler klapperte sie ab, mit der Frage, ob sie deren Fotos verkaufen dürfe. Alle winkten ab: alles viel zu kommerziell. "Ich kam mir vor wie im Comicfilm: Jeden Tag bin ich losgelaufen, gegen die Wand geknallt und runtergerutscht."

Mit Stefanie Schneider begann die Erfolgsgeschichte

Erst als die erste namhafte Fotografin an ihr klebenblieb, hörte das auf - und mit Stefanie Schneider begann die Erfolgsgeschichte von Lumas. Beide halten bis heute aneinander fest. Heute, fünf Jahre später, hängen die Schneider-Bilder auch im Museum und bringen auf Auktionen fünfstellige Summen. Und die Galeriekette von Stefanie Harig hat 120 Fotografen im Portfolio, bereits 14 Filialen eröffnet - eine davon in New York - und im Jahr 2008 für rund 13 Millionen Euro Fotos verkauft. Obwohl gerade ein neuer Abschwung beginnt.

Jetzt will die Gründerin nicht länger nur Bilder verkaufen, sondern auch Kunstobjekte und einzelne Designmöbel. Man darf es zwar nicht so nennen, aber: Vielleicht, weil sie weiß, dass Leute es zu Hause gern schön haben, gerade in diesen Zeiten.

Der Mensch

Mit zwölf Jahren wollte Stefanie Harig schon Museumsdirektorin werden. Sie schnappte sich damals die Bücher ihres Vaters und lernte Maler und ihre Werke auswendig. Später studierte sie Kunstgeschichte, ging nach dem Studium in die PR-Branche und gründete nach dem Studium mit 50 000 Mark ihre eigene Agentur. Die verkauft sie später und geht mit ihrem Mann nach New York. Dort entdecken beide einen Satz historischer Fotografien und beginnen, Kunstfotos zu sammeln. Das ist der Beginn ihrer Leidenschaft. Die heute 39-Jährige ist Mutter von zwei kleinen Töchtern. Eigentlich, so sagt sie, hat sie aber drei Kinder: Java, Mavie und Lumas. Auch Dogge Ella gehört zum Haushalt.

Das Unternehmen

Mitten in der Wirtschaftskrise 2003 gründet Stefanie Harig mit ihrem Mann Marc Ullrich das „Projekt Lumas“, das aus der Avenso AG erwächst. Sie wollen Fotokunst erschwinglich machen, mit einer Galeriekette, die Bilder junger Fotografen in größeren Auflagen selbst produziert und verkauft. Die erste Galerie eröffnet in Berlin, weitere Filialen in deutschen Großstädten kommen dazu. Nach kurzer Zeit schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen. Inzwischen ist Lumas mit mehr als 100 Mitarbeitern an 14 Standorten vertreten, auch in Zürich, Boston, Miami und New York. Neben Fotos verkauft die Galerie auch Designobjekte. Der Umsatz betrug 2008 rund 13 Millionen Euro.

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