26.11.2011 · Stefan Mappus war nur zwölf Wochen lang Manager bei Merck. Jetzt schmeißt der frühere baden-württembergische Ministerpräsident hin. Es gibt Indizien, dass er nicht freiwillig ging.
Von Melanie AmannFür den Brasilianer Celso Braga muss sich die vergangene Woche gut angefühlt haben. Am 21. November bekam er seinen Job zurück, den er zwischenzeitlich an einen Deutschen verloren hatte: Braga stand und steht nun wieder an der Spitze von Merck Brasilien, einer Landesgesellschaft des Chemie- und Pharmariesen Merck aus Darmstadt. Braga musste seinen Posten räumen, weil die Merck-Zentrale beschlossen hatte, den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus an die Copacabana zu schicken. Mappus, frisch abgewählt in Stuttgart, ohne Kenntnisse von Chemie- oder Pharmavertrieb, geschweige denn Portugiesisch, hätte als neuer Landeschef viel Hilfe benötigt. Celso Braga hätte weiter gearbeitet wie bisher, nur eben als Nummer 2 für Mappus, der seinen Platz im Vorstand der Handelskammer eingenommen hätte, beim Botschaftsempfang in der ersten Reihe gestanden und viele ausländische Gäste durch sein Reich geführt hätte.
Stattdessen bleibt jetzt alles beim Alten in Rio: Stefan Mappus hat Merck gebeten, ihn zum Jahresende von seinem Vertrag zu entbinden. Warum? Er müsse „wehrfähig“ sein, sagt der frühere CDU-Politiker. Wehren will er sich gegen „diffamierende Angriffe und Verleumdungen gegen meine Person und die von mir geführte Landesregierung“. Die Vorwürfe betreffen eine milliardenschwere Transaktion, die sein Kabinett Ende 2010, kurz vor der Landtagswahl eintütete: den Einstieg Baden-Württembergs beim Energiekonzern ENBW. Abgesehen vom schlechten Timing - kurz vor Fukushima kauft das Land schnell ein paar Atomkraftwerke - und abgesehen von ordnungspolitischen Bedenken - wieso will der Staat Strom verkaufen? -, war das Prozedere verfassungswidrig. Mappus’ Regierung habe das Parlament zu spät beteiligt, urteilte der Staatsgerichtshof.
Seither prasseln auf Mappus ständig neue Vorwürfe hernieder. Die Staatsanwälte horchen auf, der Rechnungshof nimmt den Kauf unter die Lupe, die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses wird diskutiert. Mappus habe einem befreundeten Investmentbanker ohne Ausschreibung Aufträge zugeschanzt, zetert die neue Regierung, niemand habe dabei die Bücher geprüft, alle Akten seien verschwunden, der Deal zu teuer, die Anwälte zu schlampig gewesen. Schwierig für Mappus, sich zu dieser Begleitmusik auf Krebsmedikamente, Chemikalien und Portugiesisch-Vokabeln zu konzentrieren.
Schwierig ja - aber war dies der Grund für Mappus, den Merck-Posten zu opfern? „Wer schweigt, stimmt zu“, sagte er den „Stuttgarter Nachrichten“. „Diesen Eindruck kann und will ich nicht zulassen.“ Von einem anderen Kontinent aus, im Dienst eines Unternehmens, könne er die - haltlosen - Vorwürfe von Mauschelei und mutwilligem Rechtsbruch nicht abwehren. Seinen Nachfolger Kretschmann hat er gebeten, ihn von seiner Schweigepflicht für Dienstgeheimnisse zu entbinden. Mappus sagt klipp und klar, er habe Merck freiwillig verlassen. Merck sagt laut und deutlich, Mappus sei leider freiwillig gegangen. Doch jenseits der offiziellen Verlautbarungen erklingen auch andere Töne. „Das Urteil des Staatsgerichtshofs hat vieles in Bewegung gesetzt“, heißt es in Unternehmenskreisen. „Die Bewegungen deuteten in Richtung Vertragsauflösung.“ Dass die erste sichtbare Bewegung von Mappus ausging, muss also nicht so viel heißen.
Gegen die offizielle Version der Ereignisse spricht schon das Geld: Ging Mappus freiwillig, war es wirtschaftlich ein extrem mutiger Schritt. Sein Übergangsgeld aus öffentlichen Ämtern ist nach drei Monaten versiegt, für seine Pension ist der 45-Jährige zu jung. Wenn zum Jahresende der Merck-Vertrag ausläuft - von Trennungsgeld ist nicht die Rede - ist er „between jobs“: arbeitslos, ein selbständiger Selbstverteidiger. Ein neuer Arbeitgeber, der im Fall neuer Vorwürfe einen neuerlichen Absprung fürchten müsste, ist nicht in Sicht. „Die Ämter, die Arbeit - was will man diesem Mann noch nehmen“, klagt ein enger Mappus-Vertrauter. „Er wird als Mensch in den Abgrund gestoßen.“ Doch glaubt man Mappus, springt er ja selbst in den Schlund: „Ehre kommt vor Karriere“, sagte er trotzig.
„Merck kommt vor Mappus“, dachte sich aber vielleicht mancher Vorstand oder Aufsichtsrat in Darmstadt in letzter Zeit. Schon die Ankunft des Politikers ging nicht widerstandsfrei über die Bühne. Als die Wechselgerüchte im Juli bestätigte wurden, grummelte die Belegschaft. Merck-Mitarbeiter diktierten dem Betriebsrat Fragen an die Geschäftsführung, zu verlesen auf der Betriebsversammlung: Warum setzt man einen Ex-Politiker ohne Fachkenntnis und Auslandserfahrung auf diesen Posten? Doch Merck-Chef Karl-Ludwig Kley wischte fachliche Zweifel beiseite. Ihm sei es durchaus auf die Symbolik der Personalie angekommen, wurde oft berichtet. Kley wollte eine Lanze brechen für mehr Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft. Nur wenn Politiker eine Zukunft im Management hätten, ließen sich fähige Manager für die Politik begeistern, so sein Credo. So normal sollte der Wechsel erscheinen, dass es nicht mal eine Pressemitteilung gab - „gibt es nie für Mitarbeiter dieser Ebene“, sagt die Pressestelle. Doch mit dem Gerichtsurteil könnte nicht nur Mappus’ geringe Wirtschaftserfahrung zu seinen Ungunsten neu gewogen worden sein, sondern auch das rechtliche Risiko seiner Berufung.
Die Lauterkeit des ENBW-Deals stand zwar schon in Frage, als man Mappus holte. Doch dass das Urteil so klar und hart ausfallen würde, hätte niemand erwartet. Und wie Mappus selbst sagt: Die Arbeit für Merck ist „hoch compliance-relevant“. Compliance heißt die Lehre, nach der Firmen Rechtstreue und Redlichkeit ihrer Mitarbeiter fördern und überwachen sollen. Verantwortung muss klar erkennbar, eine Führungskraft Vorbild sein. Keine Branche kennt so strenge Compliance-Regeln wie die Pharmaindustrie. In diese Welt trat nun ein Neuer, der - in Wirtschaftstermini - kein Problem damit hatte, am „Aufsichtsrat“ vorbei ein Milliardengeschäft durchzusetzen, gestützt auf eine Notstandsklausel, ohne Zahlenhuberei - es eilte. Dieser Mann wäre für einen börsennotierten Weltkonzern nach Brasilien gegangen, wo Celso Braga und 1200 Mitarbeiter zuletzt 359 Millionen Euro umsetzten (fast 40 Prozent mehr als 2009). So kam, bei Lichte betrachtet, am Ende vielleicht doch Merck vor Mappus.
Hallo Frau Amann,
J. Berthold (jobst65)
- 29.11.2011, 00:35 Uhr
Na so was...
Kurt Vollpfosten (Wessiforever)
- 28.11.2011, 17:59 Uhr
EINBILDUNG
Christian Duerig (crigs)
- 28.11.2011, 15:56 Uhr
Mappus und Öttinger...
Los Närgli (lma666)
- 28.11.2011, 08:15 Uhr
Eklatantes Versagen der Aufsichtsgremien von Merck
Gerhard Rinker (GerdR)
- 27.11.2011, 20:23 Uhr
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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