19.08.2010 · Der Ranzen mit Rollen ist der Trend der Saison für Abc-Schützen. Bei gesundheitsbewussten Eltern kommt er besonders gut an. Ein Essener Start-Up-Unternehmen drängt mit der Neuheit auf den Markt.
Von Bettina WeigunyDie Idee kam der Patentanwältin während der Babypause: Man müsste einen Schulranzen entwickeln, der leicht ist, bequem, rückenschonend und cool - „einen Trolley“. Dann legten Tanja Bendele und ihr Mann los: Die Essener suchten sich einen Designer, einen Hersteller in China und steckten eine Menge Geld in das Projekt. Jetzt, zwei Jahre später, ist der Trolley fertig: Die „SCi Bag“, schlicht in Rosa, Blau und Schwarz, stößt in den lukrativen Markt für Abc-Schützen vor.
742 000 Schulanfänger haben demnächst ihren ersten Schultag. 160,80 Euro zahlen Eltern laut den GfK-Konsumforschern im Schnitt für die Erstausstattung. Mit Abstand größter Posten ist der Ranzen, der zum Statussymbol auf dem Schulhof geworden ist.
Ein Exemplar von Scout, dem Pionier unter den Herstellern, kostet schon mal 200 Euro. Vor 35 Jahren haben die orange-blauen Scout-Kunststoffranzen auf einen Schlag die gute alte Ledertasche verdrängt. Zehn Millionen Taschen haben die Pfälzer seither verkauft.
Jahrelang beherrschten zwei Große das Revier: Scout und McNeill, danach kam lange nichts. Doch nun erhöhen die kleineren Anbieter den Druck. Spielwarenhersteller (Lego, Hama) drängen verstärkt in den Markt, Modemarken (Esprit), Kofferhersteller (Samsonite), außerdem Outdoorausrüster (Jack Wolfskin) und Büroartikler (Herlitz). Dazu blüht das Lizenz-geschäft mit Kinderhelden wie Diddl, Lillifee, Stars-Wars, Wilde Kerle und Hello Kitty. Möglichst pink und glitzrig für die Mädchen soll es sein, wild und dunkel für die Jungen.
Ein Problem: Schrumpfende Schülerzahlen
In dieser Riege sind die Essener Start-Up-Unternehmer die Außenseiter. Aus Verzweiflung über das schlechte Angebot habe sie begonnen, berichtet die zweifache Mutter Tanja Bendele. „Jeder Berufstätige verreist mit Trolley. Und Kinder sollen die Ranzen auf dem Rücken tragen? Das ist unzeitgemäß.“ Ihre Klientel findet sie in der wachsenden Gruppe ebenso zahlungskräftiger wie gesundheitsbewusster Mütter. Der rollende Schulranzen sei Trend der Saison, berichten Online-Händler. Fast jeder Hersteller schickt deshalb einen fahrbaren Untersatz ins Rennen, auf den man den Ranzen festschnallt.
Das Problem der etablierten Ranzen-Fabrikanten: Sie kämpfen seit Jahren gegen schrumpfende Schülerzahlen. Zehn Prozent der Kundschaft sind ihnen in nur fünf Jahren abhandengekommen. Und auf lange Sicht werden es noch viel weniger. Zudem überschwemmt Billigware aus Asien die Geschäfte.
Die Not macht erfinderisch. Die Markenartikler umwerben vor allem die bildungsbürgerliche Klientel mit Neuheiten wie Vorschul-Ranzen sowie Luxus- und limitierten Exklusivmodellen. Denn die Eltern sind nur zu gerne bereit, ordentlich in den Karrierestart der Sprösslinge zu investieren.
250 Euro kostet die „Weltpremiere“ von Scout: der „Super Exclusiv Nano Active Lite“ mit „LED-Aktivlichtleiter“, in zwei Varianten für Mädchen (Flamingo-Design) und Jungs (Racing). Die 3000 Stück für diese Saison sind längst ausverkauft. Andere erweitern das Angebot in Richtung „All-Age-Produkte“: Ranzen für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Die SCi bag aus Essen ordern viele Mütter gleich zweimal, erzählt Unternehmerin Bendele: „einen fürs Kind, den anderen für sich“.
Bettina Weiguny Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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