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Europaweit auf Platz vier : Berlin ist nur noch Deutschlands Hauptstadt für Start-ups

Die deutsche Start-Up-Szene wächst weiter - auch wenn das bei den Investitionen nicht abzulesen ist. Bild: Reuters

Die deutsche Start-up-Szene entwickelt sich weiter gut. Im Europa-Vergleich fällt besonders Berlin aber zurück. Ausgerechnet diese Metropole luchst der deutschen Hauptstadt die Start-up-Krone ab.

          Weil die ganz großen Geschäfte ausgeblieben sind, haben Deutschlands neu gegründete Unternehmen (Start-ups) im vergangenen Jahr insgesamt deutlich weniger Geld durch Finanzierungsrunden eingenommen als in derselben Zeitspanne des Vorjahres. Der Gesamtwert ist auf 2,2 Milliarden Euro und damit um fast ein Drittel zurückgegangen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht aber ist, dass deutlich mehr Jungunternehmen von frischem Kapital profitieren als früher: Im Jahr 2016 erhielten in ganz Deutschland 455 Start-ups Risikokapital, im Jahr zuvor waren es nur 383 Unternehmen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Und die Zahl der Finanzierungsrunden stieg von 417 auf 486. Nachdem Berlin sich im Jahr 2015 dank einiger sehr großer Investitionen noch Europas Start-up-Hauptstadt nennen konnte, lagen 2016 London (2,2 Milliarden Euro), Paris (1,3 Milliarden Euro) und Stockholm (1,2 Milliarden Euro, dank Spotify) vor der Bundeshauptstadt. In den europäischen Top Ten konnte sich zudem München mit einem Investitionsvolumen von 345 Millionen Euro als zweite deutsche Stadt plazieren; damit belegte die bayerische Landeshauptstadt den siebten Platz.

          Im deutschen Bundeslandvergleich aber liegt Berlin weiter vorn: In 220 Finanzierungsrunden (Vorjahr: 212) erhielten Berliner Jungunternehmen insgesamt 1,07 (2,24) Milliarden Euro. Wie in Berlin wurden auch in Bayern (83 Transaktionen), Nordrhein-Westfalen (48) und Hamburg (40) mehr Finanzierungsrunden gezählt als im Vorjahr. Mit Blick auf das Finanzierungsvolumen konnten sich im vergangenen Jahr die Start-up-Standorte Bayern (527 Millionen Euro) und Nordrhein-Westfalen (141 Millionen Euro) hinter der Bundeshauptstadt plazieren – und verzeichneten dabei erhebliche Zuwächse:

          Bayern um 87 Prozent und Nordrhein-Westfalen um 57 Prozent. Rückläufig war das Finanzierungsvolumen in Hamburg, wo 127 Millionen Euro in junge Unternehmen flossen. Im Vorjahr waren es dort wegen einer sehr großen Transaktion noch 321 Millionen Euro gewesen. In ganz Europa hingegen stieg die Zahl der Start-up-Finanzierungen im vergangenen Jahr noch deutlich stärker als in Deutschland: um 41 Prozent. Der Gesamtwert der Investitionen sank zudem weniger deutlich als hierzulande, um 11 Prozent auf 11,8 Milliarden Euro.

          Das meiste Geld ging in britische Start-ups

          Betrachtet man die Zahl der Transaktionen, lag Frankreich mit 583 vor Großbritannien (535) und Deutschland (486), beim Transaktionswert hatte hingegen Großbritannien mit großem Abstand die Nase vorn. Insgesamt 3,74 Milliarden Euro flossen in britische Start-ups. Dahinter liegen Deutschland mit 2,23 Milliarden Euro und Frankreich mit 2,22 Milliarden Euro. Das sind Ergebnisse des Start-up-Barometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Die Studie beruht auf einer Analyse der Risikokapitalinvestitionen in Europa.

          „Die steigende Zahl an Finanzierungsrunden in den führenden deutschen Start-up-Regionen zeigt, dass der Start-up-Standort Deutschland weiter an Attraktivität gewonnen hat und sich neben dem Zentrum Berlin auch die anderen deutschen Start-up-Ökosysteme positiv entwickeln. Die Start-up-Szene in Deutschland steht heute auf einer breiteren Basis als je zuvor“, kommentiert Peter Lennartz, Partner bei EY, die Zahlen.

          Besonders aussagekräftig für den Start-up-Standort Deutschland sei die Zahl der mittelgroßen Geschäfte, so Lennartz: „Die Zahl der Unternehmen, die zwischen fünf und zehn Millionen Euro erhielten, stieg im vergangenen Jahr von 33 auf 55. Die Zahl der Unternehmen, die zwischen 10 und 50 Millionen Euro erhielten, stieg von 48 auf 461.“ Der Rückgang im Investitionsvolumen sei allein auf das völlige Fehlen sehr großer Transaktionen ab 100 Millionen Euro zurückzuführen, nachdem es im Vorjahr noch acht derartige Geschäfte gegeben hatte.

          E-Commerce- und Fin-Tech-Unternehmen im Trend

          „Wir haben im vergangenen Jahr ein starkes Wachstum bei kleineren Frühphasenfinanzierungen gesehen. Damit wurde eine gute Basis für zukünftiges, nachhaltiges Wachstum gelegt. Denn je mehr Gründungen und je mehr Finanzierungen im Seedbereich vorgenommen werden, desto größer ist die Chance, dass sich in Zukunft eine höhere Anzahl Start-ups zu erfolgreichen Mittelständlern oder sogar Unicorns entwickeln können.“

          Als „Unicorn“ (Einhorn) werden Start-ups bezeichnet, die eine Milliarde Dollar oder mehr wert sind. Das meiste Geld floss in Deutschland zuletzt in E-Commerce- und Fin-Tech-Unternehmen, nämlich 422 beziehungsweise 413 Millionen Euro. Während allerdings die Investitionssummen in diesen beiden Sektoren rückläufig waren, verzeichneten die Bereiche Mobilität und Gesundheit Zuwächse.

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