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Starke Marke (1) Naschkatzen sind bei Niederegger im Paradies

11.09.2006 ·  Der 200 Jahre alte Marzipanhersteller Niederegger arbeitet hart am Erhalt der Marke. Ohne Werbung, nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda und einem innovativen Image schaffte er es, im hart umkämpften Markt zu überleben.

Von Johannes Ritter, Lübeck
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Am schönsten ist es in der Rösterei. Dort werden die zerkleinerten Mandeln, vermischt mit Zucker, in rotierenden Kupferkesseln auf 95 Grad erhitzt und anschließend mit Stickstoff abgekühlt. Röstmeister Michael Krüger löst mit einem Schaber einen dicken Fetzen aus der noch warmen Rohmasse und läßt den Besucher probieren. Verzückung. Frischer kann Marzipan nicht sein, köstlicher kann es nicht schmecken. Noch viermal greift der Besucher zu, um sich dann selbst zu zügeln.

Die Besichtigung der Niederegger Marzipanfabrik hat gerade erst begonnen. Und es gibt noch sehr viel zu probieren. Auf allen Fertigungsstufen darf man frei zugreifen, sich mit Kartoffeln, Herzen, Sternen, Schweinen aus Marzipan oder feinen Schokopralinen genüßlich den Magen vollschlagen. Ein Paradies für Naschkatzen.

Ein Selbstläufer ist Marzipan nicht

Holger Strait ist dort aufgewachsen: „Ich bin neben den Röstkesseln geboren.“ Strait ist Geschäftsführer und Eigentümer der J.G. Niederegger GmbH & Co. KG in Lübeck, die vor 200 Jahren von dem Konditor Johann Georg Niederegger gegründet wurde. Der 56 Jahre alte Strait führt die Firma in der siebten Generation. Viel hätte nicht gefehlt, und Niederegger wäre heute nicht mehr im Besitz der Familie, sondern ein Anhängsel eines Schweizer Süßwarenherstellers.

„Mein Onkel wollte das Unternehmen verkaufen“, erzählt Strait. Das war 1986. Doch Strait entschied sich für ein „Family-buyout“ und kaufte dem Onkel die Anteile ab. Dazu mußte er sich hoch verschulden. Und einiges Neues in Angriff nehmen. Denn ein Selbstläufer ist Marzipan, und sei es noch so gut, nicht.

Von 130 Marzipanherstellern haben vier überlebt

Früher gab es in Lübeck 130 Marzipanhersteller - davon sind heute nur noch vier übrig. Daß Niederegger nicht nur zu den Überlebenden zählt, sondern unter den Premium-Anbietern zum absoluten Marktführer avancierte, verdankt die Firma dem Markengedanken, dem schon Straits Vorfahren gefolgt sind. Allerdings kann sich Niederegger nicht auf seinem guten Namen ausruhen, denn der Markt ist eher rückläufig: „Marzipan ist ein tradiertes Produkt. Die Leute denken nur zu Weihnachten daran“, sagt Strait.

Königsberger Marzipan sei früher einmal ähnlich bekannt gewesen wie Niederegger. Heute sei diese Marke nur noch bei Menschen bekannt, die 70 Jahre und älter seien. Die Marke sterbe deshalb langsam weg. Wie kann Niederegger dieses Schicksal erspart bleiben? „Wir müssen die Marke aktuell halten und breitere Verwendungsanlässe finden, sonst schläft der Markenname ein.“

Marzipan-Tee und 5,8-Kilo-Schwein

Daher hat sich Strait allerlei einfallen lassen: Das Naschwerk, das aus dem Orient nach Europa kam und einst nur für Hofdamen, Fürsten und gekrönte Häupter erschwinglich war, gibt es versetzt mit verschiedensten Aromen wie Orange oder Birne, zudem in den unterschiedlichsten Formen - von der Banane bis hin zum handbemalten 5,8-Kilo-Schwein. Es gibt Süßigkeiten für Kinder („Mandelino“) und „Fruchtkonfekt“ mit Cranberry-Füllung für die schwierigen Sommermonate.

Strait hat einen Marzipan-Likör namens „Cuandolé“ auf den Markt gebracht, um die dazu passende Süßware zu verkaufen. „Doch jetzt läuft die Flasche besser als die Süßware.“ Unter dem Namen Niederegger findet man ferner Marzipan-Tee und -Kaffee, aber auch verschiedenste Schokoladenpralinen höchster Qualität, die allesamt mit sehr viel Handarbeit in der Fabrik in Lübeck gefertigt werden. 500 Menschen, vor allem Frauen, arbeiten dort.

Niederegger macht keine Werbung

„35 Prozent unserer Produkte sind jünger als fünf Jahre“, sagt Strait, der sich keinesfalls verzetteln und den Namen Niederegger nicht über Süßwaren hinaustragen will. Aber auch im Kerngeschäft sind beileibe nicht alle Neueinführungen erfolgreich: „Marzipandragees haben nicht funktioniert.“ Der Kunde erfährt von den Neuheiten nur, wenn er vor dem rotweißen Niederegger-Regal im Laden steht. Denn Strait macht keine Werbung. „Wir sind eine leise Marke“, sagt er. Werbung lohne sich erst ab einem Budget von 10 Millionen Euro. Das könne und wolle er sich nicht leisten.

Wieviel sich Niederegger leisten könnte, gibt Strait nicht preis. Er nennt keine Geschäftszahlen, bestätigt lediglich alte Schätzungen, nach denen der Umsatz zwischen 100 und 200 Millionen Euro liegt. Abgesehen von Saisonkrediten - 60 Prozent des Umsatzes macht Niederegger zur Weihnachtszeit -, sei das Unternehmen schuldenfrei. Und im Gegensatz zum Markt wachse der Umsatz, zuletzt jedes Jahr um 3 bis 5 Prozent. Im laufenden Turnus seien die Erlöse dank der zahlreichen Neuheiten zunächst sogar zweistellig gewachsen. „Doch dann hat uns die Hitzewelle einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Dennoch rechnet er für das Gesamtjahr mit einem Umsatzplus von mehr als 5 Prozent.

Die Mandelpreise machen der Firma zu schaffen

Und die Ertragsseite? „Da haben wir im Moment nicht die tollsten Zahlen“, räumt Strait ein. Die Mandelpreise machen ihm schwer zu schaffen. Wegen der enormen Nachfrage aus Rußland und Asien muß Niederegger inzwischen 6,60 Euro für ein Kilo Mandeln zahlen. Vor drei Jahren waren es 3 Euro. Strait kauft nur Mandeln höchster Qualität. Und die wachsen im Moment fast nur im Süden Spaniens und Italiens. Kalifornische Mandeln seien zwar deutlich preiswerter, hielten geschmacklich aber einfach nicht mit: „Das ist wie mit der holländischen Tomate. Die kalifornischen Mandelbauern haben auf Größe gesetzt und dabei den Geschmack verloren.“

Verlust mache Niederegger nicht, beteuert der Unternehmer. Überhaupt habe die Firma, soweit er zurückdenken könne, nie Verlust gemacht. „Wir sind gesund.“ Und so soll es auch bleiben, damit Niederegger auch in Zukunft im Besitz der Familie bleiben kann. „Es wäre schön, wenn wir das Unternehmen an die nächste Generation weitergeben könnten“, sagt der Vater von zwei Töchtern, die beide Betriebswirtschaft studiert haben. Strait hält es für „durchaus vorstellbar“, daß Niederegger auch nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft von einer Strait geführt wird. Aber bis es soweit ist, vergehen noch mindestens sieben Jahre: „Bis 63 stehe ich auf jeden Fall zur Verfügung.“

Röstmeister Krüger steht seit 13 Jahren an den marzipangefüllten Kupferkesseln in der Rösterei. Seiner Figur sieht man das nicht an. "Viel genascht habe ich nur in den ersten drei Jahren. Danach hatte ich irgendwann genug." Komisch.

Quelle: F.A.Z., 11.09.2006, Nr. 211 / Seite 16
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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