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Standort Das Wunder von Lubmin

10.05.2007 ·  Anfang der 90er Jahre wurde das Kernkraftwerk Lubmin abgeschaltet. Jetzt soll dort ein neuer Energiestandort mit Gasanlage und Steinkohlekraftwerk entstehen. Das kommt nicht bei allen gut an.

Von Frank Pergande
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Lubmin bei Greifswald liegt am nordöstlichen Rand der Bundesrepublik und ist spätestens seit 1990 deutschlandweit bekannt. Damals ging es um die Sicherheitsmängel beim dortigen Kernkraftwerk (KKW) russischer Bauart. Bald darauf wurde das Kraftwerk, das zum Teil sogar noch Baustelle gewesen war, abgeschaltet. Seitdem wird abgerissen.

Der Abriss ist - entgegen der Erwartung, die der Name auslöst - die Aufgabe der Energiewerke Nord (EWN). 2010 sollen die EWN, deren alleiniger Gesellschafter seit 2000 das Bundesfinanzministerium ist, in Lubmin fertig sein. Zu diesem Zweck entstand dort ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle, wo inzwischen die Brennstoffe aller fünf einst betriebenen Reaktoren lagern und ein großer Teil der alten kontaminierten Reaktorgefäße. Die Energiewerke helfen unterdessen sogar in anderen Ländern beim Abriss von Kernkraftwerken, in Tschernobyl etwa oder im bulgarischen Kosloduj. Der Vertrag mit Russland über die Verschrottung alter Atom-U-Boote der Nordmeer-Flotte wurde gerade verlängert.

Zwei spektakuläre Ansiedlungen

Auftrag der EWN ist es aber auch, das Gelände des alten KKW zu vermarkten. Das nun ist inzwischen in einer Art und Weise gelungen, die sogar EWN-Geschäftsführer Dieter Rittscher von einem Wunder sprechen lässt: "So schnell ist das, glaube ich, noch nirgendwo in Deutschland gegangen." Der alte KKW-Standort wird nicht etwa ein beliebiges Gewerbegebiet, sondern bleibt Energiestandort, fortan atomfrei. Zwei spektakuläre Ansiedlungen stehen in Aussicht: In Lubmin soll 2011 die neue, 1200 Kilometer lange Gasleitung vom russischen Wyborg bei Sankt Petersburg durch die Ostsee ankommen, zunächst eine Röhre, später eine zweite, so dass am Ende 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr geliefert werden könnten. Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder gibt dem

Vorhaben Gewicht. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der in der Schweiz registrierten Betreibergesellschaft North European Gas Pipeline, an der Gasprom aus Russland, Eon und BASF beteiligt sind. Gleich neben der Gasanlage will der dänische Energiekonzern Dong Energy in Lubmin ein Steinkohlekraftwerk mit drei Blöcken mit jeweils einer Leistung von 800 Megawatt errichten. Dong und die EWN haben einen Optionsvertrag geschlossen: Wenn die Dänen das Kraftwerk genehmigt bekommen, erhalten sie auch das dreißig Hektar große Grundstück. Es brächte eine Investition von 1,5 Milliarden Euro. Voraussichtlich Ende des Jahres dürfte dazu endgültig die Entscheidung fallen.

Der Standort hat Vorteile

Der Standort Lubmin hat für Dong drei Vorteile: Gekühlt werden kann mit dem Wasser des Greifswalder Boddens. Es wird also kein Kühlturm gebaut, der dann weithin zu sehen wäre. Die Steinkohle kann auf dem Wasserweg gebracht werden, denn seit 2005 ist aus dem ehemaligen Auslaufkanal des KKW ein Hafenbecken geworden. Dong könnte zudem in das zwar noch aus der DDR-Zeit stammende, aber intakte Netz von Hochspannungsleitungen einspeisen.

Anfang des Jahres hatten die Dänen ihre Pläne vorgestellt. Seitdem regt sich Widerstand. Die Bewohner des Seebades Lubmin nebenan haben sich bei einer Befragung gegen das Vorhaben ausgesprochen - was allerdings ohne rechtliche Bindung ist. Eine Bürgerinitiative gegen das Kraftwerk versucht derzeit, die Öffentlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern auf ihre Seite zu ziehen. Die SPD, die in Schwerin den Ministerpräsidenten stellt, ist in der Frage gespalten. Die Kraftwerksgegner bekommen zudem Zulauf von Globalisierungsgegnern, die sich wegen des G-8-Gipfels im Juni in Heiligendamm derzeit gern jedes Themas im Land annehmen, für das sich Widerstand organisieren lässt. Der Widerstand erscheint deswegen größer, als er tatsächlich ist.

Gemeinden haben sich für das Kraftwerk ausgesprochen

Gerade haben sich die drei Gemeinden, auf denen das Gelände der EWN liegt - neben Lubmin sind das Kröslin und Rubenow -, im Zweckverband mit sieben zu zwei Stimmen für das Kraftwerk ausgesprochen. Die Lubminer Bürgerinitiative befürchtet aber noch etwas anderes: Da die 120 Hektar des Gewerbegebietes rund um den Industriehafen schon jetzt nicht mehr ausreichen, soll ein zweites Gewerbegebiet entstehen mit 170 Hektar. Dort aber müsste dann ein Kiefernwald gerodet werden. 2008 soll der Bebauungsplan vorliegen. Lubmin ist für energieintensive Industrien interessant geworden. Eine Biodieselanlage beginnt in wenigen Wochen den Probebetrieb. Zwölf Prozent des Rapsöls aus Mecklenburg-Vorpommern sollen dort verarbeitet werden. Auf einmal gab es sogar Interessenten für die einen Kilometer lange und dreißig Meter hohe alte Maschinenhalle des KKW, mit deren Abriss sogar schon begonnen worden war.

Inzwischen wurde die Halle von den alten Anlagen geräumt, der Fußboden erneuert, die zerschlagenen Scheiben ersetzt und ein gewaltiges Tor eingebaut. Sogar die alten Kräne sind überholt worden, von denen jeder bis zu 125 Tonnen tragen kann. Zwei Firmen haben sich angesiedelt. Die eine heißt Modul- und Anlagenbau, kommt aus Lubmin und stellt Schiffsteile her, die so groß sind, dass sie nur über den Wasserweg transportiert werden können. Die Firma Liebherr will Teile für Hafenkräne dort bauen. Vor der Maschinenhalle hat inzwischen ein Betrieb für Korrosionsschutz seine Hallen errichtet. Kernstück im Gewerbegebiet bleibt indes der Gasanschluss.

Die Genehmigungsverfahren laufen

Derzeit laufen die Genehmigungsverfahren. Voraussichtlich 2009 wird mit dem Bau begonnen. Die Anlage dürfte riesig werden. Allein die Gasverdichterstationen sollen eine Fläche von fünfzehn Hektar einnehmen. Das ist notwendig, weil das Gas mit einem Druck von nur noch etwa achtzig Bar ankommt, mit hundert Bar aber weitergeführt wird. Für die in Lubmin angesiedelten Betriebe sollen Sonderkonditionen ausgehandelt werden, um so preiswert Gas gleichsam von der Quelle zu beziehen. EWN-Geschäftsführer Rittscher sagt sogar, das neue Industriegebiet werde den Tourismus am Greifswalder Bodden nicht schwächen, sondern stärken.

15.000 Leute kommen schon heute jedes Jahr in das Informationszentrum der Energiewerke, um etwas über das alte KKW zu erfahren. Der aus dem Hafenbecken gespülte Sand wurde an den Strand von Lubmin gepumpt - was den Boddenstrand nicht nur vergrößerte, sondern seinerzeit auch viele Bernsteinfunde möglich machte. Rittscher meint, wenn etwa Liebherr seine gewaltigen Teile zum Hafen transportiert, dann sei das ein imposanter Anblick. "Wir zeigen hier alte und moderne Technik nebeneinander, ich glaube, das interessiert die Leute sehr." Für das strukturschwache Vorpommern ist der alte, neue Energiestandort ein Segen. 250 Arbeitsplätze sind in den vergangenen Monaten zu den bestehenden 1500 hinzugekommen. Allein 900 Leute sind noch immer damit beschäftigt, das alte Kernkraftwerk abzureißen. Die Gegend ist aber nicht nur wegen der neuen Arbeitsplätze interessant. Die nahe Universitätsstadt Greifswald beispielsweise gilt als einer der wenigen Orte mit Zukunft in Mecklenburg-Vorpommern.

Quelle: F.A.Z., 10.05.2007, Nr. 108 / Seite 22
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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