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Stahlwerk in Lothringen : Frankreich droht mit Verstaatlichung

Marode: Der Hochofen der Mittal-Gruppe in Florange. Bild: AFP

Frankreichs Industrieminister Montebourg will ein marodes Stahlwerk der Mittal-Gruppe in Lothringen retten. Um 600 Arbeitsplätze zu retten, prüft er nun die Verstaatlichung des Werkes.

          Die französische Regierung prüft die Verstaatlichung des zum Arcelor-Mittal gehörenden Stahl-Standortes Florange in Lothringen. Dies kündigte der französische Industrieminister Arnaud Montebourg im Gespräch mit der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ an. Die Intervention der öffentlichen Hand sei geboten, um 600 Arbeitsplätze zu retten, sagte der Minister. Der Staat wolle nicht dauerhaft Eigentümer des Standortes Florange sein, sondern suche Übernahmeinteressenten. Die seit Monaten laufenden Bemühungen haben bisher nicht gefruchtet.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Montebourg machte zudem unmissverständlich klar, dass Mittal als Investor in Frankreich nicht mehr erwünscht sei. „Wir wollen Mittal in Frankreich nicht mehr“, sagte er, denn der Konzern habe „Frankreich nicht respektiert“, sondern wiederholt Versprechen für Investitionen und Arbeitsplatzerhalt gebrochen.

          Der indische Unternehmer, dessen Konzern in Frankreich 20.000 Arbeitsplätze unterhält, zeigte sich nach Angaben aus seinem Umfeld „extrem schockiert“ über die Aussagen. Montebourg schränkte am Montag seine scharfen Worte ein. Er wollte nicht die Präsenz von Arcelor-Mittal in ganz Frankreich in Frage stellen, sondern seine Methoden. „Diese bestehen aus gebrochenen Versprechen, Erpressung und Drohungen“. Er wolle nur Florange aus dem Konzern herauslösen.

          Die ganze Branche leidet unter Überkapazitäten

          Am Dienstagnachmittag soll Mittal mit Präsident François Hollande zusammentreffen. Der Konzern hat angekündigt, dass eine Verstaatlichung von Florange andere französische Standorte von Mittal in Gefahr bringe. Damit würden noch mehr Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt, heißt es in einer Mitteilung.

          Um die Stahlindustrie in Lothringen wird seit Jahren gestritten. Sie gilt als wettbewerbsschwach, weil sie weit von der Küste entfernt ist und daher hohe Logistikkosten hat. Schon vor fast zwölf Jahren hatte der später übernommene Arcelor-Konzern geplant, Florange 2009 oder 2010 zu schließen. Wegen eines zwischenzeitlichen Auftragshochs wurde das jedoch verschoben. Mittal schloss bisher nur sein Werk im Nachbarort Gandrange. Nun aber macht die Konjunkturschwäche in Europa weitere Anpassungsmaßnahmen erforderlich.

          Die ganze Branche leidet unter Überkapazitäten. Die beiden Hochöfen in Florange an der Grenze zu Luxemburg und Deutschland stehen seit gut einem Jahr still. Arcelor-Mittal will die Hochöfen sowie die Kokerei dauerhaft schließen oder verkaufen. Bisher fand sich trotz der Bemühungen der Regierung jedoch kein ernsthafter Interessent. Montebourg argumentiert, dass Arcelor-Mittal den ganzen Standort aufgeben müsse, um mehr Interesse zu erzeugen. Arcelor-Mittal produziert in Frankreich rund 13 Millionen Tonnen Stahl jährlich. Zum Vergleich: Fachleute sprechen von 40 Millionen Tonnen Überkapazitäten in der Europäischen Union.

          Vorstoß findet unter prominenten Sozialisten starken Beifall

          Frankreich ist für Arcelor-Mittal mit 150 Standorten das wichtigste europäische Land. Zwei Drittel seiner Produktion in Europa stammen von dort. Die 20.000 französischen Arbeitsplätze vergleichen sich zum Beispiel mit nur 8000 in Deutschland.

          Montebourgs Vorstoß fand unter prominenten Sozialisten starken Beifall. Dazu gehörten die Kulturministerin Aurélie Filippetti, die in der Region früher ein Abgeordnetenmandat hatte, der Präsident der Nationalversammlung Claude Bartolone und der sozialistische Fraktionsvorsitzende im Senat, François Rebsamen. Selbst der ehemalige Finanzminister unter Präsident Jacques Chirac, Thierry Breton, hält die Verstaatlichung als letztes Mittel für legitim. Andere Länder hätten Banken oder Autohersteller wie GM verstaatlicht, sagte der heutige Manager.

          Quelle: F.A.Z.

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