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Stahlindustrie Thyssen-Krupp beendet Containerschiff-Bau

28.09.2009 ·  Die Reeder bestellen keine Schiffe mehr und stornieren ihre Aufträge. Dies beschert Thyssen-Krupp hohe Verluste. Deshalb sollen die Mitarbeiter in Emden künftig Windräder statt Containerschiffe bauen.

Von Johannes Ritter, Hamburg
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Die Werftengruppe der Thyssen-Krupp AG steht vor einem großen Umbau. Sie wird sich aus dem Bau ziviler Schiffe weitgehend zurückziehen und sich fortan auf den Marineschiffbau konzentrieren. Dies wollte der Aufsichtsrat der Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) am Montag beschließen. Es galt aber als sicher, dass die Kontrolleure den bereits angekündigten Rückzug aus den Nordseewerken in Kiel beschließen würden - notfalls auch unter Einsatz des doppelten Stimmrechts des TKMS-Aufsichtsratsvorsitzenden Olaf Berlien, der im Vorstand des Mutterhauses Thyssen-Krupp das Werftengeschäft verantwortet.

Thyssen-Krupp hat in Deutschland drei Werftstandorte: Emden (Nordseewerke), Kiel (HDW) und Hamburg (Blohm & Voss). An allen drei Standorten baut der Konzern sowohl Marineschiffe als auch zivile Schiffe. Letztere sind für TKMS, wie für andere Werften auch, im Zuge der Wirtschaftskrise zu einem großen Problem geworden. Weil der Welthandel stark abgeflaut ist und die Frachtraten tief in den Keller gerauscht sind, ist die Nachfrage nach Containerschiffen, wie der Thyssen-Werftenverbund sie baut, dramatisch eingebrochen. Aber TKMS bekommt im zivilen Schiffbau, zu dem auch der Bau von Luxusyachten gehört, seit geraumer Zeit nicht nur keine neuen Aufträge mehr. Seit März haben die Kunden, also die Reedereien, sogar zehn bestehende Aufträge für Containerschiffe storniert, weil ihnen die Banken bei der notwendigen Zwischenfinanzierung die Unterstützung verweigerten. Von den zehn abbestellten Schiffen müsse TKMS vier zu Ende bauen, weil der Bau schon zu weit fortgeschritten ist, verlautet aus Unternehmenskreisen.

Proteste von Mitarbeitern und IG Metall

Wegen der Unterauslastung hat der Werftenverbund, der an den drei Standorten in Norddeutschland mehr als 5000 Menschen beschäftigt, jetzt rund 1000 Mitarbeiter zu viel an Bord. Statt nun an allen drei Werften die Axt anzusetzen, hat Thyssen-Krupp eine Lösung gefunden, die unter dem Gesichtspunkt der Beschäftigungssicherung vorteilhafter erscheint, von der Arbeitnehmerseite aber dennoch kritisiert wird. Der Vorstand will die Fertigung der Nordseewerke Emden an die Siag Schaaf Industrie AG übertragen. Siag will auf den Anlagen fortan schwere Stahlbaukomponenten für Offshore-Windräder produzieren und dazu eben auch auf das dafür erforderliche, hohe technische Knowhow (etwa beim Schweißen und Drehen) der Schiffbauer in Emden zurückgreifen. Nach Angaben der TKMS können so 720 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten. Die 300 Ingenieure, die in Emden im U-Boot-Bau beschäftigt sind, bleiben sowieso an Bord. Unter Berücksichtigung der Stellen, die im Zuge des Altersteilzeitprogramms ohnehin bis zum Ende dieses Jahres noch wegfallen, wären durch diesen Umbau unter dem Strich also lediglich 60 TKMS-Arbeitsplätze bedroht.

Trotzdem haben in den vergangenen Wochen Tausende Mitarbeiter gegen die Umbaupläne protestiert. „Thyssen-Krupp darf den zivilen Schiffbau an der Küste nicht sterben lassen“, erklärte die IG-Metall-Bezirksleiterin Jutta Blankau. Sie fürchtet, dass TKMS fortan zu einseitig auf den Marineschiffbau konzentriert und damit noch anfälliger für Auslastungsschwankungen sei.

500 Millionen Euro Verlust erwartet

Die geplante Übertragung der Emdener Fertigung an Siag kommt Thyssen teuer zu stehen. Nach Informationen der F.A.Z. plant TKMS intern mit Einmalaufwendungen von nahezu 200 Millionen Euro. Einschließlich weiterer Restrukturierungskosten und Einmalkosten, die unter anderem die Kündigung von U-Bootaufträgen in Griechenland betreffen, erwartet der Werftenverbund im gerade zu Ende gehenden Geschäftsjahr 2008/09 (30. September) dem Vernehmen nach einen Verlust von 500 Millionen Euro. Darin sind operative Verluste von rund 100 Millionen Euro enthalten. Im Geschäftsjahr 2009/10 soll sich die Ertragslage zwar deutlich verbessern. Wegen der fortgesetzten Unterauslastung wird intern aber immer noch mit einem Fehlbetrag in zweistelliger Millionenhöhe gerechnet. In zwei Jahren, also 2010/11, solle TKMS dann ein zumindest ausgeglichenes Ergebnis schaffen, heißt es in gut informierten Kreisen. Dies wird dadurch erleichtert werden, dass dann Aufträge zum Bau von Fregatten für die Deutsche Marine abgearbeitet werden.

Um die Mitarbeiter in Emden von der Umschulung zu Windradbauern zu überzeugen, wird TKMS zur Sicherheit noch eine Beschäftigungsgesellschaft gründen und mit 10 Millionen Euro ausstatten. Dahinter steckt folgender Gedanke: Sollte es der neue Erwerber am Ende selbst nicht schaffen, würden die Mitarbeiter nicht mit einem Sozialplan der Marke Siag, sondern über den alten - und deutlich lukrativeren - Thyssen-Krupp-Sozialplan nach Hause geschickt werden.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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