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Stahlbranche Nur die vorläufige Krönung der Konsolidierung

 ·  In der Stahlbranche sind feindliche Übernahmen nun hoffähig. Irgendwann wird der größte Anbieter aus China kommen. Die Nachfrage wird bleiben. Das macht den Stahlmarkt für die Anbieter aber nicht frei von Sorgen.

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Stahl ist knapp und teuer. Erst im April haben die Stahlkonzerne die Preise für Flachstahl erhöht, nachdem sie im Januar eine solche Anhebung im Markt nicht durchsetzen konnten. Schuld daran ist vor allem der Stahlhunger der chinesischen Wirtschaft, aber auch die robuste Verfassung der meisten Abnehmerbranchen der Stahlindustrie. Deshalb ist die grundsätzlich von Konjunkturzyklen geplagte Stahlwirtschaft derzeit wieder eine prosperierende Branche. "Und wenn der China-Boom irgendwann einmal zu Ende ist, werden Infrastruktur- und Bauinvestitionen in anderen bevölkerungsreichen Schwellenländern den Stahlbedarf noch lange treiben", ist der amerikanische Investor Wilbur Ross überzeugt, der im April 2005 seine International Steel Group an Mittal verkaufte und seither an dem Stahlkonzrn beteiligt ist, der nun mit Arcelor fusioniert.

Ross nennt vor allem Indien, aber auch Mitteleuropa, die Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion sowie die bevölkerungsreicheren Staaten in Lateinamerika gelten als Stahlmärkte der Zukunft. Die Nachfrage ist also da und wird bleiben. Das macht den Stahlmarkt attraktiv, für die Anbieter aber nicht frei von Sorgen: Denn vor allem die Preise für Koks, Schrott und Erze sind hoch. Es herrscht ein scharfer Wettbewerb um Kostenvorteile und Technologieführerschaft.

Es geht um Stabilisierung des Preisniveaus

Gebastelt wird deshalb an Unternehmen, die die Möglichkeit haben, aus Tausenden von Stahlproduzenten durch Fusionen neue, rund um die Welt operierende Einheiten zu formen, den sogenannten "Integratoren". Es geht um Vorteile im Einkauf, einen stärkeren Einfluß auf die Preise. Denn je weniger Unternehmen es gibt, um so einfacher können die Anbieter eines Marktsegments ihre Marktmacht ausüben und mit einer koordinierten Verringerung der Produktion auf eine sinkende Nachfrage reagieren. Der Druck durch die Sandwichposition zwischen den Rohstofflieferanten einerseits und den häufig großen Abnehmern zum Beispiel aus der Autoindustrie andererseits ist dann nicht mehr ganz so groß. Um Preiserhöhungen, da sind sich die Analysten einig, geht es bei den Fusionen auch deshalb weniger als um eine langfristige Stabilisierung des Preisniveaus.

Mit dem Zusammenschluß von Arcelor und Mittal entsteht der neue König der Integratoren, ein Konzern mit einer jährlichen Stahlproduktion von rund 120 Millionen Tonnen, 10 Prozent des Gesamtmarktes. Das neue Unternehmen ist der mit Abstand größte Stahlproduzent, der erste wirklich global vertretene Stahlkonzern, der Marktführer in West- und Osteuropa, in Amerika und Afrika. Nippon Steel, die Nummer zwei, ist nur knapp ein Viertel so groß. Es ist die vorläufige Krönung einer Konsolidierung, die zunehmend Fahrt aufnimmt: In den beiden vergangenen Jahren haben so viele Stahlunternehmen wie nie zuvor den Eigentümer gewechselt. Die Transaktionsvolumina addierten sich schon vor der Mittal/Arcelor-Transaktion auf mittlere zweistellige Milliarden-Euro-Beträge.

Häufiger gegen den Widerstand der Führung

Kommt es in der Branche zu weiteren Übernahmen, werden diese nach der Meinung von Branchenkennern häufiger als früher gegen den Widerstand der Führung des Kaufobjektes durchgefochten werden. So etwas war in der Branche früher verpönt, ist nach den Übernahmeschlachten um die kanadische Dofasco, an der auch die deutsche Thyssen-Krupp interessiert war und die dann an Arcelor ging, sowie danach um Arcelor selbst aber hoffähig geworden. Beim deutschen Branchenprimus Thyssen-Krupp zweifeln manche Beobachter allerdings daran, daß der Werkstoff-, Industriegüter- und Dienstleistungskonzern seine Kräfte noch rechtzeitig auf das Stahlgeschäft konzentrieren wird, um mit den davoneilenden Wettbewerbern Schritt halten zu können. Thyssen-Krupp werde aller Voraussicht nach als Käufer aktiv bleiben, allerdings sei mit einem großen Wurf, der das Unternehmen wieder in die Spitze der Stahlbranche bringt, nicht zu rechnen, glaubt Nils Lesser vom Bankhaus Merck Finck & Co. Eher werde sich Thyssen-Krupp in Nischen umsehen.

Die russische Severstal, die Arcelor als "weißen Ritter" an sich gezogen hatte, um eine Übernahme durch Mittal abzuwehren, gilt als aggressiver. Sie hat nun das Nachsehen - wird aber wohl bald mit der nächsten Fusion oder Übernahme Schlagzeilen machen. Bei der Salzgitter AG oder der Dillinger Hütte hat er früher schon einmal angeklopft.

Koreaner und Japaner ohne Expansionsdrang

Die beiden japanischen und der koreanische Marktführer sind moderne und ertragsstarke Unternehmen. Aber mit den Märkten China und Indien vor der Haustür zeigen sie bislang wenig Neigung zu einer Expansion in anderen Kontinenten. Zudem sind drei der vier großen Hersteller Japans jüngst übereingekommen, sich im Fall einer drohenden Übernahme von unerwünschter Seite gegenseitig zu helfen. Nippon Steel, Sumitomo Metal und Kobe Steel werden im Fall der Fälle jedes Angebot durch ein höheres Gegenangebot überbieten. Ihr Ziel ist es, weiterhin die Zügel der als strategisch angesehenen Stahlbranche fest in Händen zu halten.

In der Branche gilt es ohnehin als gesichert, daß ein chinesischer Stahlkonzern einmal die Produzentenliste anführen wird. Nur ist dies weniger eine Frage des Potentials einzelner Unternehmen als eine politische Entscheidung. China baut ohnehin schon zahlreiche neue Hochöfen und Stahlwerke. Die Welt-Produktionskapazität ist binnen fünf Jahren um 285 Millionen Tonnen gewachsen, 80 Prozent davon entfallen auf neue Werke in China. Auch darauf müssen die etablierten Anbieter der westlichen Welt eine Antwort finden - und schließen sich zusammen.

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Von Patrick Welter

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