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Spuren der Finanzkrise Die neue Wirklichkeit der Wall Street

10.12.2008 ·  Nach den Spitzenmanagern von Goldman Sachs erhalten jetzt auch die Chefs von Merrill Lynch und Morgan Stanley für 2008 keine Boni. Der New Yorker Generalstaatsanwalt macht Druck. Neue Zeiten sind angebrochen, der übliche Geldregen entfällt. Aber nicht jeder geht leer aus.

Von Norbert Kuls, New York
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Nach einem von schweren Verwerfungen an den Finanzmärkten geprägten Jahr fällt der übliche Geldregen an der Wall Street zum Jahresende aus. Die Investmentbank Merrill Lynch, die gerade an die Bank of America verkauft wird, und die Bank Morgan Stanley werden ihren Vorstandschefs sowie anderen Spitzenmanagern für 2008 keinen Bonus zahlen. Damit folgen die Institute der führenden Wall-Street-Bank Goldman Sachs, deren Vorstandschefs in diesem Jahr ebenfalls auf Zusatzzahlungen verzichtet haben. Der Bonus machte an der Wall Street bisher das Gros der Gesamtvergütung aus. Lloyd Blankfein, der Vorstandschef von Goldman Sachs und im vergangenen Jahr der bestbezahlte Vorstandschef an der Wall Street, verdiente damals 68,5 Millionen Dollar. Sein Grundgehalt, mit dem er sich in diesem Jahr bescheiden muss, beläuft sich nur auf 600.000 Dollar.

Die Verwaltungsräte der Banken, welche die Boni für die Spitzenmanager festsetzen, reagieren mit diesen Entscheidungen auf öffentlichen Druck. Der Wall Street wird eine starke Verantwortung für die globale Finanzkrise und den Wirtschaftsabschwung zugeschrieben. Alle großen Banken haben im Rahmen des 700-Milliarden-Dollar-Stützungspakets für die Finanzbranche zudem staatliche Hilfen angenommen – also Gelder der Steuerzahler. Auch aus Sicht der Aktionäre lassen sich hohe Boni kaum rechtfertigen. Die Aktienkurse der Wall-Street-Häuser sind in der Finanzkrise stark eingebrochen. Die Gewinne schrumpften, obwohl Institute wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley die Finanzkrise in den vergangenen Quartalen vergleichsweise gut gemeistert hatten.

Kein freiwilliger Verzicht

Die Chefs der Banken haben aber auf die Boni dennoch nicht immer freiwillig verzichtet. Merrill-Vorstandschef John Thain forderte nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ zunächst eine Sondervergütung von bis zu 10 Millionen Dollar. In einem Brief an den Verwaltungsrat von Merrill Lynch bezeichnete der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats New York, Andrew Cuomo, das als „nichts weniger als schockierend“. Angesichts der Verluste von insgesamt 11 Milliarden Dollar, die Merrill Lynch 2008 angehäuft habe, sei ein Bonus in dieser Höhe nicht zu vertreten. „Die Leistung der Spitzenmanager von Merrill während dieses miserablen Jahres rechtfertigt in keinster Weise bedeutende Boni für die Manager, eingeschlossen dem Vorstandschef“, schrieb Cuomo.

Thain war vor einem Jahr von der New Yorker Börse zu Merrill Lynch gewechselt, um das wegen der Hypothekenkrise unter hohen Verlusten leidende Institut zu sanieren. Damals erhielt Thain, dessen Grundgehalt bei Merrill 750.000 Dollar beträgt, einen Antrittsbonus von 15 Millionen Dollar. Als sich Mitte September der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers abzeichnete, vereinbarte Thain rasch einen Notverkauf des Traditionshauses an die Bank of America, eines der drei größten amerikanischen Kreditinstitute. Merrill hatte in dieser Phase als der nächste Kandidat für einen Zusammenbruch gegolten. Thain wird mit zur Bank of America wechseln und dort zukünftig das Investmentbankgeschäft verantworten.

„Die Wall Street muss begreifen, dass es eine neue Wirklichkeit gibt“

Nicht jeder Manager bei Merrill geht allerdings leer aus. Generalstaatsanwalt Cuomo will daher die Vergütungspakete von zwei Managern prüfen, die Thain zu Merrill geholt hatte. Thomas Montag, der den Wertpapierhandel verantwortet, bekommt eine garantierte Vergütung von 39,4 Millionen Dollar für 2008. Peter Kraus, der erst im September zu Merrill gestoßen war, erhält nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ aufgrund einer Vertragsklausel bis zu 25 Millionen Dollar, weil die Bank of America Merrill übernimmt. Kraus verlässt die Bank.

„Die Wall Street muss begreifen, dass es eine neue Wirklichkeit gibt, es ist ein neuer Tag und die Regeln des Spiels haben sich geändert“, sagte Cuomo. John Mack, der Vorstandschef von Morgan Stanley, hatte bereits vor einem Monat in Gesprächen mit Mitgliedern des Verwaltungsrats eingeräumt, dass ein Bonus angesichts des gefallenen Aktienkurses und der zahlreichen Entlassungen schlecht aussehen würde. Mack hatte bereits im vergangenen Jahr nach einem Quartalsverlust seinen Bonus aufgegeben. Neben Mack werden auch die beiden Kopräsidenten von Morgan Stanley, Walid Chammah und James Gorman, keine Zusatzzahlungen erhalten. Dazu soll die Gesamtvergütung für die 30 höchstrangigen Manager um rund 70 Prozent gekürzt werden. Morgan Stanley will zudem ein Bonussystem einführen, bei dem die Firma Boni zurückfordern kann, wenn ein Angestellter hohe Verluste verursacht. Auch wenn die Spitzenmanager keine Boni erhalten, werden viele Mitarbeiter an der Wall Street weiter Zusatzzahlungen erhalten. In der Regel wird rund die Hälfte der Einkünfte bei Goldman Sachs oder Morgan Stanley an die Mitarbeiter ausgeschüttet.

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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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