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Datenleck im Wohnzimmer : Mein Fernseher hört mich ab!

Samsung-Fernseher Bild: dpa

Samsung sorgt mit der Spracherkennung seiner internetfähigen Fernsehgeräte für Aufregung in deutschen Wohnzimmern. Doch so einfach ist die Sache nicht.

          Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Elektronikkonzern Apple einst mit George Orwells „1984“ Reklame machte. Genau in diesem Jahr ließen die Kalifornier einen teuren Werbespot laufen, in dem der „Große Bruder“ von einem Riesenbildschirm aus ein Heer von gleichgeschalteten Arbeitern indoktriniert. Eine junge Frau macht dem Spuk ein Ende, indem sie einen Vorschlaghammer in den Schirm schleudert. Apple warb damit für seinen Macintosh-Computer, mit dem Steve Jobs dem damaligen Marktführer IBM Paroli bieten wollte.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was damals als Schlag gegen den mächtigen Konkurrenten IBM verstanden werden sollte, gewinnt heute eine ganz neue und unerwartete Qualität. Drei Jahrzehnte später bedroht das allgegenwärtige Internet und die wachsende Vernetzung realer Geräte („Internet der Dinge“) die Privatsphäre der Nutzer. Gerne ziehen Kritiker Parallelen zu Orwells „1984“-Welt, in der einem allmächtigen Überwachungsstaat kaum eine Regung der Untertanen verborgen blieb. Übertragen auf die Gegenwart, sind in dieser Lesart – neben staatlichen Geheimdienstschnüfflern – die großen IT-Konzerne wie Facebook, Amazon, Google und eben Apple selbst die „Großen Brüder“: Über Hunderte Millionen Smartphones zeichnen sie unsere Bewegungen, unsere Sprache, unsere Wünsche auf.

          Es sind längst nicht nur Handys, die Daten abgreifen. Bei Orwell war es der „Televisor“: „Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert. (...) Man musste in der Annahme leben – und man stellte sich tatsächlich instinktiv darauf ein –, dass jedes Geräusch, das man machte, überhört und, außer in der Dunkelheit, jede Bewegung beobachtet wurde“, heißt es im Roman. Solche Qualitäten besitzt heutzutage praktisch jeder Internetfernseher. TV-Geräte sind längst keine bloßen Empfänger mehr, sondern mit ihren Online-Anbindungen auch Sender. Wie mit PCs, Tablets und Smartphones können ihre Besitzer im Internet surfen, und sie hinterlassen dabei entsprechende Datenspuren. Dass einen die eingebaute Kamera filmen und das Mikrofon belauschen kann, merkt spätestens, wer einen Videotelefondienst wie Skype einsetzt.

          Smart-TV-Geräte sind Computer

          Vielen scheint die Tatsache jedoch unbekannt, dass die onlinetauglichen Smart-TV-Geräte ebenso Computer sind wie Smartphones. Anders ist die jüngste Aufregung nicht zu verstehen, die sich an Äußerungen des koreanischen Fernseher-Marktführers Samsung entzündete. Samsung weist in seiner Datenschutzrichtlinie in einer speziellen Ergänzung für Internetfernseher auf die Möglichkeit der Spracherkennung hin. Wer sie eingeschaltet hat, kann sein Gerät mit der Stimme steuern. Solche Sprachbefehle können über das Netz auch an Drittanbieter geleitet werden, erläutert Samsung. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die unter anderem Stimmdaten in Text umwandeln, um die Spracherkennung erst möglich zu machen.

          Und dann folgt ein etwas verquer formulierter Hinweis, der manchen Leser arg verstörte: „Bitte seien Sie sich im Klaren darüber, dass – wenn Ihre gesprochenen Worte persönliche oder andere sensible Informationen enthalten – diese Informationen sich unter den Daten befinden, die durch die Nutzung der Spracherkennung an einen Drittanbieter geschickt werden.“ Der renommierte Blogger Markus Beckedahl interpretierte dies in seinem Blog „netzpolitik.org“ so, dass man „besser nichts Privates in Anwesenheit eines Smart-TVs sagen sollte“. Da fühle man sich doch gleich entspannter im Wohnzimmer, so sein bitter-ironisches Fazit.

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