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Spitzelaffäre Die Deutsche Bank demontiert sich

26.07.2009 ·  Die Spitzelaffäre bei der Deutschen Bank: Konzernchef Josef Ackermann und sein Aufsichtsratschef Clemens Börsig liefern sich eine erbitterte Schlacht. Am Dienstag, wenn das Kreditinstitut seine Geschäftszahlen vorlegt, droht ein Eklat.

Von Rainer Hank und Georg Meck
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Einer schweigt: Seit Wochen ist Clemens Börsig, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, unter Druck. Der Abschlussbericht einer Anwaltskanzlei, vorgelegt in der vergangenen Woche und in Auftrag gegeben vom eigenen Aufsichtsrat, nennt Börsig als Mitverursacher „rechtlich zweifelhafter Nachforschungs- und Überwachungsaktivitäten“ – vulgo: Bespitzelungen. Doch Börsig nimmt zu den Vorwürfen nicht Stellung, lässt es zu, dass seine Person beschädigt wird und das Ansehen der größten deutschen Bank in Misskredit kommt. Und bekundet, dass er keine Konsequenzen aus den Vorwürfen ziehen und seinen Posten nicht räumen will.

Noch einer schweigt: Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank. Obwohl Börsig, der Aufseher im Zwielicht, nun auch wichtige Vorstandskollegen von Ackermann mit in die Affäre hineinzuziehen droht, gibt es kein Machtwort von ihm. So etwas wäre auch heikel. Schließlich ist Börsig der Chef von Ackermann und nicht umgekehrt.

Worum geht es? Auf der Hauptversammlung der Bank im Jahr 2006 – es war Börsigs erste Eigentümerversammlung im Amt des Aufsichtsratschefs – nervte wie jedes Jahr der kritische Aktionär Michael Bohndorf, ein auf Ibiza lebender Jurist, durch nicht enden wollende Reden. Börsig soll daraufhin über seinen langjährigen Vertrauten, den Leiter „Investor Relations“ Wolfram Schmitt, Nachforschungen über Bohndorf „ausgelöst“ haben, ob Bohndorf mit Deutsche-Bank-Lieblingsfeind Leo Kirch unter einer Decke stecke.

Eine attraktive Brasilianerin war mit im Spiel

Ob dieses „Auslösen“ ein dienstlicher Auftrag war, eine beiläufige Formulierung („Was wissen wir denn über diesen Bohndorf?“), ob überhaupt ein Aufsichtsrat an Bankmanager dienstliche Aufträge geben kann (wahrscheinlich nicht), all das bleibt im Dunkeln. Klar ist nur, dass Bohndorf tatsächlich beschattet wurde, dass eine attraktive Brasilianerin mit im Spiel war – und dass am Ende nichts herauskam. Klar ist auch, dass Börsig von Schmitt (der Mann wurde inzwischen gefeuert) einen Rapport bekommen hat, was dann die Frage nach sich zieht, ob Börsig auch erfahren hat oder wenigstens wissen wollte, auf welchem Wege sein Vertrauter an die Antwort gekommen war.

Nicht zu übersehen ist, dass die Deutsche Bank, seit diese und ein paar andere Überwachungsunappetitlichkeiten an die Öffentlichkeit kamen, bei der Aufklärung der Spitzelaffäre größten Aktivismus an den Tag legt. Früh schon hat Ackermann angekündigt, er werde die Angelegenheit ohne Ansehen von Personen und Funktionen lückenlos aufklären lassen: Zur Unternehmenskultur der Bank gehöre das Prinzip „null Toleranz“. Deutschlands größte Bank verheimlicht nichts und deckt niemanden – egal auf welcher Hierarchieebene, sollte die Botschaft sein. „Börsig rückt ins Visier“ – so oder so ähnlich waren dann auch die Überschriften in den Zeitungen unter dem Rubrum „Spitzelaffäre“.

Die Assoziation zu der systematischen Überwachung von Mitarbeitern bei der Deutschen Telekom, also zu einer viel größeren Schweinerei, hat die Bank offenbar in Kauf genommen. Erst die Veröffentlichung des Anwaltsberichts gab ihr jetzt die Chance, den Vorfall selbst als Bagatelle darzustellen („kein systematisches Fehlverhalten“), den Vorstand ausdrücklich zu entlasten („nicht in rechtlich bedenkliche Aktivitäten verwickelt“), die Vorwürfe gegen Aufseher Börsig aber zum ersten Mal offiziell zu bestätigen. Strafrechtlich liegt bislang nichts vor. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft prüft noch; der zuständige Mann hat die Unterlagen eingesehen und ist danach erst einmal in Urlaub gefahren. Die hessische Datenschutzbehörde will klären, ob eine Ordnungswidrigkeit vorliegt.

Börsig ist der Verlierer, der sich nur noch destruktiv wehren kann

Kein Wunder, dass der Verdacht aufkommen konnte, die Bank blase die Affäre gezielt auf, um Börsig in die Enge zu treiben (was alle Offiziellen selbstredend als böswillige Unterstellung von sich weisen). Bekannt ist freilich auch, dass Aufsichtsratschef Börsig in der ihm eigenen Selbstüberschätzung noch im April sich selbst mit Hilfe seiner Kollegen zum Nachfolger Ackermanns ausrufen lassen wollte, dass der Coup d’Etat gründlich schiefging und dass daraufhin Ackermann, der eigentlich bald demissionieren wollte, seine eigene Nachfolge antrat. Seitdem herrscht zwischen Ackermann und Börsig offene Feindschaft, manche sprechen vom „Gleichgewicht des Schreckens“, auch wenn die beiden auf Fotos ihr antrainiertes Lächeln aufsetzen.

Börsig ist der Verlierer, der sich nur noch destruktiv wehren kann, indem er nicht von der Stelle weicht. Doch wer sollte ihn absetzen? Schließlich kann der Vorstand nicht seinen Überwacher in die Wüste schicken. Hätte also jemand die Absicht, Börsig wegzumobben, müsste er andere Mittel wählen. Auffallend ist, dass die ersten Nachrichten über die Spitzelaffäre kurz vor der Hauptversammlung am 26. Mai auftauchten. Auffallend ist auch, dass jetzt wieder, kurz vor der Vorlage der Zahlen am kommenden Dienstag (man will zum zweiten Mal in Folge stolz einen Quartalsgewinn von einer Milliarde Euro präsentieren), die Bank ihren Untersuchungsbericht vorlegt. Womöglich schürt das Unruhe und Unmut unter Börsigs Kollegen, die sich am Dienstag ebenfalls turnusmäßig treffen. Schließlich werden sie von den Nachrichten mit beschädigt.

Börsig also schweigt öffentlich zu den Vorwürfen. Weil er seiner Unternehmenspressestelle zutiefst misstraut, hat er sich eigene Berater genommen, die für ihn unterwegs sind.

Prüfbericht als Attacke auf den Aufsichtsrat

Die lassen erkennen, dass Börsig die Botschaft verstanden hat und den Prüfbericht als Attacke auf den Aufsichtsrat deutet. Zu behaupten, dass der Aufsichtsrat geschlossen hinter seinem Vorsitzenden steht und nicht zulassen will, dass der Vorstand sich auf seine Kosten „reinwäscht“, ist falsch. Der Konflikt hat längst Einzug in den Rat gefunden: Unruhe, Gereiztheit und Sorgen um die Zukunft der Bank gehen um. Das Meinungsbild ist gespalten: Die einen sind der Meinung, Börsig solle lieber heute als morgen demissionieren. Die anderen halten stur und unverdrossen an ihm fest.

Derweil dreht Börsig den Spieß der Spitzelaffäre um. Weil er der begründeten Meinung ist, ein Aufsichtsrat könne einem Mitarbeiter der Bank gar keine Weisungen geben, lässt er darauf aufmerksam machen, das für Sicherheit im Konzern zuständige Vorstandsmitglied der Bank habe seiner Pflicht nicht Genüge getan. Dabei handelt es sich ausgerechnet um Hugo Bänziger, einen Schweizer und Vertrauten Ackermanns, von dem viele glauben, Ackermann sähe ihn gerne als seinen Nachfolger. So sorgt Börsig, der selbst gerne Vorstandschef geworden wäre, dafür, dass der Skandal Ackermann auf die Füße fällt und ein möglicher Kronprinz verwundet wird.

Wer Börsig zum Rücktritt drängen will (und das sind unterdessen viele), muss eine Alternative bieten. Ex-SAP-Chef Henning Kagermann wurde in der Putschwoche genannt, könnte jetzt aber verbrannt sein. Karl-Gerhard Eick, verbliebener Chef der insolventen Karstadt-Quelle und ebenfalls Deutsche-Bank-Aufseher, hat andere Sorgen. Mitaufseher Werner Wenning wäre eine exzellente Wahl. Doch es ist nicht bekannt, ob er will. Geht Börsig, müsste er ganz gehen. Dann könnte man an seiner Stelle auch einen neuen Mann von außen an die Spitze hieven. Doch Börsigs Berater winken ab und richten aus, Börsig lasse sich nicht erpressen. Und noch eindeutiger: „Ich sehe keinen Grund zum Rücktritt.“

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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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