Auf der chinesischen Tropeninsel Hainan ist es zu heiß, um an Wollmützen und Pullover zu denken. Also musste sich Zhang Lan nach ihrem Umzug aus Schanghai eine neue Geschäftsidee einfallen lassen. Statt Winterkleidung entwirft sie jetzt gestrickte Kuscheltiere in Badeanzügen. Vor Aufträgen kann sich Zhangs Unternehmen, das auch nach Südostasien, Großbritannien und Amerika liefert, nicht retten.
„Wir müssen Auslandsbestellungen ablehnen, weil die Inlandsnachfrage so stark ist und wir mit der Produktion nicht hinterherkommen“, sagt die Gründerin. „Schließlich ist alles Handarbeit.“ In ihrer Heimatprovinz Sichuan beschäftigt sie mehr als 70 Strickerinnen, die eine bis zwei Tierpuppen am Tag schaffen.
Zhang hat Elefanten in Badehosen im Angebot, Esel mit Schwimmwesten oder Pandabären, die Blumenkränze um den Hals tragen. Doch es ist nicht nur das liebevolle Äußere, das die Kunden anspricht, sondern auch die Verarbeitung.
Zhangs Marke Organic Island verwendet nur biologisch angebaute Baumwolle und ebensolche Farben. Das jedenfalls behaupten die Hersteller und verweisen auf die Gütesiegel internationaler Zertifizierer wie OCIA und GOTS; die Füllung hat Oeko-Tex geprüft.
Die Unbedenklichkeit für Umwelt und Gesundheit kommt im Westen ebenso gut an wie in China selbst. „Wohlhabende chinesische Verbraucher orientieren sich zunehmend an ausländischen Qualitätsstandards, vor allem für Kinder bis zu drei Jahren“, sagt Tan Zhiwang vom Chinesischen Forschungszentrum für die Kinderwarenindustrie in Peking.
Auch der Verband für Spielzeug und Jugendprodukte beobachtet, dass Wertigkeit und Preis der einheimischen Waren anziehen. Während sich das Exportwachstum seit April halbiert habe, sei der Inlandszuwachs kräftig gestiegen. Zwischen 2010 und 2015 soll sich das Volumen auf gut 9,4 Milliarden Dollar fast verdoppeln.
Noch freilich bleibt die Ausfuhr mit 10 Milliarden Dollar im Jahr deutlich interessanter. China ist mit Abstand der wichtigste Spielzeugexporteur der Welt. Mehr als 86 Prozent der Lieferungen in die EU stammen aus dem Reich der Mitte. Allein Deutschland, der sechstgrößte Markt für Kinderspielzeug der Welt, importierte 2010 Waren für rund 3,2 Milliarden Euro (4,4 Milliarden Dollar) aus der Volksrepublik.
Nach Angaben der Marktforscher der Npd-Group in Washington wuchs der Weltspielzeugmarkt 2010 um 4,7 Prozent auf 83,3 Milliarden Dollar. Zwar bleiben Europa und Amerika die dominanten Absatzgebiete. Aber diese Märkte treten auf der Stelle oder schrumpfen gar, während Asien wichtiger wird, allen voran China.
Dort achtet die Mittel- und Oberschicht, die jedes Jahr um 30 Millionen Verbraucher zunimmt, immer mehr darauf, was ihre Kinder essen und womit sie spielen. „Wir müssen sie vor Dingen wie verseuchtem Milchpulver oder giftigem Spielzeug schützen“, sagt die Urlauberin Liu Xiaomei in einem Souvenirgeschäft in Hainans südlichem Zentrum Sanya.
Als Mitbringsel für ihren Neffen in Peking wählt sie einen Piratenhasen mit Augenklappe von Organic Island. „Ich gebe gern mehr aus, wenn die Qualität stimmt.“ Das Kuscheltier kostet 220 Yuan (23 Euro). Für den gleichen Betrag könnte Liu in Peking sechs massengefertigte Figuren aus der chinesischen Kinderserie „Grauwolf und Glücksschaf“ bekommen. Oder zwei Plastikhubschrauber mit elektrischen Rotoren.
Trotz der Qualitätsoffensive stellen Chinas Riesenbetriebe noch immer viel Ramsch her. Jedes zweite Produkt, das in Deutschland Sicherheits- oder Gesundheitsmängel aufweist, stammt aus dem Reich der Mitte. Darunter seien neben Elektrogeräten vor allem Spielwaren, heißt es im aktuellen Jahresbericht „Gefährliche Produkte“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Hinter dem Risiko, Kleinteile zu verschlucken, rangieren in der Auflistung „chemische und biologische Gefährdungen“ ganz vorn.
In Amerika und Europa sind die Skandale von 2007 noch in böser Erinnerung, als in chinesischen Spielwaren giftige Substanzen entdeckt und ganze Serien zurückgerufen wurden. Auf diese Rückschläge folgte die Finanz- und Wirtschaftskrise mit vielen Auftragsausfällen. Derart doppelt gebeutelt, musste mehr als die Hälfte der 8000 chinesischen Spielzeugunternehmen schließen, zwei der drei Millionen Arbeiter verloren ihren Job.
Die Spielzeugausfuhr ging 2009 um fast 10 Prozent zurück Seitdem hat sich die Branche wieder berappelt, das Exportplus im vergangenen Jahr betrug mehr als 29 Prozent. „Die Qualität der meisten Anbieter, die wir testen, erfüllt die Auslandsanforderungen, auch die neuen, strengeren Regulierungen in der EU“, sagt Chang Qing vom Zentrum für Standardisierungen und Prüfungen in Hongkong, das die chinesischen Spielzeugexporte nach Amerika, Europa und Japan überprüft. „Die Industrie ist sehr gereift.“
Das mag für den Großteil des Angebots im Ausland und für die reichen Chinesen gelten, wendet der Spielzeugforscher Tan ein, nicht aber für die ärmeren Schichten. „Toxisches Spielzeug ist hier weiterhin üblich.“ Um das zu ändern, fehle es vielen Kunden schlicht an Geld und Bewusstsein. Auch seien Chinas Normen viel laxer als die internationalen und die Kontrollen nicht streng genug.
„Biologisches Spielzeug ist deshalb allenfalls ein Nischenmarkt“, sagt Tan. Doch in dem riesigen Land reicht das aus, um Unternehmen wie Organic Island zum Erfolg zu führen. Dessen Gründerin Zhang hat ganz andere Sorgen als eine zu geringe Nachfrage. Sie traut sich nicht recht, ihre Stricktierchen mit Bildern im chinesischen Internet zu vermarkten: „Sonst gibt es sicher gleich Raubkopien.“