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Einzelhandel : Kaufhof, wie geht’s dir wirklich?

Passanten vor der Kaufhof-Filiale in der Frankfurter Innenstadt. Bild: Franziska Gilli

Dass die Kaufhauskette Karstadt vor einigen Jahren in große Schwierigkeiten geriet, ist noch gut in Erinnerung. Nun ist Konkurrent Kaufhof ins Zentrum von Spekulationen gerückt. Was ist da dran? Ein Kommentar.

          Es ist keine Frage, die Öffentlichkeit ist höchst sensibilisiert, wenn es um schlechte Nachrichten aus der deutschen Kaufhausbranche geht. Die Pleite des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor im Jahr 2009 und die vorausgegangenen langjährigen Turbulenzen rund um die damals letztlich gescheiterte Sanierung des Unternehmens wirken nach. Während es um die Essener in Sachen Katastrophenmeldungen in letzter Zeit aber deutlich stiller geworden ist, blickt die Branche nun mit Sorge nach Köln.

          Brigitte  Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Dort ist der Wettbewerber Galeria Kaufhof ins Zentrum von Spekulationen um seine wirtschaftliche Lage gerückt. Letzter Auslöser war das Bekanntwerden einer, gemessen am bisherigen Status, deutlich kritischeren Risikoeinschätzung seitens des renommierten Warenkreditversicherers Euler Hermes. Werden Garantiesummen gekürzt, sind die Forderungen der Lieferanten bei Zahlungsschwierigkeiten eines Kunden schlechter abgesichert.

          Das Kaufhof-Management ist um Schadensbegrenzung bemüht und besänftigt seine Zulieferer mit Verweis auf die Finanzierung der kanadischen Muttergesellschaft Hudson’s Bay Company (HBC), auch ist bisher angeblich kein Lieferant abgesprungen. Gleichwohl wirkt ein solches Misstrauensvotum nach außen verheerend. Sollten die wichtigen Markenanbieter nun eine Verkürzung ihrer Zahlungsziele verlangen, hätte dies zudem erhebliche negative Folgen für das interne Rechenwerk. Und das zu einer Zeit, in der die Ware für das Weihnachtsgeschäft stetig hereinfließt und bezahlt werden muss.

          Schleppende Umsätze

          Man sollte sich davor hüten, voreilig Vergleiche mit der damals taumelnden Karstadt-Gruppe zu ziehen. Das wäre geschäftsschädigend, es würde Kunden verunsichern, Mitarbeiter über Gebühr strapazieren und könnte Investoren in die Hände spielen, die einst davon träumten, aus Kaufhof und Karstadt die Deutsche Warenhaus AG zu schmieden.

          Denn auch das Gerücht, die seinerzeit im Bieterstreit unterlegene österreichische Karstadt-Muttergesellschaft Signa habe weiterhin großes Interesse daran, sich Kaufhof einzuverleiben, wabert aktuell wieder durch den Raum. Aber tatsächlich läuft längst nicht mehr alles rund in dem vor zwei Jahren für mehr als 2,8 Milliarden Euro vom Metro-Konzern an die Kanadier verkauften Warenhausunternehmen.

          Das Geschäftsjahr 2016 war mies. Schleppende Umsätze und forcierte Rabattaktionen lange vor Weihnachten ließen das fast 140 Jahre alte Traditionsunternehmen, das unter Metro-Ägide stets mit Gewinn gearbeitet hat, in die roten Zahlen rutschen. Der bisherige Jahresverlauf war ebenfalls wenig erbaulich. Gewinne werden in einem Warenhausunternehmen zwar grundsätzlich erst in den letzten Monaten des Kalenderjahres erzielt, Verluste in den ersten Quartalen sind daher eigentlich nichts Bedrohliches.

          Die in diesem Jahr verbuchten Einbußen sind aber wohl noch empfindlicher als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Überhaupt kein gutes Zeichen war auch der überraschende Abgang des Kaufhof-Chefs Olivier Van den Bossche. Schließlich hatte der erfahrene Warenhausmanager anfangs sehr große Stücke auf die neuen Eigentümer und deren Pläne gehalten. Generell soll auf den Führungsetagen erhebliche personelle Unruhe herrschen, ist in der Branche zu hören.

          Flaute im Bekleidungshandel

          Als die Kanadier im Sommer 2015 den Zuschlag für Kaufhof erhielten, wurden sie von Metro als die idealen Partner gerühmt, versprachen sie doch ein beträchtliches Investitionsprogramm. Die bestehenden Filialen sollten für die Kunden deutlich spannender gestaltet werden, durch eine höherwertige Gestaltung der Verkaufsflächen ebenso wie über schickere Sortimente und attraktivere Marken rund um Mode, Schuhe und Taschen. Tatsächlich wurden in zahlreichen Warenhäusern umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen auf den Weg gebracht und Sortimente umgestellt.

          Ob in diesen Filialen die Zahlen schöner sind und der Geschmack der Kunden getroffen wurde, ist aber nicht bekannt. Parallel hat die HBC-Gruppe ein erhebliches Expansionstempo mit vielen neuen Filialen in den Niederlanden eingeschlagen, auch will sie ihr amerikanisches Schnäppchenkonzept Saks off 5th nach den ersten Neueröffnungen in weiteren deutschen Städten ausrollen. Die Frage, ob die Kanadier mit diesen Plänen in Europa nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen, statt sich zunächst auf das Kerngeschäft von Kaufhof zu konzentrieren, sei erlaubt. Zumal sie derzeit auch auf ihrem Heimatmarkt alle Hände voll zu tun haben, die Geschäfte zu stabilisieren.

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          Das deutsche Warenhausgeschäft ist und bleibt schwierig, das haben schon andere Investoren aus dem Ausland unterschätzt. Das Konzept des „alles unter einem Dach“ fruchtet speziell bei jüngeren Verbrauchern nicht mehr. Mit ihrer Textillastigkeit leiden die Kaufhäuser unter der allgemeinen Flaute im Bekleidungshandel, der sich vertikale Anbieter à la Zara oder die Textildiscounter derzeit noch am ehesten entziehen können.

          Und schließlich jagt der Online-Handel vielen klassischen Warenhaussortimenten zunehmend Marktanteile ab. Die Kanadier müssen schnell Ergebnisse ihrer Strategie bei Kaufhof liefern und für Klarheit sorgen. Sonst nehmen die Gerüchte bald überhand.

          Quelle: F.A.Z.

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