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Spekulationen über Chrysler-Beteiligung : IAA-Absage treibt Fiat-Aktienkurs

Was dürfen die Gewerkschaften? Fiat verlangt Rechtssicherheit Bild: REUTERS

Keine Zeit für die IAA: Nach der überraschenden Absage von Fiat-Chef Marchionne bei der weltgrößten Automesse in Frankfurt treiben Spekulationen den Aktienkurs nach oben.

          Die Absage von Fiat-Chef Sergio Marchionne bei der diesjährigen Automobilausstellung IAA hat an diesem Montag den Aktienkurs des Autobauers getrieben. An der Börse in Mailand stieg der Aktienkurs am Montagmittag um vier Prozent. Zuvor hatte Konzernchef Sergio Marchionne überraschend mitgeteilt, nicht zur IAA zu reisen. Seine Arbeitsverpflichtungen erlaubten es ihm nicht, auf der am Donnerstag startenden IAA teilzunehmen, sagte ein Sprecher.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Händlern zufolge spekulierten Investoren nun darüber, ob Marchionne womöglich an einem „Deal“ arbeite. Möglicherweise verhandle Marchionne mit einem Gesundheits-Fonds über den Kauf einer Chrysler-Beteiligung. Fiat kontrolliert bereits den drittgrößten amerikanischen Autobauer.

          Die Fiat-Spitze unter Marchionne verlangt unterdessen von der italienischen Regierung eine rechtliche Neuregelung der Gewerkschaftsrechte in den Fabriken und Unternehmen. Anderenfalls droht Fiat, früher Italiens größter Industriekonzern, mit dem Rückzug aus dem Land.

          „Die Rechtssicherheit in einer derart delikaten Materie wie die der Gewerkschaftsvertretungen und der Vertragssicherheit ist eine unabänderliche Bedingung für die Weiterführung des industriellen Engagements in Italien“, heißt es in einer offiziellen Mitteilung, mit der Fiat auf einen Etappensieg der kommunistischen Metallarbeitergewerkschaft Fiom-CGIL antwortet. Sie hat den Fiat-Konzern mit mehr als 60 Prozessen zum Arbeitsrecht und Vertretungsrecht der Gewerkschaften überzogen und hat nun vor dem Verfassungsgericht recht bekommen. Dabei wurde eine Regelung für ungültig erklärt, die Gewerkschaften nur dann den Zutritt zu Betrieben und Belegschaften einräumt, wenn sie mit den Unternehmen Vereinbarungen abgeschlossen haben.

          Die beanstandete Regel widerspricht aus Sicht des Verfassungsgerichts der Gewerkschaftsfreiheit. Als pikant wird dabei in Italien der Umstand angesehen, dass die gekippten Rechtsvorschriften in der Praxis von den drei großen italienischen Gewerkschaften, damit auch von der CGIL, im „Statut der Arbeiter“ von 1970 formuliert und 1995 mit Zutun der Fiom bei einer Volksabstimmung modifiziert worden waren. Mit der Vorschrift wollten sich die großen Gewerkschaften gegenüber kleineren Splittergruppen exklusive Vertretungsrechte sichern. Doch zuletzt lag diese Regelung nicht mehr im Interesse der radikalsten Metallarbeitergewerkschaft Fiom, denn sie hatte sich seit 2010 vehement gegen betriebliche Vereinbarungen mit Fiat gewandt

          Fiat besteht auf Rechtssicherheit

          Dagegen hatte Geschäftsführer Marchionne solche Abkommen zur Bedingung für Investitionen gemacht, zum ersten Mal 2010 im ehemaligen Alfasud-Werk Pomigliano bei Neapel. Fiat unterzeichnete das erste Abkommen - unter anderem mit der Androhung von Karenztagen bei überdurchschnittlichem Krankenstand am Montag und Freitag - mit zwei anderen großen Metallgewerkschaften, der CISL und der UIL. Die Mehrheit der Belegschaft stimmte dann für das Abkommen. Weil Fiat zudem aus dem Arbeitgeberverband austrat, kamen die Regeln zur Geltung, mit denen schließlich die kommunistische Fiom-CGIL aus der Fabrik ausgeschlossen wurde.

          Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts bietet Fiat dieser Gewerkschaft nun an, in die Fabriken zurückzukehren, will aber im Gegenzug die Anerkennung der von den Mitarbeitern abgesegneten Vereinbarungen. Die Fiom-CGIL fordert dagegen Verhandlungen über alles, einschließlich der Strategie von Fiat. Die Fiat-Spitze besteht auf Rechtssicherheit für die alten Betriebsabkommen und droht, Investitionen für die Produktion künftiger Alfa-Romeo-Modelle im Fiat-Stammwerk Turin oder im Werk Cassino südlich von Rom zu stoppen. Allein diese beiden Fabriken beschäftigen offiziell 9500 Mitarbeiter, derzeit größtenteils auf „Kurzarbeit null“.

          Von Taktik und Politik geprägt

          Während der Arbeitgeberverband mit den drei Gewerkschaften, auch der CGIL, einen Aufruf an die Regierung unterzeichnet hat mit der Forderung nach Steuersenkungen, Industriepolitik und Verfassungsreformen, geben sich im Falle von Fiat die Gegner eher unversöhnlich. Der sozialpolitische Sprecher von Mario Montis Partei namens Giuliano Cazzola, früher selbst Gewerkschaftsfunktionär der CGIL, sieht hinter dem Streit eine „krankhafte Ideologisierung“. Die Spitze der Metallarbeitergewerkschaft Fiom suche sich als Sprecher eines Sammelbeckens linker Bewegungen zu profilieren, sagt Cazzola. „Ich bezweifle, dass die Metaller in der CGIL überhaupt noch eine Gewerkschaft sind.“

          Wie sehr die Auseinandersetzung von Taktik und Politik geprägt ist, zeigt schließlich der letzte Zug von Fiat: Geschäftsführer Marchionne versucht, sich als konstruktiv zu präsentieren und vereinbarte mit den beiden Gewerkschaften CISL und UIL bis 2015 Investitionen von 1 Milliarde Euro für den Umbau des Turiner Stammwerks in eine Fabrik für Luxusgeländewagen. Damit hat nun die radikale Gewerkschaft Fiom-CGIL die Wahl, entweder klein beizugeben oder aber mit dem Festhalten an der konfliktreichen Strategie, mit Rückkehr zu wilden Streiks und Sabotageaktionen endgültig die Verantwortung für den Abzug von Fiat zu übernehmen.

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