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Soziales Netzwerk : Die Facebook-Partei

  • -Aktualisiert am

Mehr als 1,2 Milliarden Menschen nutzen Facebook heute weltweit Bild: dpa

Facebook wird zehn. Ist das ein Grund zum Jubel? Nützt das Weltnetzwerk der Demokratie?

          Zehn Jahre ist es her, dass fünf Harvard-Studenten eine neue Seite unter der Adresse thefacebook.com live schalteten. Niemand ahnte, welche Revolution Mark Zuckerberg und seine Kumpanen auslösen würden. Mehr als 1,2 Milliarden Menschen nutzen Facebook heute, allein in Deutschland sind mehr als 20 Millionen auf der Plattform aktiv. Es hat in der Geschichte des Webs keinen größeren Erfolg gegeben. Nichts hat nach der Erfindung von E-Mail, Chat und www die Kommunikation so nachhaltig revolutioniert.

          Für viele Kritiker ist Facebook ein Universum des Überflüssigen, des Exhibitionismus, des Ego-Kults. Doch nichts wäre falscher, die Plattform deshalb als politisch irrelevant abzutun. Facebook hat nicht nur den Austausch zwischen Millionen Menschen auf dem Planeten dramatisch verändert, es ist auch das perfekte Instrument für eine machtvolle Zeitströmung, die kaum politischer sein könnte: Den anarchischen Rückzug aus den etablierten Institutionen, die Inszenierung des Individuums, die Überhöhung des Selbstseins.

          Politik ohne Parteien, Religion ohne Kirche

          Während Kirchen, Parteien und Vereine einen zuweilen drastischen Mitgliederschwund verzeichnen, verbringen Millionen täglich einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Zeit damit, auf Facebook ihre Aktivitäten zu organisieren, Treffen vorzubereiten, Aktionen in Gang zu bringen, die sich komplett jenseits der etablierten gesellschaftlichen Strukturen abspielen. Facebook ist die Plattform für Geselligkeit jenseits der Vereine, für Religion ohne Kirchen und Politik ohne Parteien.

          Gewiss, auch die etablierten Institutionen profitieren von dem Netzwerk, auch die Medien. Die Signale über das soziale Netz helfen ihnen, neue Fans zu sammeln und alte zu binden. Sie befördern sozial wertvolle Aktionen und Hilfeleistungen, machen Spendenaktionen erfolgreicher.

          Daumen hoch: Das soziale Netzwerk Facebook ist eine Erfolgsgeschichte.

          Doch die meisten Aktionen von politischer Relevanz spielen sich jenseits organisierter Zirkel ab: Facebook kann Proteste aufladen, Revolten befördern und Umstürze beschleunigen, wie etwa im arabischen Frühling geschehen. Wenn die Menschen denn ohnehin bereit dafür sind. 

          Jeder kann ein machtvolles Selbst entwickeln

          Die wahre Revolution äußert sich allerdings weniger spektakulär. Facebook gibt jedem die Möglichkeit, ein machtvolles Selbst zu entwickeln und darzustellen. Der bestärkende Zuspruch der Gruppe, dieser euphorisierende Mechanismus, der die Akteure früher in Ortsvereinen oder Mitgliederversammlungen beflügelt hat, kommt heute aus den Likes und Kommentaren der digitalen peer group. Der virtuelle Beifall kann jederzeit eingeholt werden, ist nicht von terminierten Treffen abhängig. Niemand braucht die Institutionen mehr, um die Stimme zu erheben, Meinung wirkungsvoll abzusondern und Beifall dafür einzuheimsen.

          Nützt Facebook der Demokratie? Im Netz herrschen die unerbittlichen Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie. Derjenige setzt sich durch, dem es gelingt, die größte Resonanz mit seinen Thesen zu erreichen. Insofern ist Facebook auch ein Lautsprecher für Populisten. Kaum einer hat die Möglichkeiten so geschickt genutzt wie der italienische Komiker und Blogger Beppe Grillo, der aus seiner Anhängerschaft im Web eine politische Bewegung gezaubert und für seine Facebook-Präsenz 1,5 Millionen „Gefällt mir“-Bekundungen eingeheimst hat. Die deutsche Bundeskanzlerin sammelte bis heute lediglich 462.000.

          Facebook-Nutzer lesen affirmativ

          Studien haben ergeben, dass Facebook-Nutzer eher affirmativ navigieren, also das lesen und liken, was ihre eigene Meinung bestätigt. Kritisches, die eigene Position Herausforderndes, wird oft ausgeblendet, Facebook-Freunde, die Entsprechendes äußern, werden weniger zur Kenntnis genommen. Das mag auch im Offline-Leben so sein, bedeutet aber in der Sharing-Gesellschaft, dass genehme Meinungen und Konformismus in den jeweiligen Gruppen noch verstärkt werden. Damit entsteht in den Gruppen ein flauschiges Gefühl des Meinungs-Wohlbehagens, das einer Debatten-Kultur eher abträglich ist und die Polarisierung fördert.

          Zu früh abgeschrieben: Als die Facebook-Aktie kurz nach dem Börsengang steil abstürzte, war die Häme schon groß. Doch der Kurs erholte sich - und mehr als das.

          Zu einem ähnlichen Urteil sind Schweizer Wissenschaftler gekommen, die das Verhalten von Facebook-Gruppen im Streit um Minarette in Schweizer Siedlungen beobachtet haben. Die Diskussionen im Netzwerk hätten nicht zu einer Annäherung, sondern einer Verhärtung der Fronten geführt. Auf Facebook hätten sich Gleichgesinnte mit Gleichgesinnten getroffen, um sich gegenseitig zu mobilisieren.

          Die Flüchtigkeit des Seins

          Noch etwas anderes ist auf Facebook evident: die Flüchtigkeit des Seins. Das Einsammeln von Freunden hat oftmals auch einen dekorativen Charakter und entsprechend flüchtig ist die Bindung. Zugehörigkeit ist über Likes schnell erklärt, Engagement braucht nicht zu folgen. Die hundert Freunde auf Facebook haben nichts mit den zwei wirklichen Freunden zu tun, die einem auch noch aus der größten Patsche helfen würden. Und so wie die Freundschaften unverbindlicher werden, wird auch das Politische fluider, werden die causae beliebiger, vor allem aber privater. Die größte Resonanz auf Facebook erzielen Themen, die Rezipienten in ihrer Seele berühren, die einen unmittelbaren Bezug zum Privaten haben.

          Politisch ist das, was dem jeweiligen Nutzer nahe geht. Alles andere macht sie eher weniger an.

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