Das einst dominierende soziale Netzwerk MySpace setzt seinen Abstieg fort und schürt mit einem abermaligen radikalen Personalabbau Spekulationen über einen baldigen Verkauf. Die zum Medienkonzern News Corp. gehörende Internetgesellschaft hat angekündigt, 500 Mitarbeiter und damit fast die Hälfte ihrer gesamten Belegschaft zu entlassen.
Erst vor rund eineinhalb Jahren, als MySpace neben dem rasant wachsenden Wettbewerber Facebook schon zunehmend an Bedeutung verlor, hatte die Gesellschaft 420 Arbeitsplätze gestrichen. „Wir schauen uns eine Reihe von strategischen Möglichkeiten an, darunter einen Verkauf, eine Fusion oder die Abspaltung“, sagte eine News-Corp-Sprecherin am Mittwoch. Als ein möglicher Kandidat wird der Internetkonzern Yahoo gehandelt. Sollte kein Käufer gefunden werden, ist auch eine Schließung möglich.
Im Jahr 2005 zahlte News Corp. 580 Millionen Dollar für MySpace; die Akquisition galt damals als ein Coup für den Medienkonzern. Aber unter der Führung von News Corp. verlor MySpace an Popularität, während Facebook zu einem steilen Aufstieg ansetzte und neue Kommunikationsplattformen wie der Kurznachrichtendienst Twitter Zulauf bekamen. MySpace hat heute rund 100 Millionen Nutzer, Facebook dürfte sich mittlerweile der Marke von 600 Millionen annähern.
„Ab sofort werden keine Kundenaufträge mehr angenommen“
Neben dem wiederholten Personalabbau hat MySpace in den vergangenen Jahren auch mehrmals seine Führung ausgewechselt. Eine für das Unternehmen sehr wichtige Werbepartnerschaft mit dem Internetkonzern Google wurde zwar kürzlich verlängert, aber nach Schätzungen aus der Branche zu deutlich schlechteren Konditionen als vorher. Dem Mutterkonzern News Corp. macht MySpace immer weniger Freude: Im jüngsten Quartalsbericht meldete der Konzern für die Sparte, zu der MySpace gehört, einen Verlust von 156 Millionen Dollar. Der für das Tagesgeschäft zuständige Vorstand Chase Carey machte bei der Vorlage der Zahlen klar, dass News Corp. die Geduld verliert. Die Bemühungen von MySpace, die Wende zu schaffen, würden nun „in Quartalen, nicht in Jahren“ beurteilt.
MySpace hat seiner Seite erst vor wenigen Monaten ein völlig neues Erscheinungsbild gegeben und versucht, sich stärker als Unterhaltungsplattform zu positionieren, auf der Nutzer zum Beispiel neue Musik entdecken. MySpace hat kürzlich auch eine Partnerschaft mit Facebook geschlossen. Nutzern ist es nun möglich, von My Space aus mit einem Klick auf ihr Facebook-Profil zu wechseln. Diese Verbindung wurde in der Branche ein Stück weit als Kapitulation von MySpace im Wettbewerb mit Facebook gewertet.
In Deutschland schließt MySpace seine Pforten komplett. Die Zentrale in Berlin und die Vertriebsbüros werden geschlossen; die rund 30 Mitarbeiter einschließlich des Deutschland-Chefs Joel Berger müssen gehen. MySpace wird zwar weiterhin seine Internetseite auch in deutscher Sprache weiterlaufen lassen, doch ein Geschäft wird nicht mehr erwartet. „Ab sofort werden keine Kundenaufträge mehr angenommen und keine neue Kampagnen mehr eingebucht“, teilte das Unternehmen mit. „Ich bedaure die Entscheidung, den Geschäftsbetrieb in Deutschland einzustellen. Das deutsche MySpace-Team kann stolz darauf sein, den Weg für Social Media in Deutschland geebnet zu haben“, sagte Joel Berger.
MySpace begann im Jahr 2003, Facebook 2004
MySpace ist das vorerst letzte aus einer langen Reihe gescheiterter Netzwerke. Geocities macht in der Liste den Anfang: 1994 von Yahoo übernommen, wurde die Seite 2009 endgültig geschlossen. 2002, noch mitten in der großen Internetdepression, kam das amerikanische Netzwerk Friendster an den Start und gewann schnell viele Anhänger.
Die Idee des „sozialen Internets“ war geboren und fand rasch Nachahmer: MySpace begann seine Tätigkeit 2003, bevor 2004 Facebook gegründet wurde. Der Nachfolger machte es immer besser als sein jeweiliger Vorgänger: MySpace überholte Friendster und Facebook überholte MySpace. Die Überlegung, dass Netzwerkeffekte den Marktführer unangreifbar machen, hat sich zumindest bisher nicht bewahrheitet.
Die Geschichte sozialer Netzwerke ist voller Desaster
In Deutschland wurde Facebook 2005 zunächst erfolgreich von StudiVZ (Holtzbrinck) kopiert und behauptete sich bis 2009 gegen das amerikanische Vorbild, musste sich aber inzwischen wie die anderen deutschen Netzwerke Wer-kennt-wen (RTL), die Lokalisten (Pro Sieben Sat.1) und Stayfriends, deren tägliche Reichweite sinkt oder bestenfalls stagniert, dem Weltmarktführer geschlagen geben.
Die junge Geschichte sozialer Netzwerke ist voll von finanziellen Desastern: An der Spitze stehen die 850 Millionen Dollar, die AOL für das britische Netzwerk Bebo bezahlt hat. Inzwischen hat AOL Bebo weiterverkauft - für 5 Millionen Dollar. Die Bebo-Gründerin Joanna Shields ist heute übrigens Europa-Chefin von Facebook. Für Rupert Murdoch ist das MySpace-Desaster nun nicht ganz so groß: Den 580 Millionen Dollar, die er einst für die Übernahme von MySpace bezahlt hat, stehen nennenswerte Einnahmen gegenüber, zum Beispiel rund 1 Milliarde Dollar von Google, um die bevorzugte Suchmaschine in MySpace zu sein.
Die Facebook-Konkurrenten suchen sich eine Nische
In Deutschland liegen die Summen, die von den Medienunternehmen investiert wurden, im unteren oder mittleren zweistelligen Millionenbereich. Ärgerlicher ist für den Holtzbrinck-Verlag eher, StudiVZ nicht komplett an Facebook verkauft zu haben, als die Amerikaner sich monatelang um den deutschen Klon bemühten und schließlich entnervt von dannen zogen. Die eingetauschten Facebook-Anteile wären heute Milliarden wert.
Die meisten übrig gebliebenen Facebook-Konkurrenten suchen inzwischen nach einer Nische, in der sie überleben können. Investierten vor einigen Jahren noch mehrere Medienunternehmen in den Kauf dieser Netzwerke, fließt jetzt nur noch Geld in Facebook - zuletzt 500 Millionen Dollar von Goldman Sachs und dem russischen Investor DST. Neben Facebook etablieren sich spezialisierte Netzwerke wie Researchgate, das sich auf die Verbindung von Forschern konzentriert. Zudem gibt es Geschäftsnetzwerke wie Xing und Linkedin. Beide scheinen sich behaupten zu können. Xing hat den Sprung an die Börse schon geschafft; Linkedin will noch in diesem Jahr an den Kapitalmarkt.
