09.06.2008 · Im Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG haben die beiden Konzerne Bertelsmann und Sony vor vier Jahren ihr Musikgeschäft gebündelt. Bis 2009 sollte die 50:50-Partnerschaft währen. Nach Informationen der F.A.Z. will Bertelsmann schon jetzt aussteigen.
Von Johannes Ritter und Marcus TheurerAlicia Keys, Leona Lewis, Avril Lavigne – im Geschäftsbericht 2007 der Bertelsmann AG sind sie alle aufgeführt, die großen Zugpferde im Musikgeschäft der Bertelsmann AG. Genauer gesagt: im Musikgeschäft von Sony BMG. In diesem Unternehmen haben Bertelsmann und Sony 2004 ihr Musikgeschäft gebündelt, sie sind mit je 50 Prozent daran beteiligt.
Damals haben sich die Partner bis August 2009 vertraglich aneinander gebunden. Doch nun könnte es schon vor Ablauf dieser Haltefrist zur Trennung kommen: Nach Informationen dieser Zeitung spricht Bertelsmann mit Sony über einen Verkauf der Beteiligung. Der japanische Elektronikkonzern hat (ebenso wie Bertelsmann) ein Vorkaufsrecht auf die Anteile des Partners – und vor allem: Er ist am Erwerb der Anteile interessiert.
Weder Bertelsmann noch Sony wollten diese Informationen auf Anfrage kommentieren. Ein Bertelsmann-Sprecher verwies lediglich auf frühere Aussagen seines Vorstandsvorsitzenden Hartmut Ostrowski, wonach man von einem bestimmten Preis an über einen Verkauf der Anteile nachdenken werde; von einem bestimmten Preis an sei aber auch eine Übernahme der Sony-Beteiligung denkbar.
Schon im Herbst soll über die Zukunft von Sony BMG entschieden werden
Dem Vernehmen nach hat Ostrowski aber wohl schon eine Richtungsentscheidung getroffen: Er will das Paket loswerden und aus dem seit Jahren schrumpfenden Musikgeschäft aussteigen. Ob das wirklich gelingt, ist allerdings noch offen – und letztlich eine Frage des Preises. Und in dieser Frage scheinen sich die Joint-venture-Partner noch uneins zu sein. Dennoch glauben Beobachter, dass eine Entscheidung über die Zukunft von Sony BMG schon im Herbst dieses Jahres – also deutlich vor Ablauf der Haltefrist – fallen könnte.
Ein erstes Signal zum Rückzug aus der Glamourbranche gaben die Gütersloher schon vor zwei Jahren. Damals verkaufte Bertelsmann sein Musikverlagsgeschäft, um seine rapide gestiegene Verschuldung zu senken. Der Medienkonzern trennte sich damit vom ertragreichsten und krisenfesten Teil im traditionellen Musikgeschäft. Es umfasst unter anderen Einnahmen aus Radiotantiemen, die weiter stabil fließen. Die Tonträgerumsätze sind dagegen zum Beispiel in Deutschland seit Ende der neunziger Jahre um mehr als 40 Prozent gefallen. Bei Sony BMG sorgte der milliardenschwere Verkauf für Verärgerung über Bertelsmann, denn Käufer war ausgerechnet der Hauptkonkurrent Universal Music.
Der Zukauf von Universal und der Rückzug von Bertelsmann zeigen, wie weit die Meinungen in der Medienindustrie über die Zukunftschancen des Musikgeschäfts auseinandergehen.
Schaffen die Plattenkonzerne noch den Sprung in die digitale Medienwelt?
Die CD-Verkäufe, mit denen die Branche auch im iPod-Zeitalter noch immer den Großteil ihrer Umsätze macht, waren in den ersten Monaten dieses Jahres weiter im freien Fall. Der digitale Musikvertrieb wächst zwar schnell, kann aber die Einbußen bisher noch immer nicht ausgleichen. Doch gibt es viele Ideen in der Branche. Rolf Schmidt-Holtz, der Vorstandschef von Sony BMG, kündigte im März im Gespräch mit der F.A.Z. eine „Musikflatrate“ an – ein Abonnement, das für sechs bis acht Euro im Monat unbeschränkten Zugang zu digitaler Musik bieten soll. Universal hat bereits Ende 2007 eine als wegweisend geltende Kooperation mit Nokia geschlossen: Wer ein bestimmtes Handy kauft, bekommt die Musik mitgeliefert.
Die Musikindustrie ist deshalb vor allem ein Hoffnungswert. Die Unsicherheit ist groß: Schaffen die Plattenkonzerne den Sprung in die digitale Medienwelt doch noch, oder sind sie zum Aussterben verurteilte Dinosaurier? Auch wegen dieser unterschiedlichen Sichtweisen auf die Zukunft der Branche dürften die Preisverhandlungen zwischen Sony und Bertelsmann sehr schwierig sein. Die Deutschen wollen auf dem bisherigen Tiefpunkt der Branche verkaufen. Doch wie hoch soll die Hoffnung auf eine Wende bewertet werden?
Bertelsmann will Geld sehen, heißt es
Gerade weil Sony selbst noch im Musikverlagsgeschäft aktiv ist und überdies in Alleinregie das japanische Musikgeschäft betreibt, das seinerzeit nicht in das Gemeinschaftsunternehmen eingebracht worden war, kann der japanische Konzern nach einer Übernahme möglicherweise mehr Synergien heben als Bertelsmann. Auch die Finanzlage der Bertelsmänner spricht eindeutig für einen Verkauf der Beteiligung an Sony: Infolge des 4,5 Milliarden Euro schweren Rückkaufs eigener Aktien ist das Gütersloher Familienunternehmen immer noch stark verschuldet. Mit den Erlösen aus dem Verkauf der Musikbeteiligung könnte der Vorstand die Schuldenlast deutlich drücken und so den Handlungsspielraum für Zukäufe auf echten Wachstumsmärkten erhöhen. „Bertelsmann will Geld sehen“, heißt es denn auch in informierten Kreisen.
Die in New York ansässige Sony BMG Music Entertainment hat 2007 einen Umsatz von umgerechnet 2,5 Milliarden Euro erzielt – vier Prozent weniger als im Jahr zuvor. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) erreichte 166 Millionen Euro nach 93 Millionen Euro im Jahr 2006. In dem Ergebnis waren negative Sondereinflüsse von 73 Millionen Euro enthalten.
Das Musikgeschäft ist nicht die einzige Konzernbaustelle
Das Musikgeschäft ist nicht die einzige Baustelle im Bertelsmann-Konzern, der im vergangenen Jahr knapp 19 Milliarden Euro umgesetzt hat. Ostrowski hat den Verkauf des verlustreichen DVD- und Buchklubgeschäfts in Nordamerika eingeleitet. Der Bieterprozess soll im Sommer abgeschlossen werden, heißt es. Auch die europäischen Buchklubs stehen auf dem Prüfstand. Noch hat Bertelsmann allerdings nicht mit den Vorbereitungen für einen Verkauf oder eine Partnersuche begonnen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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