08.12.2008 · Die ostdeutsche Solarindustrie gedeiht auch in der Konjunkturschwäche prächtig, denn die Branche wird per Gesetz kräftig gepäppelt. Hinzu kommen Ansiedlungshilfen in Ostdeutschland. Durch das Schwächeln der Halbleiterindustrie gibt es zudem viele günstige Mitarbeiter.
Von Christian Geinitz, LeipzigMochau ist alterwürdig, aber winzig. Im Jahr 1090 wurde die Gemeinde 50 Kilometer westlich von Dresden erstmals urkundlich erwähnt, viel passiert ist hier seitdem nicht. Kaum 3000 Einwohner leben in Mochau. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind eine Heimatstube und die Ruine der Sommerkirche. Doch seit diesem Jahr gibt es eine neue Attraktion in Mochau, eine Fabrik für Solarmodule des kalifornischen Investors Signet Solar.
Seit Oktober stellt das Werk nach eigenen Angaben die größten Dünnschicht-Solarmodule der Welt her. Mit Abmessungen von 2,20 mal 2,60 Metern erreichen sie fast Schaufensterformat. Die Zahl der Mitarbeiter soll von Ende dieses bis Ende kommenden Jahres von 160 auf 400 Beschäftigte steigen. Die Kapazität dürfte sich auf eine Gesamtleistung aller hergestellten Module von 20 auf 120 Megawatt erhöhen.
60 Prozent der deutschen Solarbeschäftigten im Osten
Zwar könnte die Expansion etwas langsamer vonstattengehen als zunächst geplant, heißt es bei Signet Solar und bei anderen Anbietern. Schuld daran sind die restriktiveren und teureren Bankkredite und mancher zurückgestellte Auftrag im In- und Ausland. Außerdem machen die eingebrochenen Aktienkurse vielen Anlegern keine Freude. Im Großen und Ganzen aber sonnt sich die deutsche Solarindustrie in ihrer Nischenkonjunktur. So erwartet der Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, Carsten Körnig, auch für 2009 ein klares Branchenwachstum: „Die Zahlen bei Photovoltaik und Solarthermie zeigen, dass unsere Unternehmen bis jetzt vergleichsweise gut durch die Finanzkrise kommen.“
Überraschend ist das nicht, denn die Solarindustrie wird auch in der Krise kräftig gepäppelt. Das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) sieht vor, dass Betreiber von Photovoltaikanlagen zwanzig Jahre lang eine feste Vergütung für ihren ins Netz eingespeisten Strom erhalten, der weit über den üblichen Stromkosten liegt. Dieser Anreiz, den alle Stromverbraucher über eine Zwangsumlage mitfinanzieren, schmilzt für künftig errichtete Anlagen zwar deutlich ab. Er garantiert aber eine weiterhin hohe Nachfrage nach Photovoltaik und sichert der Industrie hohe Umsätze.
In Ostdeutschland kommen Ansiedlungshilfen hinzu, was die überdurchschnittliche Unternehmensdichte in den neuen Ländern erklärt: 15.000 der 46.000 Beschäftigten der Branche arbeiten hier, nirgendwo in Europa werden mehr Photovoltaikbetriebe gebaut oder erweitert. Berücksichtigt man nur die Hersteller der Zellen oder Module - rechnet also Zulieferer und Handwerker heraus -, dann arbeiten 60 Prozent der deutschen Solarbeschäftigten im Osten.
Boombranche Halbleiterindustrie
Die Ost-Förderung aus den Töpfen von Bund, Land und EU ist üppig. Signet Solar lässt sich bis zu 35 Prozent ihrer Gesamtinvestitionen von 50 Millionen Euro vom Steuerzahler finanzieren. Beim kanadischen Zellenhersteller Arise Technologies im sächsischen Bischofswerda sind es sogar 50 Prozent von 50 Millionen. „Nirgendwo sind die Förderbedingungen für Solar so gut wie in Ostdeutschland“, gibt der niederländischstämmige Geschäftsführer Sjouke Zijlstra zu. In Bischofswerda habe man 13 Hektar Land fast geschenkt bekommen, hinzu kämen die Arbeitskostenvorteile, die gegenüber Westdeutschland bei 15 bis 20 Prozent lägen; allerdings bei einer Lohnkostenquote von kaum 4 Prozent. Angesichts der guten Bedingungen will auch Arise weiter wachsen: Die Zahl der Beschäftigten soll sich bis April auf 120 verdoppeln, bis 2012 könnte man bis zu 500 Millionen Euro investieren.
Auf den Ansiedlungen von Signet, Arise und anderen ruhen große Hoffnungen, nicht nur in ihren provinziellen Heimatgemeinden, sondern auch in der Landeshauptstadt Dresden. „Die Branche brummt trotz Wirtschafts- und Finanzkrise“, frohlockt Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD), der 2009 für sein Bundesland einen Beschäftigtenanstieg von 3100 auf 4000 voraussieht. Die hohen Erwartungen gelten aber auch ganz konkret für manchen Dresdner, der sich um seinen Arbeitsplatz sorgt - vor allem aus der Halbleiterindustrie, die gestern noch als die große Boombranche Sachsens galt.
Einkommensabstand zwischen Halbleiter- und Solarindustrie
Im selbsternannten „Silicon Saxony“ rund um Dresden, dem größten Halbleiterstandort Europas, siedeln 270 Unternehmen mit 35.000 Beschäftigten und 4 Milliarden Euro Jahresumsatz. Doch nicht wenige dieser Unternehmen stecken in der Krise. Nach Zahlen der IG Metall haben in den vergangenen zwölf Monaten Chiphersteller und Zulieferer den Abbau von 3000 Stellen im Raum Dresden angekündigt. Schlagzeilen machen meist nur die Großen der Branche, allen voran der Intel-Konkurrent AMD, der seine Dresdner Werke im Oktober an Investoren aus Abu Dhabi verkaufen musste, um sie zu retten. Noch nicht gerettet ist die Infineon-Tochtergesellschaft Qimonda, die seit 2007 in Dresden schon 700 ihrer ehemals 3900 Stellen abgebaut hat und 950 weitere Arbeitsplätze streichen will. Selbst ein kompletter Zusammenbruch ist nicht ausgeschlossen, zumal das Land Sachsen den Standort nicht um jeden Preis erhalten will.
Von dem Niedergang profitieren die 35 Solarunternehmen in Sachsen, die zusammen 1,6 Milliarden Euro umsetzen. Denn gute Leute in Hochtechnikberufen sind selbst in Ostdeutschland nicht immer einfach zu bekommen - oder sehr teuer. „In der Halbleiterkrise haben wir kaum Probleme, unsere Stellen zu besetzen“, sagt die Personalchefin von Signet Solar, Kathrin Kretschmar. Zehn ehemalige Qimonda-Mitarbeiter stehen in Mochau am Band, selbst der Manager für Qualität und Sicherheit kommt von dort. Auch bei Arise haben sich schon einige Interessenten von Infineon, Qimonda oder AMD gemeldet. Auf Stundenbasis beziffert Zijlstra den Einkommensabstand zwischen Halbleiter- und Solarindustrie auf gut 10 Prozent.
Solare Blase
Horst Trummler (Vandale6906)
- 09.12.2008, 09:06 Uhr
Subventionen sind sooooo schön....
Michael Meier (never1)
- 09.12.2008, 10:34 Uhr
Die Steinkohle der Zukunft
Horst Trummler (Vandale6906)
- 09.12.2008, 17:52 Uhr
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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