Deutschlands Solarindustrie jubelt. Erst senkt die Regierung die Einspeisevergütung für Solarstrom deutlich geringer als erwartet. Dann kauft Bosch für knapp 550 Millionen Euro die Aktienmehrheit des Erfurter Photovoltaik-Anbieters Ersol. "Diese Investition eines etablierten Industriekonzerns ist ein klares Zeichen, dass die deutsche Photovoltaikindustrie den Reifetest bestanden hat. Nun sind weitere Akquisitionen zu erwarten", sagte Matthias Fawer vom Schweizer Bankhaus Sarasin. Vor allem gut aufgestellte Unternehmen der zweiten Reihe rückten nun in das Visier großer Industrieunternehmen. "Wir sehen diese Bewegung als Startpunkt einer Konsolidierung in der Solarindustrie. Wir erwarten, dass Unternehmen aus reifen Industrien wie der Automobilwirtschaft oder der Halbleiterindustrie ihr Prozess-Wissen in die Solarindustrie einbringen", schreiben auch die Analysten von Sal. Oppenheim.
20 Prozent Wachstum im Jahr bis 2020
Angelockt werden diese Unternehmen von dem hohen Wachstum in der Photovoltaik, die Sonnenenergie direkt in Strom umwandelt. Um 45 Prozent wachsen die Märkte noch bis 2010, danach immerhin noch mit 20 Prozent bis zum Jahr 2020. "Von diesem Wachstum können viele reife Industrien nur träumen. Daher machen Investitionen in diese Wachstumsbranche Sinn", sagte Fawer. Staatliche Förderprogramme wie in den Vereinigten Staaten und Südeuropa, ebenso eine kräftige Nachfrage in China und Indien sichern dem Markt für Sonnenstrom hohe Zuwächse. Auch das Ziel der Europäischen Union, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen, gibt der Branche Wachstumssicherheit.
Deutschland ist wegen der üppigen Förderung des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) der wichtigste Markt der Solarindustrie, auch wenn der Anteil des Sonnenstroms am gesamten deutschen Stromverbrauch im vergangenen Jahr nur etwa 1 Prozent betrug. Im vergangenen Jahr wurden mit mindestens 1100 Megawatt Zubau die Hälfte der neu geschaffenen Photovoltaik-Kapazität in aller Welt in Deutschland installiert. Der beliebteste Standort für die Solaranlagen ist Bayern; dort wird der Anteil des Solarstroms in diesem Jahr die Zwei-Prozent-Marke durchbrechen, erwartet das Branchenmagazin Photon.
Wachstumsmärkte im Ausland
Doch das Marktwachstum in Deutschland ist auf diesem hohen Niveau vergleichsweise gering. Von ihren relativ sicheren Heimatmarkt Deutschland dringen die Photovoltaik-Unternehmen daher mit Macht ins Ausland. Gerade erst hat Branchenprimus Q-Cells angekündigt, bis zu 3,5 Milliarden Dollar in eine Produktionsstätte für Solarmodule in Mexiko zu investieren. Im Visier hat Q-Cells den amerikanischen Markt, vor allem den Sonnenstaat Kalifornien, wo Gouverneur Arnold Schwarzenegger als Vorreiter der Umweltschutzbewegung auftritt. Bis zum Ende des Jahrzehnts wird der amerikanische Markt im Durchschnitt rund 80 Prozent im Jahr zulegen, erwarten Marktforscher. Noch mehr Wachstum ist in südeuropäischen Ländern wie Spanien, Italien und Griechenland oder auch in Asien zu erwarten, wo sich die installierte Kapazität in jedem Jahr etwa verdoppelt.
Die großen deutschen Solarunternehmen wie Q-Cells oder Solarworld sind für den internationalen Wettbewerb gut aufgestellt und können sich mit Unternehmen aus China oder Japan durchaus messen, meint Fawer. Auch kleinere Anbieter wie Solon, Aleo Solar oder Phoenix Solar sind nach seiner Meinung auf dem richtigen Weg, um im internationalen Geschäft mithalten zu können.
Teures Öl spielt Solarindustrie in die Hände
Die steigenden Preise für Öl und Gas spielen den Solarstromunternehmen in die Hände. Je teurer die konventionelle Energie wird, desto früher wird Solarstrom wettbewerbsfähig. Im Jahr 2015 etwa wird dieser Durchbruch zu erwarten sein, zumindest in Regionen, wo die Sonneneinstrahlung hoch und konventionelle Energie teuer ist. Sollte der Ölpreis weiter so rasant steigen wie zuletzt, könnte die "Netzparität" auch schon etwas früher erreicht werden.
