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Solarbranche Die Angst vor dem Dunkel im Osten

23.01.2010 ·  Das Geschäft mit der Kraft der Sonne boomt in den neuen Bundesländern - mehr als drei Viertel der in Deutschland produzierten Solarzellen kommen aus dem Osten der Republik. Jetzt wächst die Sorge, dass es damit bald vorbei sein könnte.

Von Thiemo Heeg
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Das Silicon Valley ist weltberühmt, aber wer es in Kalifornien sucht, darf nicht auf eine Ausschilderung hoffen; man muss schon wissen, dass man von San Francisco aus den Highway 101 in Richtung Süden nehmen muss, der einen dann mitten hineinführt. Das Solar Valley ist weniger berühmt, aber dafür umso besser ausgeschildert. Es liegt schließlich in Deutschland, und wer auf der A 9 in Richtung Berlin fährt, kann es nicht verfehlen: Ein Autobahnschild an der Ausfahrt Bitterfeld-Wolfen leitet Sonnenenergiehungrige direkt in ein nahe gelegenes Vorzeige-Industriegebiet mit der Sonnenallee als Hauptstraße.

Dort sitzen neben der börsennotierten Photovoltaikfirma Q-Cells (die in den vergangen fünf Jahren einen Aufstieg ohnegleichen hinter sich gebracht hat) noch weitere Solarfirmen. Schon zu DDR-Zeiten gab es hier das, was man heute einen Industriecluster nennt. Die einst hier dominierende Chemie ist immer noch vertreten. Aber Bitterfeld ist auf gutem Weg, von der „schmutzigsten Stadt Europas“, wie die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Roman „Flugasche“ formulierte, zur saubersten zu werden: die Solar City im Solar Valley. Dieses Solar Valley reicht sogar viel weiter, es umfasst den gesamten deutschen Südosten: So nennt sich zumindest ein Netzwerk, das nach eigenen Angaben 29 „weltweit agierende“ Unternehmen, neun „renommierte“ Forschungseinrichtungen, vier Universitäten und drei Bundesländer – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – umfasst.

Photovoltaik bald so wichtig wie die Autoindustrie?

Fachwissen auf diese Weise zu bündeln und zu konzentrieren ist gerade in der Solarindustrie keine schlechte Idee. Schließlich handelt es sich um einen ziemlich trickreichen Vorgang, aus Licht Strom zu produzieren. Bis ein fertiges Solarmodul auf dem Acker, an der Autobahnbrücke oder auf dem Hausdach installiert werden kann, sind viele Arbeitsschritte nötig: Der Ausgangsstoff Rohsilizium wird bei mehr als 1400 Grad Celsius geschmolzen; die Schmelze erstarrt zu einem Block; aus diesen Barren werden wiederum dünne Scheiben geschnitten, die sogenannten Wafer – Ausgangsmaterial für die Solarzelle und für das fertige Solarmodul.

Manche Firmen konzentrieren sich auf einen Teil dieses Prozesses, andere ziehen die gesamte Produktionskette durch. So erklärt es sich, dass Zahlen zur Branche so unterschiedlich ausfallen. Immerhin: Nach den Daten des auf erneuerbare Energien spezialisierten Forschungsinstituts EuPD Research stammt gut ein Viertel der in Deutschland hergestellten Solarmodule aus der Region Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen, knapp 40 Prozent der Wafer kommen von hier und mehr als drei Viertel der in der Bundesrepublik produzierten Solarzellen. Insgesamt, so beziffert es das Netzwerk „Solar Valley Mitteldeutschland“, werden zwischen Magdeburg, Dresden und Erfurt 43 Prozent des deutschen Industrieumsatzes der Photovoltaikbranche erwirtschaftet.

Auf all diese Daten scheint die Politik noch stolzer zu sein als die Wirtschaft. „Thüringen hat sich innerhalb von nur zehn Jahren zu einem der wichtigsten Solar-Standorte in Deutschland und Europa entwickelt“, rühmt sich die Landesregierung. Die Solarwirtschaft habe das Potential, eine Leitindustrie zu werden, „ähnlich dem Automobil- oder Maschinenbau“. Für Sachsens Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich ist die Photovoltaik schon heute eine Schlüsselindustrie. Der Erfurter Umweltminister Jürgen Reinholz spricht von einer „tragenden Säule der künftigen Industriestruktur Mitteldeutschlands“. Was, wenn diese Säule wegbräche? Nicht auszudenken.

Einspeisevergütung lässt Solaraktien einbrechen

Und doch scheint heute das große Ganze in Gefahr. Am vergangenen Mittwoch kam die Gewissheit: Die schwarz-gelbe Bundesregierung will die Solarförderung erheblich kürzen. Das Stichwort lautet: Einspeisevergütung. Darunter versteht man Geld, das Solarstromproduzenten erhalten, wenn sie ihren selbsterzeugten Strom in das große Netz der Versorger einleiten. Inzwischen kann das jeder kleine Privatmann: Solaranlage auf das Dach, Stromzähler in den Keller und abkassieren. Für jede Kilowattstunde eingespeisten Strom gibt es gegenwärtig fast 40 Cent. Das ist in etwa das Doppelte bis Dreifache dessen, was Leute ohne Solaranlage an ihren Stromlieferanten zahlen müssen. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sollte dieser Satz Jahr für Jahr zurückgefahren werden, und zwar so lange, bis Solarstrom keine Förderung mehr braucht und sich preislich am Markt behaupten kann. Umweltminister Norbert Röttgen geht das Ganze nicht schnell genug. Sein neuer Plan sieht unter anderem vor, die Vergütung für die Stromeinspeisung aus Dachanlagen zum 1. April einmalig um zusätzliche 15 Prozent zu reduzieren.

Warum? Die Solarförderskeptiker haben dafür einen Begriff geprägt: Überförderung. An der Spitze der Kritiker stehen die Verbraucherzentralen: „Allein für alle 2009 neu installierten Solarstromanlagen müssen die Verbraucher Mehrkosten in Höhe von rund 10 Milliarden Euro bezahlen“, rechnet der Verband erzürnt vor. Diese Summe ergibt sich, weil im vergangenen Jahr deutlich mehr Photovoltaikanlagen installiert wurden als geschätzt. Noch 2008 war der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) davon ausgegangen, dass 2009 weitere Photovoltaikanlagen mit einem Volumen von 682 Megawatt angeschlossen werden. Tatsächlich dürften es schon im Halbjahr so viele gewesen sein. Die Chefredakteurin des Branchenmagazins „Photon“, Anne Kreutzmann, geht davon aus, dass es insgesamt an die 3600 Megawatt gewesen sein dürften, davon allein 2000 im letzten Quartal. Viele haben wohl noch kurz vor Jahresschluss zugeschlagen, weil die Einspeisevergütung jeweils automatisch im Januar sinkt. Die Industrie hängt an dieser Förderung, weil damit ihre Produkte, also die Module, indirekt bezuschusst werden. Wie groß die Abhängigkeit eingeschätzt wird, zeigt die Reaktion der Börsen. Noch bevor Röttgen seine Pläne öffentlich kundtat, sorgten Spekulationen für teilweise prozentual zweistellige Kurseinbrüche bei Solaraktien.

Branchenliebling Q-Cells kündigt Entlassungen an

Nun sind die Meinungslinien hinsichtlich der Förderung des „guten“ Solarstroms komplexer als auf den ersten Blick sichtbar. Vor den Gesprächen der Industrie mit dem Umweltminister hatte sich die Branche auf ein Konzept geeinigt. Darin war schon vorgesehen, die Förderung um jährlich bis zu fünf Prozentpunkte schneller abzusenken als im Gesetz vorgesehen. Zur Begründung hieß es, dass die Preise für Solarstromanlagen 2009 um durchschnittlich 26 Prozent gesunken seien und sich angesichts dessen nun „moderate Spielräume“ ergäben.

Mit den jetzt geplanten 15 Prozent liegt Minister Röttgen in etwa in der Mitte der Forderungen – die Verbraucherzentralen verlangten eine Abschmelzung von 30 Prozent. Und doch schreit die Industrie nun Mord und Sonnenfinsternis: Der Branchenverband BSW-Solar warnte umgehend vor einer Insolvenzwelle und dem Verlust Zehntausender Arbeitsplätze. „Wenn die zusätzlichen Kürzungspläne im zweistelligen Prozentbereich Gesetz würden, dann würde die Klimapolitik der Bundeskanzlerin zur Makulatur. Dann stehen Dutzende deutsche Solarunternehmen vor der Insolvenz oder wären gezwungen, ihre Produktion aus Deutschland zu verlagern“, erklärte Verbandspräsident Günther Cramer, der zugleich Chef des Wechselrichterherstellers SMA Solar Technology ist.

Anzeichen für solche Tendenzen gibt es bereits; mit der Förderung haben sie nicht immer zu tun. Im Sommer kündigte der einstige Branchenliebling Q-Cells an, angesichts von Millionenverlusten 500 Stellen abzubauen. Und wenn schon nicht mit Jobabbau, drohen andere Unternehmen wenigstens mit Stagnation. Sollte es bei den Röttgen-Plänen bleiben, werde er sich für den geplanten Ausbau seines Unternehmens in Thüringen nicht aussprechen, sagt der Chef der Photovoltaikfirma Masdar PV, Rainer Gegenwart. Immerhin war bei Masdar, einem Staatsunternehmen aus Abu Dhabi, angedacht, die Zahl der aktuell 170 Mitarbeiter in Ichtershausen bei Erfurt zu verdoppeln und perspektivisch sogar bis auf 600 aufzustocken.

Eine supergroße Koalition für die Solarbranche

Dass die Sorgen im bislang solarverwöhnten Osten tief sitzen, beweist schon die Tatsache, dass sich inzwischen auf Länderebene eine supergroße Koalition gegen die Berliner Pläne formiert hat. Am vergangenen Donnerstag verständigten sich die Wirtschaftsminister Brandenburgs, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens darauf, gemeinsam mit der Branche „über weitere Schritte zu beraten“.

Dass die vier Herren sich dermaßen einig sind, dass die Absenkung der Solarförderung ein „falsches Signal“ ist, erstaunt angesichts der Parteifarben dann doch: Brandenburgs Ressortchef Ralf Christoffers ist ein Linker, Matthias Machnig in Thüringen gehört der SPD an, Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok der FDP, und Reiner Haseloff in Magdeburg ist ein Parteifreund von CDU-Mann Norbert Röttgen. Sie alle setzen auf ihre Solarindustrie – handele es sich dabei doch um eine der „innovativsten und wachstumsstärksten Branchen“, wie der Potsdamer Minister Christoffers formulierte.

Genau hier sind sich Fachleute inzwischen gar nicht mehr so sicher. In einem Beitrag für die F.A.Z. beklagte der Berliner Solarfachmann Wolfgang Hummel (Subventionen und Sonnenschein), dass viele Unternehmen der deutschen Solarbranche ohne umfangreiche Dauersubventionen nicht lebensfähig seien. Viele Geschäftsmodelle ähnelten denen von Handelsunternehmen. Solarzellen würden in China gekauft und in Deutschland lediglich nicht in Rahmen eingepasst. Kein Wunder, dass viele Förderungsgegner lauthals klagen, mit der Einspeisevergütung subventioniere der deutsche Stromverbraucher eigentlich die Chinesen. Das passt so gar nicht in die Erfolgsgeschichte vom ostdeutschen Solarwunder. Aber irgendwann kommt wohl jedes Sommer- und Sonnenmärchen in der Realität an.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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