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Aus dem Schwarzwald : Sofahersteller Rolf Benz wird an Chinesen verkauft

Der Sofahersteller Rolf Benz bekommt einen neuen Chef. Bild: Rolf Benz

Innerhalb weniger Tage wechselt die zweite deutsche Traditionsmarke ihren Besitzer. Rolf Benz wittert im Verkauf seine große Chance.

          In der deutschen Möbelbranche folgt der nächste Paukenschlag: Die bekannte Sofamarke Rolf Benz kommt in chinesische Hände. Die Hüls-Gruppe hat den Polstermöbelhersteller an den börsennotierten Möbelkonzern Jason Furniture mit Sitz in Hangzhou veräußert. Vollzogen wurde der Kauf von der Kuka Investment and Management Co., einer Tochtergesellschaft von Jason Furniture, wie es in einer knappen Mitteilung heißt. Die Kartellbehörden müssen der Transaktion noch zustimmen. Erst Anfang dieser Woche war die Branche von der Nachricht überrascht worden, dass der defizitäre Schrankhersteller Interlübke vom Bettenunternehmer Axel Schramm übernommen wird.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          „Rolf Benz ist kein Sanierungsfall“, betont Geschäftsführer Jürgen Mauß vor diesem Hintergrund im Gespräch mit der F.A.Z. Der in Nagold im Nordschwarzwald ansässige Hersteller von hochwertigen Sofas (450 Mitarbeiter) arbeite profitabel, habe im vergangenen Jahr seinen Umsatz gesteigert und sei gut aufgestellt. Den Verkauf begründet Mauß mit einem regen Interesse von Investoren, vor allem aber der Absicht der Hüls-Gruppe, mit dem Erlös die Restrukturierung ihrer verbliebenen Beteiligungen rund um Hülsta zu bewerkstelligen.

          Chinesen wollen Produktionsstandort erhalten

          Von der Übernahme durch die chinesische Jason Furniture, die unter der Marke Kuka Einrichtungsgegenstände vertreibt, verspricht sich der Rolf-Benz-Chef Unterstützung beim Ausbau des Exportanteils von derzeit knapp 50 Prozent. „Für die weitere Internationalisierung brauchen wir einen starken Partner“, stellt Mauß fest. Gerade in Asien gebe es ein großes Wachstumspotenzial. Die Absicht sei es, dort eigene Rolf-Benz-Geschäfte zu eröffnen.

          Chancen wittert Mauß nicht nur bei Endkunden, sondern auch im Objektgeschäft mit der Einrichtung von Hotels oder kompletten Appartementblöcken. „Wir müssen stärker auf den Radar der Architekten und Innendesigner kommen.“ An der Schanghaier Börse wird Jason Furniture mit umgerechnet 3,3 Milliarden Euro bewertet, der Umsatz belief sich zuletzt auf 865 Millionen Euro. Das im Jahr 2006 gegründete Unternehmen unterhält drei eigene Produktionsstätten in China und betreibt unter dem Namen Kuka 3000 Filialen in mehreren Ländern.

          Hüls-Gruppe schon seit 2014 in der Sanierung

          Die Chinesen haben laut Mauß ein Bekenntnis zum Produktionsstandort Nagold abgegeben. Vor wenigen Wochen vereinbarte Jason Furniture bereits mit dem italienischen Polstermöbelanbieter Natuzzi die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, das dem Ausbau des China-Geschäfts von Natuzzi dienen soll. Mit einer ähnlichen Stoßrichtung hatte im Herbst die Eigentümerfamilie des ostwestfälischen Luxusküchenherstellers Siematic ihre Mehrheit an einen chinesischen Investor abgegeben. Mit der Nison-Gruppe solle der vielversprechende chinesische Markt erschlossen werden, sagte damals der geschäftsführende Gesellschafter Ulrich Siekmann.

          Unterdessen befindet sich die unter der Regie von Ludwig Hüls stehende Hüls-Gruppe mit Sitz in Stadtlohn im Münsterland schon seit dem Jahr 2014 in der Sanierung. Mehrere Beteiligungen wurden bereits abgestoßen. So gingen der Bettenspezialist Ruf Betten und der Parketthersteller Parador vor eineinhalb Jahren an die Nord Holding, eine von Landesbanken und Sparkassen getragene Beteiligungsgesellschaft. Das Geschäft von ArteM wurde komplett eingestellt. Mit dem Verkauf von Rolf Benz – 1964 vom Unternehmer Rolf Benz gegründet und 1998 von der Welle-Gruppe in den Besitz von Hüls gewechselt – konzentriert sich die Hüls-Gruppe nun ganz auf das Kastenmöbelgeschäft (Schränke, Kommoden, Bettgestelle) mit den Unternehmen Loddenkemper und vor allem dem Markenanbieter Hülsta.

          Hülsta, das Herzstück der Gruppe, hat die Belegschaft in den vergangenen Jahren deutlich reduziert und steckt immer noch in der Restrukturierung. Hülsta sei zeitweise zu teuer gewesen, hatte der bis Frühjahr 2017 engagierte Sanierungsmanager Oliver Bialowons eingeräumt. Unter seiner Ägide wurde besonders die Sortimentserweiterung im Preiseinstiegsbereich forciert. Als Herausforderungen betrachtet Hülsta-Geschäftsführer Andreas Bremmer vor allem den Onlinehandel und den Vertrieb auf der Großfläche. Ziel müssten unter anderem weitere Effizienzsteigerungen und die weitere Verkürzung der Lieferzeiten sein.

          Das Geschäft der Möbelpaläste auf der grünen Wiese wird von den starken Einkaufsverbänden des Handels dominiert, die vermehrt im Ausland einkaufen und den Ausbau der Handelsmarken vorantreiben. Die intensiven Marketingaktivitäten lassen sich beispielsweise an den Fernsehspots festmachen, mit denen der Verbund Begros zur besten Sendezeit seine Eigenmarke Mondo mit Hilfe der Schauspielerin Annette Frier bewirbt. Aus der Möbelindustrie sind immer wieder Klagen über hohe Rabattforderungen der Einkaufsverbände zu vernehmen. Zudem leiden Hersteller wie Hülsta, aber auch Interlübke unter dem Trend weg von den wuchtigen Schranksystemen hin zu kleineren Einzelmöbeln. Darüber hinaus machen Experten bei etlichen mittelständischen Möbelherstellern Optimierungspotenziale bei den Prozessen und besonders im Hinblick auf die Digitalisierung aus.

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