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Société Générale Kleiner Händler, großer Betrug

 ·  Ein „kleiner Händler“ namens Jérome Kerviel soll es gewesen sein, der die Société Générale betrog. Er hatte bei Verlusten nicht verkauft, sondern Scheingeschäfte getätigt. Die Bank beschloss sofort, reinen Tisch zu machen. Die Verkäufe fielen mitten in die Aktienkrise. „Pech“, sagt der Chef - denn so wurde es richtig teuer.

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Ein „kleiner Händler“ mit einem Monatsgehalt von gerade mal 5000 Euro hat der französischen Großbank Société Générale (SocGen) offenbar einen Verlust von knapp 5 Milliarden Euro beschert: Die Bank deckte nun einen milliardenschweren Betrug des Händlers auf. Der Verlust übersteigt den bislang spektakulärsten Betrugsfall durch einen einzelnen Händler um ein Vielfaches. 1995 hatte Nick Leeson der britischen Handelsbank Barings einen Verlust von umgerechnet 1,2 Milliarden Euro eingehandelt.

Der Händler der SocGen heißt Jérome Kerviel und arbeitete in einem Handelsraum der Société Générale im Pariser Bankenviertel La Defense. Am gestrigen Nachmittag kursierte der Name erstmals unter Journalisten. Die Société Générale wollte die Identität ihres ehemaligen Mitarbeiters zunächst nicht bekannt geben. Der Mann hatte viele kleine Geschäfte auf europäische Aktienindizes mit Futures absichern sollen, sagte Bankchef Daniel Bouton.

Bei immer wieder vorkommenden Verlusten habe er nicht verkauft, sondern nur Scheingeschäfte getätigt. Dabei baute sich für die Bank ein immer größeres Verlustrisiko auf. Die Kontrollen wurden umgangen: Der Mann hatte jahrelang in der Kontrollabteilung gearbeitet und kannte die Mechanismen. Dennoch machte er am Ende einen Fehler und wurde entdeckt. Jetzt soll er sich angeblich auf der Flucht befinden. „Er hat sich aus dem Staub gemacht“, sagte der französische Notenbankchef Christian Noyer auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz.

Verkäufe mitten in der Krise - Bouton: „Pech“

Das Ausmaß des Schadens wurde angeblich erst am vergangenen Wochenende klar. Am Sonntag beschloss die Bankführung, alle kritischen Positionen sofort zu schließen.

„Es war unsere Pflicht, die Risikopositionen so schnell wie möglich glattzustellen“, sagte Bouton. „Es war unsere Pflicht, die Bank zu schützen.“ Die Verkäufe dauerten drei Tage und gerieten mitten in die Aktienmarktkrise. „Das war Pech“, sagte Bouton. Die Milliardenverluste werden noch 2007 verbucht.

„Beispielloser Betrug“

SocGen werde den in Paris ansässigen Händler entlassen, teilte die Bank gleich nach Bekanntwerden des Skandals mit. Seine Vorgesetzten würden das Kreditinstitut ebenfalls verlassen. Vorstandschef Bouton selbst habe seinen Rücktritt angeboten, der Vorstand habe dies aber abgelehnt, hieß es weiter.

Die Bank bezeichnete den Vorfall im Handelsgeschäft wegen seines Ausmaßes und seiner Natur als „beispiellosen Betrug“. Wegen Sonderabschreibungen und wegen des Betrugsfalls reduziert sich der Jahresgewinn des Unternehmens für 2007 auf 600 bis 800 Millionen Euro, teilte die Bank weiter mit.

Vorstände verzichten auf Bonus und Gehalt

Bouton erklärte, die Société Générale bereite eine Anzeige gegen den Händler vor. Er entschuldige sich bei allen Anlegern. Er und der geschäftsführende Vorstand Philippe Citerne würden sich ihren Bonus für das
vergangene Jahr nicht auszahlen lassen und „bis mindestens Juni“ auf ihr Festgehalt verzichten.

Ein Gewerkschaftsmitglied sagte nach einer von mehreren Krisensitzungen in der Bank, der Händler habe die Firma anscheinend „nicht zu seinen Gunsten“ betrogen. Er habe „einfach gespielt“. „Wir sind fast vom Stuhl gefallen“, fügte der Gewerkschafter hinzu. „So etwas hat man noch nicht gesehen.“

Etwa hundert Anleger erstatteten eine Sammelanzeige gegen die Bank. Rechtsanwalt Frederik-Karel Canoy teilte mit, er habe das Geldinstitut unter anderem wegen „Betruges, Vertrauensmissbrauchs und Fälschung“ bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Seine Mandanten hätten auf einen Schlag „wahrscheinlich ihr gesamtes Geld verloren“. Die französische Zentralbank kündigte Ermittlungen an. Frankreichs Regierungschef François Fillon sprach am Rande des Wirtschaftsforums in Davos von einer „schwer wiegenden Angelegenheit“.

Französische Zentralbank schaltet sich ein

In den spektakulären Betrugsfall hat sich unterdessen auch die französische Zentralbank eingeschaltet. Nach deren Einschätzung stellt der Milliardenverlust bei der Großbank keine Gefahr für Société Générale oder für das französische Finanzsystem insgesamt dar. Notenbankchef sagte, die Behörden seien über den Fall am Wochenende informiert worden und hätten ihn seitdem genau verfolgt. Er zeigte sich zuversichtlich, dass Société Générale angesichts ihrer insgesamt gesunden Finanzen mit der Krise fertig werden kann.

Noyer betonte, dass es sich um einen Betrugsfall handele. Der Händler werde nicht für andere Verluste verantwortlich gemacht. Er habe die internen Kontrollen genau gekannt und sei ohne Zweifel zudem ein Computer-Genie, sagte Noyer. Er nannte den Betrug „unvorstellbar“.

Zusätzliche Abschreibungen wegen der Immobilienkrise

Neben dem aktuellen Betrugsfall hat die Bank außerdem mit den Folgen der amerikanischen Immobilienkrise zu kämpfen. Das Geldhaus müsse zusätzliche Abschreibungen von 2,05 Milliarden Euro im vierten Quartal vornehmen, die auf die Immobilienkrise zurückzuführen seien, teilte sie am Donnerstag weiter mit. In den kommenden Wochen benötige man deswegen 5,5 Milliarden Euro an frischem Kapital, hieß es in einer Erklärung. Die geplante Milliarden-Kapitalerhöhung soll schon in trockenen Tüchern sein. Sie sei von den beiden amerikanischen Banken JP Morgan und Morgan Stanley komplett gezeichnet worden, hieß es.

Die Dividende der Bank für 2007 soll den Belastungen nicht zum Opfer fallen: Der Verwaltungsrat werde vorschlagen, eine Dividende im Rahmen der Ausschüttungspolitik von 45 Prozent zu zahlen.

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Von Gerald Braunberger

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