28.01.2008 · Im Spekulationsskandal um die französische Bank Société Générale hat der Börsenhändler Kerviel offenbar umfangreiche Aussagen gemacht. Seine Anwälte erklärten unterdessen, ihr Mandant habe „im Bankeninteresse gehandelt“ und äußerten Vorwürfe gegen die Bank.
Im milliardenschweren Spekulationsskandal um die französische Großbank Société Générale sehen die Anwälte des beschuldigten Finanzjongleurs kein Fehlverhalten ihres Mandanten. Jérôme Kerviel habe „nichts Unredliches getan, nicht einen einzigen Cent eingesteckt und in keinster Weise vom Vermögen der Bank profitiert“, sagten Elisabeth Meyer und Christian Charrière-Bournazel der Nachrichtenagentur AFP. Vielmehr habe er „im Interesse der Bank gehandelt“. Sein einziges Ziel sei es gewesen, der Bank große Gewinne einzubringen, berichtete die Zeitung „Le Parisien“ am Montag unter Berufung auf die Anwälte des 31-Jährigen.
Société Générale hat gegen ihn Anzeige wegen Betrugs erstattet. Die Bank wirft ihm vor, durch Scheingeschäfte und Umgehen von Kontrollen 4,9 Milliarden Euro Verlust verursacht zu haben. In einer Erklärung ist von Hackermethoden und „verschiedenen Betrugstechniken“ die Rede. Finanzexperten bezweifeln die These des Alleintäters. Kerviel sollte am Nachmittag einem Richter vorgeführt werden, der entscheidet, ob ein Verfahren gegen ihn eröffnet wird.
Hat er nun alleine gehandelt oder nicht?
Die französische Finanzministerin Christine Lagarde äußerte unterdessen die Einschätzung, der Spekulant habe alleine gehandelt. Es gebe gegenwärtig keinen Grund zu glauben, dass nicht er als Einzelperson verantwortlich sei, sagte die Ministerin am Montag im Fernsehsender France-2. Auch die SG selbst erklärte, Kerviel habe allein gehandelt. Die Bank korrigierte den angerichteten Schaden am Montag leicht nach unten auf 4,82 Milliarden Euro.
Ein einzelner Börsenhändler hat der französischen Großbank Société Générale einen Rekordverlust von 4,9 Milliarden Euro beschert. Der Mann habe über das vergangene Jahr seine eigenen Geschäfte „innerhalb der Bank“ gemacht, teilte Bankenchef Daniel Bouton mit.
Der Bankangestellte wurde am vergangenen Wochenende von der Justiz verhört und macht dabei offenbar umfangreiche Aussagen. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich am Sonntag zufrieden und erklärte, die Befragung erweise sich als äußert ergiebig.
„Mediale Lynchjustiz“, Verluste „mit provoziert“
Kerviels Anwälte verurteilten die „mediale Lynchjustiz“ gegenüber ihrem Mandanten. So sei „entgegen aller Vernunft“ behauptet worden, Kerviel sei auf der Flucht gewesen. Meyer und Charrière-Bournazel kritisierten, dass ein Foto ihres Mandanten veröffentlicht sowie sein Privatleben und das seiner Angehörigen „durchwühlt“ worden seien.
Nach Ansicht der Anwälte agierte die Großbank nach Entdecken von Kerviels riesigen Außenständen zu hektisch am Markt. Société Générale habe deshalb die Verluste von fast fünf Milliarden Euro mit provoziert, sagten sie. Sie warfen Société Générale zudem vor, mit der Aufdeckung des Skandals die Öffentlichkeit von viel höheren Verlusten der vergangenen Monate ablenken zu wollen, beispielsweise aus der amerikanischen Immobilienkrise. Kerviel wird vorgeworfen, bei eigenmächtigen Finanzgeschäften seiner Bank einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro beschert zu haben. Er ist derzeit in Polizeigewahrsam und wird von der Finanzpolizei verhört.
Positionen in Höhe von 50 Milliarden Euro
In einer fünfseitigen Erklärung versuchte die SG-Führung dem Eindruck entgegenzutreten, sie habe mit einem massiven Verkauf der von Kerviel aufgebauten Positionen die Börsenmärkte in der vergangenen Woche zusätzlich unter Druck gebracht. Sie habe zwar in der vergangenen Woche Kontrakte über die Börsen-Indexe Eurostoxx, Dax und FTSE verkauft, dies sei aber auf eine kontrollierte Art und Weise erfolgt.
In dem Papier hieß es, Kerviel habe allein gearbeitet und dabei Positionen in Höhe von 50 Milliarden Euro angehäuft. Persönlich bereichert habe er sich offenbar nicht. Kerviel habe die Kontrollmechanismen gut gekannt. Der Investment-Chef Jean-Pierre Mustier erklärte allerdings in einer Telefonkonferenz mit Journalisten: „Ich kann nicht 100 Prozent garantieren, dass es keine Mittäter gegeben hat.“ Zu den Motiven des Händlers konnte er nichts sagen. „Wir wissen es nicht, wir verstehen es nicht“, sagte Mustier und sprach von einem Schock für die Bank.
Seit Donnerstag nicht mehr gesehen
Staatsanwalt Jean-Michel Aldebert erklärte, der Börsenhändler habe sich gestellt und sei am Samstagnachmittag festgenommen worden. Kerviel wurde nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen, seit die Bank am Donnerstag die Verluste bekannt machte.
Die Aufdeckung des Skandals hatte ein Beben ausgelöst und die Frage aufgeworfen, ob der Broker tatsächlich völlig eigenständig gehandelt hatte. Einige Analysten vermuteten außerdem, die SG habe den Zwischenfall mit ihrem Handeln noch verschlimmert. „Das ist absurd“, sagte SG-Chef Daniel Bouton in einem Interview der Zeitung „Le Figaro“.
Staatspräsident Nicholas Sarkozy verurteilte hochriskante Spekulationsgeschäfte und forderte Gegenmaßnahmen: „Wir müssen dieses System, in dem es drunter und drüber geht, stoppen.“ Es sei an der Zeit, etwas „gesunden Menschenverstand in all diese Systeme zu injizieren“.
Gigantische Wette auf den Dax
Bouton sagte, Kerviels hochriskante Geschäfte seien am 18. Januar vom System der SG entdeckt worden. Am 20. Januar sei das Management über das gesamte Ausmaß des Problems informiert worden. Als einen Tag später die Finanzmärkte in Asien und Europa kollabiert seien, „hatte das einen katastrophalen Effekt“, wurde der SG-Chef weiter zitiert.
Kerviel soll vor allem eine gigantische Wette auf den deutschen Börsenindex Dax aufgebaut haben, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter Berufung auf Händlerkreise berichtete. Nach internen Schätzungen soll der Broker demnach vor wenigen Wochen rund 140.000 sogenannte Dax-Futures gekauft haben. Das sind Terminkontrakte, die an der deutsch-schweizerischen Börse Eurex gehandelt werden. Der Dax habe bis zum 18. Januar 600 Punkte verloren und Kerviel damit vermutlich rund zwei Milliarden Euro.
Zu diesem Zeitpunkt könnten der Verlust und die Überschreitung des Handelslimits der deutschen Niederlassung des Finanzdienstleisters Newedge aufgefallen sein, schrieb der „Spiegel“ weiter. Die Firma wickelt für die SG die Eurex-Geschäfte ab. Angeblich erhielten die Pariser Bankenchefs Alarmsignale aus Deutschland. Panisch hätten sie alle Positionen des SG-Händlers liquidiert und die Verluste durch dieses Missmanagement noch ausgebaut, zitierte das Magazin einen Händler.
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