28.12.2009 · In Neubauten und bei Sanierungen müssen ab 2010 intelligente Strom- und Gaszähler installiert werden, die den Verbrauch ständig erfassen. Damit werden auch die Tarifsysteme für Endverbraucher flexibel. Italien gehören die Smart Meter bereits zum Alltagsleben - nicht aus Sorge um die Energieeffizienz, sondern um den weitverbreiteten Stromklau zu verhindern.
Von Rüdiger KöhnDas Aus für den schwarzen Stromzähler ist eingeleitet; doch das Ende dieses altmodisch anmutenden Kastens wird schleichend sein. Vom 1. Januar an müssen in Neubauten sowie in Altbausanierungen intelligente Strom- und Gaszähler installiert werden. Dies ist in Deutschland der erste Schritt zur Umsetzung einer EU-Umweltrichtlinie, alle Haushalte bis zum Jahr 2022 mit diesen „Smart Meter“ auszustatten. Nach der Verordnung der Europäischen Kommission sollen bis zum Jahr 2020 rund 80 Prozent der Haushalte diese intelligenten Zähler haben.
Die Smart Meter können den Verbrauch von Strom oder Gas ständig erfassen. Dem Endabnehmer wird so sein Nutzungsprofil vermittelt, um bewusster und effizienter Energie verwenden zu können. Den Energieversorgern werden die erfassten Daten über Telefon oder Internet weitergeleitet werden, die dadurch die Erzeugung von Strom dem Verbrauch besser anpassen können. Mit der Umstellung entsteht ein großer Markt. Allein für den Austausch der Zähler könnte nach Schätzungen von Experten ein Marktvolumen von insgesamt 7 Milliarden Euro anfallen. Bis zum Jahr 2022 müssen in Deutschland immerhin 42 Millionen Strom- und 22 Millionen Gaszähler ausgetauscht werden. Hinzu kommt die Installation durch Handwerker. Der Energieversorger Eon hat berechnet, dass die Netzbetreiber bis zu knapp 13 Milliarden Euro für den Aufbau ausgeben könnten: für die Netzinfrastruktur am Zählerendpunkt, für die Kommunikation zwischen Zähler und Betreiber sowie für Informationstechnik zur Auswertung der gemessenen Daten.
Natürlich werden die Verbraucher den Aufwand dafür in irgendeiner Form tragen müssen. Aber: „Die höheren Kosten für die Installation sollen durch Einsparungen beim Strom neutralisiert werden“, sagt Peter Heuell, Deutschland-Geschäftsführer des Schweizer Unternehmens Landis + Gyr, einem der führenden Hersteller solcher Smart Meter. Experten würden davon ausgehen, dass die Verbraucher allein durch das stärkere Sparbewusstsein den Stromkonsum um 3 bis 5 Prozent senken könnten. Das würde die Stromrechnung im Jahr um 15 Euro verringern. Einige Schätzungen gehen sogar von Stromeinsparungen von bis zu 10 Prozent durch einen Smart Meter aus.
Einsparungen bei großen Verbrauchern schon dramatisch
Die Installation der Messgeräte in Neu- und Altbausanierungen ist nur der erste Schritt. Bis März 2011 muss die EU-Richtlinie im Gesetz verankert sein. Von den erwarteten zu installierenden 1,2 Millionen Geräten werden nach Schätzung von Heuell im nächsten Jahr nur rund ein Drittel auf Smart Meter entfallen. „Im nächsten Jahr wird es noch nicht die große Welle geben“, sagt er. Danach dürften allerdings die Monteure knapp werden. „2012 kommt der erste Tornado, das haben wir in Schweden und Italien schon erlebt.“ Dann könnten fünfmal so viele Zähler der neuen Generation eingebaut werden.
Deutschland ist verglichen mit anderen europäischen Ländern eher ein Spätzünder. Am weitesten ist Schweden, wo der Einbau aufgrund gesetzlicher Vorgaben schon sehr früh erfolgte. In Italien gehören die Smart Meter zum Alltagsleben, nicht aus Sorge um die Energieeffizienz. Dort ging es vielmehr darum, den weitverbreiteten Stromklau zu verhindern. In Frankreich wird der Schub im Jahr 2010 erwartet.
„Smart Metering ist ein Thema der Endverbraucher“, sagt Heuell. „Denn die gewerblichen Nutzer haben ihre Datenerfassung schon längst umgestellt.“ Bei den großen Stromverbrauchern machen sich die Spareffekte durch den Einsatz von Smart Meter in hohen Kosteneinsparungen dramatisch bemerkbar. Durch eine effektive Laststeuerung kann etwa ein Kühlhaus 24 Stunden ohne Strom betrieben werden, wenn die Temperatur für einen Tag nur um 1 Grad gesenkt wird.
Was die Gewerblichen Abnehmer nicht stört, führt bei Verbrauchern zu Vorbehalten. Die Ängste wachsen, dass die privaten Haushalte im Stromverbrauch gläsern werden. Udo Niehage, Vorstandsvorsitzender des Siemens-Bereiches Stromverteilung und -übertragung (Siemens Power Transmission), sieht daher in Deutschland nur einen langsamen Umstellungsprozess. Das Thema Datenschutz müsse besonders sensibel behandelt werden. Daher glaubt Niehage: „Bis das Smart Metering in die Kapillaren des Haushaltes gelangt ist, werden noch Jahre vergehen.“
Unberechenbare Natureinflüsse zwingen zu intelligenter Produktion
Dabei ist der Smart Meter nur ein Baustein, um langfristig ein allumfassendes intelligentes Stromnetz (Smart Grid) aufzubauen. Es soll die Grundlage für ein neues System der Energieversorgung schaffen. Mit dem wachsenden Anteil von Strom aus regenerativen Energien wie Windkraft und Solar müssen die Karten völlig neu gemischt werden. Lag der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung im Jahr 2008 auf der ganzen Welt nur bei 3 Prozent, wird er bis zum Jahr 2030 auf 17 Prozent steigen. Die Hälfte davon wird auf Wind entfallen. Das verändert die Spielregeln.
Heute passt sich die Stromproduktion dem Verbrauch an. Mit den von unberechenbaren Natureinflüssen anhängigen Alternativenergien wird das nicht funktionieren. Der Verbrauch könne nicht mehr die Einflussgröße sein, sagt Heuell. Wind lasse sich nun einmal nicht steuern. Am Ende müssen große Mengen an Strom etwa von den in Nord- und Ostsee stehenden riesigen Windkraftparks Richtung Süden transportiert werden, wo er benötigt wird. Dafür werden Stromautobahnen notwendig sein. Zudem muss die Lieferung von Strom flexibler werden, weshalb Speicherkapazitäten und eben intelligente Steuerungen vonnöten sind. Von einer Realisierung zwar noch weit entfernt, wird schon daran gearbeitet, für mit Strom angetriebene Autos zugleich auch „fahrende Stromspeicher“ zu schaffen.
Für die Netzbetreiber eröffnet das Smart Metering die Möglichkeit, Überschüsse in der Stromproduktion zu vermeiden oder diese gezielter zu verkaufen. Dies gewinnt in Zeiten immer mehr Gewicht, in denen an der Strombörse sogar negative Kaufpreise erzielt werden, in denen Abnehmer dafür Geld bekommen, dass sie Strom verbrauchen, da bei windigem Wetter überschüssiger Strom aus Windkraft zur Verfügung steht.
Die neuen Spielregeln werden den privaten Endverbrauchern völlig neue Tarifsysteme bieten. „Für Stromanbieter wird das neue System zur extremen Herausforderung werden“, sagte Heuell. „Denn die Erzeugerpreise sind nicht zuletzt wegen der hohen Abgaben kein Unterscheidungsmerkmal mehr; die müssen sich künftig noch stärker über Dienstleistungen oder flexible, kundenspezifische Tarife differenzieren, was durch Smart Metering möglich wird.“ Warum also nicht einen günstigen Tarif für den Bäcker anbieten, der früh morgens die Brötchen backt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.374,21 | −1,43% |
| Dow Jones | 12.456,60 | −0,99% |
| EUR/USD | 1,2428 | −0,48% |
| Rohöl Brent Crude | 103,91 $ | −2,75% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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