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Singapur Zocken für den Staat

23.03.2005 ·  Moralisten und Pragmatiker kämpfen um den Bau eines Casinos in Singapur. Ein Zockertempel würde Geld in die Kassen des Stadtstaats spülen und sein biederes Image aufpolieren. Doch die Pläne stoßen auf Gegenwehr.

Von Christoph Hein, Singapur
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Seit Monaten hat der Stadtstaat Singapur ein Lieblingsthema: Das neue Casino. Offiziell weiß natürlich noch niemand, ob es überhaupt jemals gebaut werden wird. Und doch sind sich alle sicher: Wer auf seinen Bau wettet, dürfte am 18. April, an dem die Regierung ihre Entscheidung verkünden wird, zu den Gewinnern zählen. Denn die Wirtschaftsmetropole in Südostasien glaubt, ohne ein Casino nicht länger auskommen zu können. Die Gründe scheinen auf der Hand zu liegen: Der Stadtstaat hat sich selber verordnet, zur Weltstadt zu werden.

Zugleich soll der Dollar der Touristen Einnahmen ersetzen, die wegbrechen, weil die Industrie nach Festlandchina abgewandert ist. Dort betragen die Löhne nur ein Zehntel derjenigen Singapurs. Der Charme dieser Idee: Ausgerechnet die neureichen Festlandchinesen sollen so nach Singapur gelockt werden und damit ein Teil des Geldes, das sie Singapur abgetrotzt haben, wieder zurücktragen. Das Casino, das 2009 seine Tore öffnen könnte, dürfte Kernstück des Plans werden, die Zahl von 8,3 Millionen Gästen im Jahr in Singapur bis 2015 zu verdoppeln.

Für Chinesen bislang wenig attraktiv

Noch ist die Stadt für die reiselustigen und finanzstarken Chinesen wenig attraktiv. Dies nicht etwa wegen der hier drakonischen Strafen - die kennen die Chinesen aus ihrer Heimat - oder aufgrund ihres geregelten Straßenverkehrs - den jeder Festlandchinese als langweilig empfinden muß, sondern eben weil Singapur das Zocken verbietet - genau, wie die Volksrepublik China. Zumindest bislang, und zumindest in einigen Bereichen.

Denn Wetten zum Beispiel sind auch in Singapur erlaubt. Auch gespielt wird. Etwa auf den Bootsfahrten „to nowhere“. Haben die Kreuzfahrtschiffe die Drei-Meilen-Zone überquert, öffnen die Spielsalons an Bord. Der Kauf von Lotterielosen ist genehmigt. Und schließlich hört man, daß in vielen Privathaushalten gegen Geld gezockt wird.

Spielfreudige Singapurer

An all dem aber partizipiert der Staat nicht in großem Stile. Dabei geht es um einen riesigen Kuchen, denn den Singapurern sitzt das Geld locker, wenn sie ihr Glück auf die Probe stellen können: 180 Millionen amerikanische Dollar verspielen sie in diesem Jahr auf den Schiffstouren, 150 Millionen Dollar im benachbarten Indonesien, 140 Millionen Dollar im noch näheren Malaysia und geschätzte weitere 200 Millionen Dollar in Amerika, Australien oder im chinesischen Spielerparadies Macau, schätzt die Investmentbank Merrill Lynch.

80 Prozent des Umsatzes der illegalen Spielhöllen auf der benachbarten indonesischen Insel Batam stamme von Singapurern. Legalisierte die Stadt das Glücksspiel, könnte das Casino einen Jahresumsatz von 3,4 Milliarden Singapur-Dollar (1,6 Milliarden Euro) machen und 1,4 Milliarden Dollar ins Staatssäckel spülen.

„Das Kabinett ist zerrissen“

Der Weg an den Roulettetisch aber ist steinig, und die Regierung macht es sich und ihren Bürgern nicht einfach. Keinesfalls will sie die Idee aufkommen lassen, der Plan sei längst entschieden. So also fragen sich, angestoßen dank der täglichen Berichterstattung in den staatlichen Medien, Mann und Frau auf der Straße: Was wird passieren, wenn das Casino kommt? Wird es Süchtige geben, werden die Muslime verstört, werden Geldwäscher in die Stadt strömen, werden Manager ihr Salär verdaddeln? Im Radio wurde ernsthaft darüber diskutiert, welche Strafen auf Eltern warteten, die ihre Kinder im Auto einschlössen, während sie selber sich an den Roulettetisch setzten.

Die Tropeninsel führt seit Monaten eine Debatte, als ginge es ums Überleben. „Ich verrate keine Geheimnisse, wenn ich erzähle, daß das Kabinett zerrissen ist - Moralisten, Pragmatiker, solche, die sagen, die Welt ist so oder so“, plaudert Lee Kuan Yew, der 81 Jahre alte Gründervater Singapurs und starke Mann, aus dem Nähkästchen. „Ich glaube, ein Casino ist nicht Singapurs Weg zu Wachstum. Ich glaube nicht, daß man reich wird, indem man eine Kugel um den Rouletteteller jagt, sondern indem man Fähigkeiten erwirbt.“

„Wie bisher kann es nicht weitergehen“

Sein Sohn Lee Hsien Loong, der als Ministerpräsident und Finanzminister heute den Stadtstaat führt, formuliert es offener als der alte Herr: „Wenn wir Singapur neu erfinden wollen, ist ein integriertes Resort mit einem Casino nur eines der Dinge, an die wir denken müssen. Wir müssen die Stadt zu einem aufregenden Platz für die heute 20jährigen machen, so daß sie hier 50, 60 oder mehr Jahre leben wollen. Wie bisher kann es nicht weitergehen. Wir müssen in diesem Gesamtkontext denken.“ So kommt dem Casino quasi ein Über-ich zu, eine höhere Bedeutung jenseits des Roulettetischs.

Die Investmentbank Merrill Lynch merkt an, daß der Bau der Spielhalle so etwas wie der in Beton gegossene Beweis für die neue Geisteshaltung der Regierung Singapurs wäre: Nicht „fine-city“, sondern „fun-city“, nicht länger die Stadt der Strafen, sondern die des Vergnügens. Hier schließt sich der Kreis: Denn Singapur will junge Biotechniker aus Kalifornien genauso in die Stadt holen wie begüterte Senioren, die ihr Geld bei den Dependancen Schweizer Banken in Singapur anlegen und sich vermehrt in den hervorragenden Krankenhäusern der Stadt behandeln lassen. Dafür aber braucht Singapur ein neues Image.

Spielmacher aus Las Vegas stehen Schlange

Zunächst freilich geht es nur ums Geld. Die großen Spielmacher aus Las Vegas stehen Schlange, um sich auf der Tropeninsel engagieren zu dürfen. Insgesamt 19 Bewerberkonsortien für Planung und Bau eines „integrierten Casinostandortes“ gibt es. Eh sind sie alle derzeit in Asien, denn praktisch jedes Land setzt auf die Legalisierung des Glücksspiels, um Touristen anzuziehen und Steuern einzunehmen.

Erste Gewinner der Entscheidung für den Bau dürften die beiden börsennotierten Singapurer Staatskonzerne Keppel Land und Capital Land sein. Sie haben schon jetzt Allianzen mit den großen Glücksspiel-Konzernen geschlossen: MGM-Mirage und Capital bilden das eine Team, Keppel und Harrah's Entertainment Inc. das andere. Capital hat zugleich einen Vertrag mit Kerzner International's Atlantis geschlossen. In den Ring gestiegen sind unter anderem auch noch Wynn Resorts Ltd., das Las Vegas Sands und die australische Tabcorp Holdings. Die meisten von ihnen pumpen schon Milliarden Dollar in den Glücksspielstandort Macau vor der Küste Hongkongs.

Aufgewertung zum Kulturereignis

Freilich wäre Singapur nicht der perfekte Stadtstaat, der es ist, würde an eine einfache Zockerbude auch nur gedacht. Nein, edel soll sie daherkommen, die neue Maschine zum Generieren von Staatseinnahmen. Sowieso braucht der Chinese eine Vielzahl von Restaurants, denn nicht nur das Spielen, sondern auch das Leben als solches macht hungrig. Ein Hotelkomplex soll die passenden Betten bieten, fielen doch jemand am einarmigen Banditen die Augen zu.

Las Vegas Sands hat noch einen weiteren Trumpf im Ärmel: Die Amerikaner wollen, bekommen sie den Zuschlag, gleich noch eine Niederlassung des Guggenheimmuseums mitbringen. Damit würde das Haus der Spiele aufgewertet zum Kulturereignis, könnte sich schamhaft verbergen unter dem Deckmantel der bildenden Kunst. Die Singapurer Regierung, die in ihrem Kabinett über Bau oder Nicht-Bau entscheidet, will mindestens die Hälfte der Einnahmen aus dem Geschäft jenseits des Glücksspiels generieren - aus Hotels, Restaurants, Theatern und, vielleicht, einem Museum.

30 000 Unterschriften gegen das Casino

Deshalb sagen die Analysten der Schweizer UBS Bank Capital Land die besten Chancen für den Gewinn des Entwicklungsvertrages voraus. Denn der Konzern führt über seine Tochtergesellschaft immerhin die hochangesehenen Raffles- und Swissotel-Hotelketten sowie Einzelhandelshäuser.

Attraktiv wirkt sein Bund mit Kerzner: Denn dessen Casino-Resort auf den Bahamas macht nur 26 Prozent seines Umsatzes mit dem Spiel. Wirklich beruhigend indes wirkt diese Aussicht auf die Gegner des Glücksspiels in Singapur nicht. Die „Familien gegen die Drohung mit dem Casino“, in der englischen Abkürzung „Facts“, haben immerhin schon fast 30000 Unterschriften gegen den Bau gesammelt.

Quelle: F.A.Z., 23.03.2005, Nr. 69 / Seite 22
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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