Die Verkäuferin kann sich jedem Passanten einzeln widmen. Es ist nichts los an diesem Mittwochnachmittag im großen „Valley Fair“-Einkaufszentrum direkt an der Ortsgrenze zwischen den Silicon-Valley-Gemeinden Santa Clara und San Jose. Die Verkäuferin sucht deshalb den Blickkontakt. Ihre Stimme changiert in der Tonlage zwischen keck und anbiedernd. In ihrer Stimme liegt der Druck, für den eine provisionsabhängige Bezahlung sorgen kann: „Would you like to try a free sample of ...?“, ruft sie herüber, als der potentielle Kunde noch fünf Meter von ihr entfernt ist. Der lächelt, schüttelt mit dem Kopf, geht weiter. Es folgt noch ein Werbeversuch der Verkäuferin, aber sie macht in diesem Moment kein Geschäft mit ihren Körperpflegeprodukten.
Schließlich erreicht der Passant den „Apple Store“ und wird in dem weitgehend entvölkerten Einkaufszentrum sofort Teil einer angeregt diskutierenden, sehr kaufwilligen Menschenmenge. Jeder hat etwas in der Hand, ein Mobiltelefon, einen digitalen Musikspieler, einen Laptop oder einen dieser neuen Computer in der Form eines Tabletts. In keinem der anderen Geschäfte arbeiten in diesem Einkaufszentrum auf der gleichen Ladenfläche mehr Verkäufer. Aber von den zahlreichen jungen Verkäufern in ihren blauen Apple-T-Shirts haben in diesem Laden allesamt etwas mit Kunden zu tun, meist sogar mit mehreren.
Besonders viel ist an dem Tisch los, auf dem die Tablettcomputer mit dem Namen iPad gezeigt werden, die es hier schon länger gibt als in Deutschland: „Haben Sie denn noch ein iPad im Lager?“, fragt ein Kunde. „Nein, aber wenn Sie möchten, setzen wir Sie auf die Reservierungsliste. Wir schicken Ihnen eine E-Mail, wenn die Geräte wieder verfügbar sind.“ Diese Aussage ist in einem Land, in dem die Kunden daran gewöhnt sind, jedes Produkt bis hin zum Auto sofort aus dem Geschäft mitzunehmen, ein bemerkenswerter Ausdruck höchster Nachfrage. Dann wendet sich der Verkäufer wieder ab - und fragt einen anderen Kunden zur Sicherheit: „Das wussten Sie doch, oder?“ Auf dem Markt kann die Welt grausam sein: Wie sehr wird die Verkäuferin am Stand mit den Körperpflegeprodukten ihre Kollegen von Apple beneiden? Wie sehr hatte sich gerade noch die Bedienung im Freizeitmodegeschäft der Marke „Gap“ um die Einkaufsliste des Kunden bemüht, Schnittformen, Sonderangebote erläutert, einen besonderen Rabatt samt Kundenkarte angeboten - nur um ein paar T-Shirts zu verkaufen?
Was ist gerade bei Apple los?
Was ist im Vergleich zur sonst so harten Welt des Einzelhandels gerade nur bei Apple los? „Es ist surreal“, wird Steve Jobs, der Vorstandsvorsitzende von Apple, kurz darauf sagen - und damit kommentieren, dass der Wert, den die Börse seinem Unternehmen beimisst, an jenem Mittwochnachmittag zum ersten Mal den des Softwarekonzerns Microsoft übertroffen hat. Apple, das klassische Silicon-Valley-Unternehmen, nicht weit von diesem Einkaufszentrum in einer Garage gegründet, bedient mit seinen Höhen und Tiefen alle Klischees, die man den Firmen hier zuschreibt. Apple ist so stark wie nie zuvor. Das ganze Valley ist wieder da. Der Niedergang nach dem Platzen der Internetblase im Jahr 2001 ist überwunden. Apple aus dem sonnigen Kalifornien ist mehr wert als Microsoft aus dem verregneten Seattle im Norden. Die Internetunternehmen Google und Facebook sind so groß geworden, dass sich Politiker in aller Welt für ihre Macht interessieren. Hewlett-Packard, eine Garagengründung aus Palo Alto, kauft eine Firma nach der nächsten: den Computerdienstleister EDS, den Netzwerkausrüster 3Com, den Handyhersteller Palm. Intel aus Santa Clara hatte den Markt für Computerprozessoren noch nie so gut im Griff wie jetzt. Der Softwarekonzern Oracle aus Redwood City hat dem deutschen Wettbewerber SAP durch diverse Übernahmen mächtig Feuer gemacht.
Die nächste neue Nachricht aus der Szene wird vermutlich zuerst „getwittert“, also mit ihren maximal 140 Zeichen in Echtzeit im Internet gelesen. Twittern, das ist ein neues Verb, neuer als googeln, aber schon in der jüngsten Auflage des ehrwürdigen deutschen Duden zu finden. Es leitet sich aus dem Namen und dem Angebot des in San Francisco ansässigen (und vom dortigen Bürgermeister, dem aufstrebenden Lokalpolitiker Gavin Newsom, eifrig genutzten) Unternehmens Twitter ab, einer der jüngsten weltumspannenden Erfolgsgeschichten aus dem Valley.
Gute Zahlen und Nachrichten liefern aber nicht nur die Valley-Unternehmen, die jeder kennt, sondern auch diejenigen, die nur Informationstechnologie-(IT-)Spezialisten etwas sagen, deshalb aber nicht weniger wichtig sind. Netapp, ein Hersteller von leistungsfähigen Datenspeichern aus Sunnyvale, ist hierfür ein Beispiel. Im jüngsten Quartal hat das Unternehmen seinen Umsatz um ein Drittel (auf 1,2 Milliarden Dollar) gesteigert; der Gewinn hat sich (auf 145 Millionen Dollar) fast verdoppelt. Und auch die Aussichten sind gut. Immer mehr Unternehmen müssen immer mehr Daten speichern und auf diese schnell und intelligent zugreifen können.
Alles landet in der „Wolke“
Die zentrale Speicherung und Verwaltung von Daten in einer sogenannten „Wolke“ (Cloud), räumlich entkoppelt vom Sitz der jeweiligen Unternehmen, denen die Daten „gehören“, in Computern und Rechenzentren, die effizient von vielen Auftraggebern gleichzeitig genutzt werden können - das ist neben Apple das Thema im Silicon Valley. Damit sind die üblichen Träume verbunden, der Optimismus, der den Menschen hier so gut steht, weil er zu Versprechungen führt, die häufiger eingehalten werden, als man glaubt: „Wir können unseren Umsatz noch leicht verdoppeln“, sagt der Netapp-Vorstandsvorsitzende Tom Georgens zu Kunden aus aller Welt, die zu einer Veranstaltung ins Valley gekommen sind, auf der die innovativsten von ihnen mit einem Preis ausgezeichnet werden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um das Filmstudio Weta Digital aus Neuseeland, dessen Rechner für die Optik in Hollywoodfilmen wie „Der Herr der Ringe“ oder „Avatar“ zuständig sind und dabei unvorstellbar viele Daten produzieren, die gespeichert werden müssen. Ähnliches gilt für ein Filmstudio wie Pixar, ein Unternehmen, das abermals unter dem Einfluss von Apple-Chef Jobs zu einem Schwergewicht geworden ist und einen Steinwurf von San Francisco entfernt, in Emeryville bei Oakland, seinen Hauptsitz hat.
Derzeit sind im Valley und bald auch auf der ganzen Welt Plakate für das neueste Pixar-Werk mit dem Namen „Toy Story 3“ geklebt. Mit so einem Film, der in Deutschland am 29. Juli anläuft, wird der Einfluss, den die Ideen aus dem Valley auf die Welt haben, im Wortsinn anschaulich: Der durchschnittliche internationale Umsatz mit einem Pixar-Film beläuft sich mit 550 Millionen Dollar auf den Jahresumsatz eines größeren mittelständischen Betriebs. Das Studio hat für seine Werke schon 24 Oscar-Auszeichnungen gesammelt. Und wer den Pixar-Studios einen Besuch abstattet, erkennt, dass kreative Menschen nach wie vor eine kreative Büroeinrichtung brauchen. Von außen sind die Gebäude im Valley meist so einfallslos wie in einem deutschen Gewerbepark, innen können sich rund um die Bürocomputer nicht selten ganze Spielzeugwelten aufbauen. Hier geht es so bunt zu wie in den wilden Jahren des Internethypes.
Der Datenhunger wird immer größer
Das ist nicht nur zum Spaß so. Spielzeug ist im Valley ein ernstes Geschäft: die tragbaren Minicomputer und Telefone von Apple haben sich zu Spielkonsolen entwickelt, Electronic Arts, eines der führenden Softwarehäuser für Computerspiele, hat in der Nähe von Oracle seinen Sitz, Jobs hat zu Beginn seiner Karriere für den Computerspiele-Pionier Atari gearbeitet. Und wenn Microsoft am übernächsten Sonntag in Los Angeles zur Weltpremiere für die berührungslose Steuerung seiner Videospielkonsole Xbox 360 bittet, wird man im Valley genau beobachten, welche neuen Möglichkeiten sich aus dieser Entwicklung mit dem Namen „Natal“ ergeben. Schon jetzt trifft man hier Microsoft-Mitarbeiter, die mit strahlenden Augen von den ersten Tests berichten, die sie mit „Natal“ machen durften. Ein paar Tage zuvor wird jedoch abermals Steve Jobs auf die Bühne treten, das asketische Gesicht des Silicon Valley. Vermutlich wird er am nächsten Montag die neueste Version seines Mobiltelefons iPhone vorstellen. Dann wird es für viele wieder einen neuen Grund geben, die Kosmetikverkäuferinnen nicht nur in der „Valley Fair“-Mall stehenzulassen und auf direktem Weg den nächsten Apple Store zu besuchen.
Mit jedem neu verkauften Gerät wird auch der zentral zu speichernde Datenhunger von Apple größer. Denn wer wann welches Buch, welchen Film oder vor allem welche Musik im Internet gekauft hat - das will in der neuen Welt des Silicon Valley irgendwo auf zentralen Netzwerk- und Speicherrechnern verfügbar gehalten und gepflegt werden. Auch Microsoft ist dabei, größere Teile seines Produktangebots, unter anderem des wichtigen Büroprogrammpakets Office, in die digitale Serverwolke zu verlagern und seinen Kunden damit Kosten und Effizienzvorteile zu bieten
So haben die Menschen im Tal zwischen den Städten San Francisco und San Jose wieder neue Träume, denen sie hinterherjagen können. Nur abends, bei einem Glas Wein und einem saftigen Steak (im gesundheitsbewussten Valley natürlich mit Salat), trauern sie in diesen Tagen einer großen Chance auch einmal hinterher: Die Rockband U2 hat ihre freudig erwarteten Konzerte in Amerika abgesagt. Der U2-Sänger Bono hatte nach Pfingsten in Deutschland einen Bandscheibenvorfall. Dagegen haben sie selbst hier noch keine (Bio-)Technologie entwickelt, obwohl auch Bono zu den Geldgebern gehört, die mit ihren Wagniskapitalfirmen für den Schmierstoff im Valley sorgen, der die Ideen immer weiter sprudeln lässt.
Wertvoll ? "Der Dumme lauert auf den Dümmeren" trifft es wohl eher
(Tableau)
- 06.06.2010, 15:46 Uhr
Ernüchternd
Hartmud Ose (hwarang)
- 06.06.2010, 20:38 Uhr
