Das Wahrzeichen des „Silicon Valley“ ist leicht zu übersehen: Ein schlichtes Anwesen mit einer Garage in einem ruhigen Wohngebiet in Palo Alto, der Stadt inmitten der kalifornischen Technologieregion südlich von San Francisco. Die Erinnerungstafel vor dem Haus sieht unspektakulär aus, aber sie erhebt einen großen Anspruch: Die Garage sei „Geburtsort des Silicon Valley“, heißt es darauf. Denn hier haben William Hewlett und David Packard 1938 ihr erstes Produkt ertüftelt.
Es war ein Oszillator, ein von Toningenieuren verwendetes Testinstrument, für das sich bald der Unterhaltungskonzern Walt Disney als Kunde fand. Das war die Keimzelle für den späteren Technologiegiganten Hewlett-Packard, der bis heute trotz einiger Turbulenzen der größte Hersteller von Personalcomputern in der Welt ist. Die karge Garage in Palo Alto wurde zum kraftvollen Symbol für Generationen von Unternehmern im Silicon Valley. Wer genug Erfindergeist und Hingabe mitbringt, kann aus kleinsten Anfängen heraus atemberaubende Erfolgsgeschichten schreiben oder gar die Welt verändern - dafür steht die Garage bis heute.
Die Romantik der Garagenmentalität
Es ist populär, den Aufstieg der amerikanischen Technologiebranche im Silicon Valley und auch anderswo auf diese Garagenmentalität zurückzuführen. Diese Sichtweise hat etwas Romantisches, ist aber unvollständig, denn sie unterschlägt die Hilfe der amerikanischen Regierung, die das Silicon Valley mit Militärausgaben hochgepäppelt hat.
Forschungsgelder und Aufträge der Regierung waren Initialzündung und Katalysator für viele Unternehmen in der Region, nicht nur für hier ansässige Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin. „Es ist eine schöne Idee, dass jemand etwas ganz ohne fremde Hilfe aufbaut. Aber so hat es hier nicht funktioniert“, sagt Doug Henton, Vorstandschef des auf regionale Beratungsgesellschaft Collaborative Economics aus San Mateo im Silicon Valley.
Heute hängt die Region zwar nicht mehr annähernd so stark am Staatstropf wie vor fünfzig Jahren. Noch immer aber spielt die Regierung eine bedeutende Rolle. Es gibt staatlich finanzierte Forschungsinstitute, und immer wieder profitieren private Unternehmen von Projekten, die von der Regierung angestoßen wurden - etwa Siri, die sprachgesteuerte Assistentenfunktion, die Apple in seinem iPhone-Handy einsetzt. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch Cyberkrimininalität forciert die Regierung derzeit wieder die Kooperation mit der Privatindustrie, mit einer zum Geheimdienst CIA gehörenden Wagniskapitalgesellschaft agiert sie sogar als Investor.
Der „Vater des Silicon Valley“
In der Entstehungsgeschichte des Silicon Valley als Technologiehochburg gibt es eine überragende Figur: Frederick Terman, Professor an der hiesigen Stanford-Universität. Terman wird oft „Vater des Silicon Valley“ genannt und war berühmt dafür, seine Studenten zur Gründung eigener Unternehmen zu ermutigen. Sein Verdienst bestand aber auch darin, dass er seine glänzenden Verbindungen zur amerikanischen Regierung zu nutzen wusste. Während des Zweiten Weltkriegs wechselte er für einige Jahre von Stanford an die Harvard-Universität an die Ostküste.
Dort führte er im Staatsauftrag eine geheime Forschungsgruppe, deren Ziel es war, deutsche Radarsysteme zu verstehen und zu stören. Nach dem Krieg kam er nach Stanford zurück und baute auch hier staatlich finanzierte Forschungslabore auf, die sich auf militärrelevante Elektronik spezialisierten. Die Arbeit in diesen Forschungseinheiten resultierte in einer ersten großen Welle von Start-Up-Unternehmen im Silicon Valley. Deren Sprung in die Selbständigkeit wurde meist ebenfalls vom Staat erleichtert, denn viele Unternehmen konnten auf Regierungsaufträge zählen.
Diese Anschubhilfe war wichtig, weil es noch kaum privates Wagniskapital gab. „Ohne Frederick Terman und seine Fähigkeit, Geld vom Staat anzulocken, würde es das Silicon Valley, wie wir es heute kennen, nicht geben“, sagt Steve Blank, Unternehmer und Dozent an der Stanford-Universität, der sich seit Jahren mit den militärischen Wurzeln der Region beschäftigt. Auch die Rüstungsindustrie fühlte sich vom Silicon Valley angezogen.
Lockheed Martin siedelte sich Mitte der fünfziger Jahre neben dem riesigen Militärflughafen Moffett Field an. Der Konzern wuchs rasant, es war aus Sicht der Rüstungs- und der Raumfahrtindustrie eine goldene Zeit: Die Sowjetunion hatte die Amerikaner 1957 mit dem erfolgreichen Start des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik aufgeschreckt. Die Vereinigten Staaten sahen sich in dieser Zeit des Kalten Krieges unter Handlungsdruck, die Sowjets in der Rüstungs- und der Raumfahrttechnologie nicht davonziehen zu lassen, entsprechend groß war die Investitionsbereitschaft. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Raumfahrtbehörde Nasa und von Arpa (heute Darpa), eine zum Pentagon gehörende Forschungsinstitution.
Beide Organisationen wurden zu wichtigen Impulsgebern für die Technologieindustrie. Ein von der Arpa angestoßenes Netzwerkprojekt mit dem Namen Arpanet etwa wurde zu einem Vorläufer für das Internet. Fast zeitgleich mit der Ankunft von Lockheed Martin im Silicon Valley hatte auch die Halbleiterindustrie ihre Anfänge, die der Region wegen des von ihr eingesetzten Silizium ihren Namen geben sollte. William Shockley, ein Physiker und Nobelpreisträger, der während des Zweiten Weltkrieges für die Luftwaffe im Einsatz war, gründete hier 1956 den ersten Halbleiterhersteller.
Zu seinen Mitarbeitern gehörten Gordon Moore und Robert Noyce, die schon nach einem Jahr den konkurrierenden Halbleiterhersteller Fairchild mitgründeten und 1968 den heutigen Mikrochipgiganten Intel. Sie bereiteten den Boden für die Computer- und Internetrevolution in den folgenden Jahrzehnten.
Die Regierung bleibt im Hintergrund engagiert
Die Regierung büßte im Laufe der Zeit viel von ihrem prägenden Rang in der Region ein. Das Aufkommen privater Wagniskapitalgesellschaften in den siebziger Jahren machte die Technologiebranche unabhängiger. Die Präsenz der Rüstungsindustrie reduzierte sich nach dem Ende des Kalten Krieges. Lockheed Martin hat heute im Silicon Valley nach eigenen Angaben noch 7.000 Mitarbeiter, in den achtziger Jahren waren es 30.000.
Auch wenn die Regierung als Motor für die Region in den Hintergrund getreten ist, bleibt sie doch in vielfacher Form engagiert. Das Moffett Field etwa ist zwar seit fast zwanzig Jahren kein Militärstützpunkt mehr, dafür hat die Nasa hier noch immer ihr Ames Research Center. Hier arbeiten 2.500 Forscher auf Gebieten von Astrophysik über Robotik bis zu Bio- und Nanotechnologie und Hochleistungscomputern. Nasa Ames sucht die Nähe zur Privatwirtschaft und hat dazu vor rund zehn Jahren auf dem Gelände einen Forschungspark eingerichtet.
Hier haben sich bis heute neben einer Reihe von Universitäten rund 50 Unternehmen mit Forschungsabteilungen niedergelassen, sagt dessen Direktor Michael Marlaire. Ein großes Areal wurde auch an den Internetkonzern Google vermietet, der im nahen Mountain View seine Zentrale hat und nun auf dem Nasa-Grund neue Verwaltungs- und Forschungskapazitäten bauen will. Marlaire hofft, dass Google als „Multiplikator“ weitere Unternehmen anzieht.
Nasa Ames ist nur eines von vielen Forschungszentren, bei denen die Regierung ihre Finger im Spiel hat. Allein das Energieministerium, zu dessen Zuständigkeiten Nuklearwaffen und Kernenergie gehören, betreibt vier Institute. Andere Forschungseinrichtungen sind zwar nicht formell mit der Regierung verbunden, aber trotzdem finanziell abhängig. So bekommt SRI International (früher Stanford Research Institute) mehr als 60 Prozent seines Budgets vom Pentagon.
SRI war auch der Geburtsort von Apples virtueller Assistentin Siri. Die Pentagon-Forschungseinheit Darpa gab SRI im Jahr 2003 mehr als 20 Millionen Dollar für die Entwicklung eines intelligenten Assistentensystems, das erst für militärische Anwendungen gedacht war. Aus diesem Projekt wurde 2007 Siri Inc. als unabhängiges Unternehmen abgespalten. Drei Jahre später wurde Siri an Apple verkauft, der Preis wurde nie genannt.
Mit der zum CIA gehörenden Wagniskapitalgesellschaft In-Q-Tel greift die Regierung seit einiger Zeit wieder direkt in das Start-Up-Geschehen ein. In-Q-Tel wurde 1999 gegründet - das „Q“ im Namen kommt vom gleichnamigen Tüftler aus den James-Bond-Filmen. Die Gesellschaft versteht sich als „strategischer Investor“ für junge Unternehmen, deren Technologien dem Geheimdienst nützen könnten. Seit dem Start hat In-Q-Tel in mehr als 180 Unternehmen investiert, meist zwischen einer und drei Millionen Dollar.
Das Brennpunktthema Cybersicherheit
Das ist zwar überschaubar, aber jeder Dollar von In-Q-Tel zieht im Schnitt weitere 9 Dollar von privaten Investoren an, sagte CIA-Direktor David Petraeus in diesem Jahr. Aus einigen der In-Q-Tel-Engagements wurden hoch bewertete Unternehmen. Etwa das auf Sicherheitssoftware spezialisierte Unternehmen Arcsight, das 2010 für 1,5 Milliarden Dollar von Hewlett-Packard gekauft wurde.
Das Brennpunktthema Cybersicherheit könnte die Regierung und die Technologiebranche künftig weiter zusammenrücken lassen. Der Pentagon-Forschungsarm Darpa hat Privatunternehmen unlängst zur Mitwirkung an einem neuen Programm mit dem Namen „Plan X“ aufgerufen, zu dem unter anderem ein „Cyberkrieg-Labor“ gehören soll. Robert Rodriguez stellt mit seiner Organisation „Security Innovation Network“ (Sinet) in San Francisco Verbindungen zwischen der Regierung und auf Cybersicherheit spezialisierten Unternehmen her.
Nach seinen Worten wird der Kooperationswillen auf Seiten der Regierung immer größer. So sei vor ein paar Wochen eine Delegation aus dem Pentagon zu Treffen mit von ihm betreuten Unternehmen angereist. Das Interesse der Regierung ist eine reizvolle Perspektive für die Unternehmen, meint Rodriguez. „Cyberabwehr gehört zu den wenigen Gebieten, bei denen das Pentagon heute noch die Budgets aufstockt.“
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