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Henri Poupart-Lafarge könnte der Chef des deutsch-französischen Zuggebildes werden. Bild: Picture-Alliance

Siemens und Alstom : Frankreichs Mann für den Schienen-Airbus

Alstom und Siemens feilen an einem gemeinsamen Bahnhersteller. Der Siemens-Aufsichtsrat will angeblich noch heute entscheiden. Die Führung übernehmen könnte der Franzose Henri Poupart-Lafarge. Wer ist der Mann?

          Er könnte der Mann sein, der künftig über die deutschen ICEs herrscht: Henri Poupart-Lafarge schielt zusammen mit den Alstom-Aktionären und der französischen Regierung auf den operativen Spitzenposten in dem Unternehmensgebilde, das die Zughersteller Siemens und Alstom demnächst bilden wollen. Offiziell ist zwar weder das Personaltableau noch der Zusammenschluss überhaupt bestätigt, doch laut französischen Informanten läuft es in diese Richtung: Der aktuelle Alstom-Chef Poupart-Lafarge soll Vorstandsvorsitzender des künftigen Bahnherstellers werden und der Siemens-Manager Roland Busch Verwaltungsratsvorsitzender.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Wenn die deutsch-französische Industrieallianz Wirklichkeit wird, stünde der 48 Jahre alte Poupart-Lafarge vor einer Herkulesaufgabe. Die französischen und die deutschen Bahnhersteller sind technologisch zwar Spitze, doch sie stehen unter dem Druck riesiger Konkurrenten aus Fernost. Ein erfolgreiches deutsch-französisches Gebilde zu formen verlangt gleichzeitig Fingerspitzengefühl und Durchsetzungskraft. Im Eisenbahnbereich sind die Ingenieure es gewohnt, im nationalen Rahmen zu arbeiten, denn die Spezifikationen und die technischen Anforderungen werden weiterhin von einzelstaatlichen Regulierungsbehörden geprägt. Patriotischer Stolz hat oft die Oberhand.

          Problemlöser von Alstom

          Dennoch hat es Poupart-Lafarge geschafft, in den vergangenen sechs Jahren für Alstom jede Menge Aufträge in der Welt einzuheimsen: Den französischen TGV verkaufte er etwa in die Vereinigten Staaten, zudem zog er lukrative Bestellungen in Kasachstan, Aserbaidschan, Südafrika und Indien an Land. Dass das Auftragsbuch von Alstom praller gefüllt ist als das von Siemens, gilt als sein Verdienst und das seiner Vertriebsleute. Allein im Geschäftsjahr bis März 2017 kamen Neubestellungen von 10 Milliarden Euro in die Bücher.

          Poupart-Lafarge definiert sich in erster Linie als Ingenieur. Im französischen Verständnis ist damit kein engstirniger Techniker gemeint, sondern ein sachorientierter Problemlöser. Der Franzose erhielt seine Ausbildung an den französischen Kaderschmieden Ecole polytechnique sowie Ecole nationale des ponts et chaussées. Ein Abschluss am Massachussetts Institute of Technology (MIT) ergänzte seinen Bildungsweg.

          Ungewöhnlich für eine französische Spitzenlaufbahn, begann seine Karriere 1992 bei der Weltbank in Washington. Erst zwei Jahre später wurde er im klassischen französischen Stil Berater im Finanzministerium von Paris. 1998 wechselte er in die Privatwirtschaft und stieg bei Alstom ein, doch auch hier nicht als Ingenieur, sondern zunächst als Verantwortlicher für die Beziehungen zu den Investoren sowie als Controller. Über die Stationen der Finanzdirektion und die Leitung der Alstom-Tochtergesellschaft für Stromnetzwerke gelangte er 2011 auf den Chefposten der Transportsparte. Diese war damals noch der Juniorpartner des Turbinenbaus von Alstom. Doch der langjährige Alstom-Chef Patrick Kron erkannte die Talente des jungen Aufsteigers. Als das Alstom-Energiegeschäft an den amerikanischen Konkurrenten General Electric (GE) verkauft wurde, machte ihn Kron zum Nachfolger für die verbliebenen Alstom-Reste des Bahnbaus.

          Porträts seiner Person schätzt der Manager nicht

          In den vergangenen Jahren hat sich Poupart-Lafarge als äußerst diskreter Manager erwiesen. Porträts seiner Person schätzt er überhaupt nicht. Dabei weiß der Franzose, was es heißt, auf den höheren Management-Ebenen zu schweben. Sein Vater war die Nummer zwei des französischen Konzerns Bouygues, der heute Großaktionär von Alstom ist, sein großer Bruder Arnaud leitet den Kabelhersteller Nexans, der ebenfalls ein Milliardenkonzern ist. Die Familie sei ein „Inkubator für Vorstandsvorsitzende“, schrieb die Zeitung „Le Monde“. Von den fünf Geschwistern sind vier in der Welt des Managements tätig, zwei haben die Eliteschule Polytechnique absolviert.

          Lange Zeit sang Poupart-Lafarge das Lied von der schönen Unabhängigkeit, die auch als kleineres Unternehmen möglich sei. Nein, Alstom sei nicht zu klein, um im Bahngeschäft zu überleben, gab er immer wieder auf die Frage der Journalisten zurück. Im vergangenen Sommer war er jedoch gezwungen, die französische Politik unter Druck zu setzen. Mitten im Wahlkampf kündigte er die Schließung des traditionsreichen Alstom-Standorts im ostfranzösischen Belfort an. Ein Aufschrei ging durch die Reihen der Wahlkämpfer, und so fand die Regierung bald eine Lösung durch neue staatliche Bahnaufträge, die das Werk retteten.

          Das Timing von Poupart-Lafarge sei äußerst geschickt gewesen, schrieben damals die Analysten, in seinem Umfeld heißt es dagegen, dass ausbleibende Aufträge den Franzosen zum Handeln zwangen. Die hohe Ineffizienz durch zwölf über Frankreich verteilte Standorte ist jedoch geblieben. Das größte Werk des französischen Zugbauers befindet sich nicht in Frankreich, sondern im deutschen Salzgitter.

          Wenn es zum Zusammenschluss mit Siemens kommt, wird die Suche nach Einsparungen beginnen. Mit der Schönfärberei ist es dann vorbei. Was sich schon bei der Übernahmeschlacht zwischen GE und Siemens um das Alstom-Energiegeschäft im Jahr 2015 abzeichnete, wird nun zur Gewissheit: Die nationalen Kapazitäten sind zu kümmerlich, um einen gewichtigen Akteur auf dem Weltmarkt zu bilden. Poupart-Lafarge soll den Airbus für die Schiene formen. Hoffentlich kommt es zu weniger Geburtsschmerzen als beim großen Bruder mit den Flügeln.

          Quelle: F.A.Z.

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