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F.A.Z. exklusiv : Siemens schließt Standorte in größter Konzernsparte

Turbinenherstellung von Siemens in Berlin. Bild: EPA

Die Nachfrage nach Kraftwerken ist wegen der Energiewende fast um die Hälfte gesunken. Siemens hat dafür zu viele Werke und muss mit drastischen Maßnahmen reagieren. Tausende Stellen sind betroffen.

          Es kann die größte Zerreißprobe für Joe Kaeser in seiner bisherigen Amtszeit als Vorstandsvorsitzender von Siemens werden: Die tiefgreifende Umstrukturierung in der größten Siemens-Division Stromerzeugung, Gas und Öl dürfte Dimensionen erreichen, die bisher gekannte Umbaumaßnahmen unter der Ägide von Kaeser übertreffen. Nach Informationen von FAZ.NET stehen Standorte zur Disposition und sollen Werke in Deutschland geschlossen werden; von ihnen gibt es hierzulande sieben. Nur so, heißt es, könne noch auf den dramatischen Nachfrageeinbruch in diesem Bereich reagiert werden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          An der Schließung, so die Erkenntnis im Technologieunternehmen, komme niemand mehr vorbei. Angesichts der Akquisitionen in den vergangenen Jahrzehnten sei die Zahl der Werke zu groß geworden. Während Mülheim als größter deutscher Standort mit dem Bau von Dampfturbinen noch vergleichsweise gut dastehen soll, könnte es vor allem kleinere Werke treffen – womit Ostdeutschland mit Görlitz und Erfurt in den Mittelpunkt rückt. Schlimmer noch: Es kommt zum Wettbewerb der Standorte – vor allem mit denen in den Vereinigten Staaten. Und das nicht nur wegen möglicher Kostenvorteile, sondern auch wegen des wichtigen Marktes dort.

          Schwieriger Pakt

          Mit der Schließung der Standorte und weiteren Umstrukturierungen werden viele Tausend Arbeitsplätze bedroht sein. Entlassungen wird es nicht geben, stattdessen einen „sozialverträglichen“ Stellenabbau mit Interessen-Ausgleichen (Abfindungen, Altersteilzeit, Frühpensionierungen, Beschäftigungsgesellschaften); wenn denn der Instrumentenkasten dafür ausreicht. In einem ersten, Ende 2014 aufgelegten Programm kündigte PG noch einen Abbau von 4500 Arbeitsplätzen an, davon 2200 in Deutschland. Bislang sind tatsächlich „nur“ 1100 Stellen gestrichen worden. Insgesamt beschäftigt PG hierzulande 14.200 Mitarbeiter einschließlich des Service-Geschäfts, das organisatorisch getrennt wird von der Produktion. Weltweit arbeiten rund 30.000 Mitarbeiter in der Division.

          Die Überlegungen im Vorstand und Gespräche mit Arbeitnehmervertretern in den Wirtschaftsausschüssen ziehen sich in Anbetracht der Schwere hin, weshalb die Pläne noch nicht endgültig stehen. Joe Kaeser wird voraussichtlich am 9. November auf der Jahrespressekonferenz erste konkrete Hinweise geben, nachdem er im Sommer schon Maßnahmen angekündigt hatte.

          Die Thematik erfordert besonderes Verhandlungsgeschick auf beiden Seiten: Kommt es zum Aus von Werken, würde es erstmals eine Ausnahme des „Radolfzell-II-Abkommens“ geben. Die „Grundsätze bei Restrukturierungen und Strukturänderungen in der Siemens AG Deutschland“, so der offizielle Name des Paktes zwischen Unternehmen und Gesamtbetriebsrat, sieht die Garantie deutscher Standorte vor und schließt betriebsbedingte Kündigungen aus.

          Trend zu spät erkannt

           „Marktgerüchte kommentieren wir nicht“, lautet die Stellungnahme des Unternehmens dazu auf Anfrage. Siemens setze seine Strategie Vision 2020 konsequent um; dazu gehöre auch, dass man sich  kontinuierlich Gedanken über die strategisch richtige Aufstellung der Geschäfte machen. Das könne die Konsolidierung einzelner Aktivitäten einschließen, wenn es die Marktbedingungen erforderlich machten. Die IG Metall hält sich zurück und will Gerüchte nicht bestätigen, erwartet aber zeitnah eine Erklärung des Siemens-Vorstandes. „Wir finden es unerträglich, dass abermals Tausende Mitarbeiter auf diese Weise verunsichert werden“, heißt es dort. Der Ernst der Lage jedoch ist beiden Seiten bewusst, auch der Arbeitnehmerseite.

          Die drohenden Maßnahmen sind Folge eines Einbruchs auf den Märkten vor allem für große gasbetriebene Kraftwerke mit ihren anspruchsvollen und teuren Gasturbinen. Wegen der Energiewende und der rasant vordringenden Stromerzeugung aus regenerativen Energieträgern wie Wind und Sonne werden immer weniger konventionelle Kraftwerksanlagen geordert. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2016/2017 (30. September) sackte der Auftragseingang um fast 40 Prozent ab. Gab es 2014 noch Bestellungen über 200 große Gasturbinen in der Welt, erwartet die Branche dieses Jahr nur Order über 130 Einheiten, um die Wettbewerber wie Siemens, General Electric oder die japanische Mitsubishi gleichermaßen erbittert kämpfen.

          Erneuerbare Energieträger sind zu einer gewaltigen Konkurrenz für die konventionellen Kohle- und Gaskraftwerke geworden. Studien besagen, dass fast drei Viertel aller neuen Investitionen in die Stromerzeugung in den nächsten Jahrzehnten die regenerative Stromerzeugung betreffen wird. Außerdem hat Siemens viel zu spät auf den Trend zu kleineren, dezentralen und auch preiswerteren  Kraftwerkseinheiten erkannt, wo es noch mehr Nachfrage gibt.

          Erschwerend kommt für Siemens hinzu, dass es im Geschäft mit Ausrüstungen für die Öl- und Gasindustrie ebenfalls schlecht läuft. Die Branche insbesondere in den Vereinigten Staaten, aber auch in den rohstoffreichen Ländern des Mittleren Ostens halten ihre Investitionen wegen des niedrigen Rohölpreises nach wie vor zurück. Verschärft wird die Lage durch ein veritables hausgemachtes Problem: Zum ungünstigsten Zeitpunkt, auf dem Höhepunkt der Ölpreise und unmittelbar vor den Einbruch Mitte 2014, erwarb Siemens den amerikanischen Öl- und Gasausrüster Dresser-Rand für aus heutiger Sicht astronomische 7,8 Milliarden Dollar. Der Zukauf mit 6500 Mitarbeitern erhöht zusätzlich den Spardruck.

          Im August schon hatte Kaeser unmissverständlich zu verstehen gegeben: „Weitere Kostensenkungsmaßnahmen und Kapazitätsanpassungen werden notwendig sein, da die Märkte struktureller Herausforderungen haben.“ Damit wollte er die Kapitalmärkte vorbereiten, dass Ungemach droht. Seitdem wächst zunehmend die Nervosität im Unternehmen, mit welchen Maßnahmen der Konzern auf die eigentlich seit drei Jahren absehbare Misere reagieren könnte; vor allem, in welchem Umfang.

          Quelle: FAZ.NET

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