20.04.2007 · Heinrich von Pierer zieht die Konsequenz aus den zahlreichen Schmiergeldaffären beim Technologiekonzern Siemens und tritt als Vorsitzender des Aufsichtsrates zurück. Seine Nachfolge soll Aufsichtsratsmitglied Gerhard Cromme antreten. FAZ.NET-Spezial.
Von Carsten KnopHeinrich von Pierer, der Aufsichtsratsvorsitzende des Münchner Siemens-Konzerns, tritt zurück. Wie es in einer Mitteilung von Siemens heißt, stellt Pierer mit Beginn der Sitzung des Aufsichtsrats am 25. April sein Amt zur Verfügung. Dem Aufsichtsrat wird vorgeschlagen, Gerhard Cromme, den Aufsichtsratsvorsitzenden von Thyssen-Krupp, für den Rest der laufenden Amtsperiode bis zur Hauptversammlung im Januar zum Vorsitzenden des Gremiums zu wählen.
Für Pierer rückt der als Ersatzmitglied gewählte Michael Mirow nach, der bis 2002 in der Siemens-Zentrale für die strategische Unternehmensentwicklung zuständig war. Auf der nächsten Hauptversammlung steht nach Ablauf von fünf Jahren turnusgemäß die Neuwahl aller Vertreter der Anteilseigner des Aufsichtsrats auf der Tagesordnung. Ziel ist ein personeller Neuanfang in dem seit Monaten von einem Korruptionsskandal belasteten Unternehmen.
Stärkung für Kleinfeld
Cromme war bisher Koordinator des Prüfungsausschusses des Aufsichtsrats des Siemens-Konzerns und leitet zudem die deutsche Corporate-Governance-Kommission, die sich um die Grundsätze guter Unternehmensführung kümmert. Cromme hatte seinen Wechsel auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden in den vergangenen Tagen immer wieder dementieren lassen.
Aus dem Vorgang wird Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld gestärkt hervorgehen. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird Kleinfeld bei der Vorlage der Halbjahresergebnisse am kommenden Donnerstag mit exzellenten Zahlen glänzen. Alle Sparten werden ihre Renditevorgaben erfüllt haben (siehe auch: ).
Wegen Schmiergeld-Affäre unter Druck
Pierer hingegen steht schon seit Monaten wegen der Schmiergeldaffäre bei Deutschlands größtem Elektrokonzern unter Druck. Das System schwarzer Kassen war in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender in den Jahren 1992 bis 2005 aufgebaut worden. Als das System aufflog und der Konzern 420 Millionen Euro dubioser Zahlungen einräumte, hat von Pierer dies bedauert, persönliche Konsequenzen für die Vorfälle aus seiner Amtszeit jedoch ausgeschlossen.
Nach Ostern müssen diverse Vertreter der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite das persönliche Gespräch mit Pierer gesucht haben. Pierer selbst hatte am Donnerstag als Aufsichtsratsmitglied der der Volkswagen AG der Hauptversammlung in Hamburg beigewohnt (siehe auch: ).
An Ansehen verloren
Bis zum Beginn der Affäre war Pierer einer der angesehensten Manager in Deutschland. Im August 2005 wurde er als wirtschaftspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel berufen. Die Siemens-Affäre, die Pierer lange nicht wirklich zu erreichen schien, bekam allerdings eine neue Qualität, als dubiose Zahlungen an die unternehmensfreundliche Arbeitnehmerorganisation AUB und ihren Vorsitzenden Wilhelm Schelsky ruchbar wurden. Der aktive Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer war daraufhin wegen des Verdachts der Untreue verhaftet worden. Erst zum Osterfest kam der Spitzenmanager wieder frei (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Siemens-Affäre).
Aktionärsschützer haben in den vergangenen Wochen wiederholt bezweifelt, ob der frühere CSU-Politiker Pierer der richtige Mann ist, um als Aufsichtsratsvorsitzender eine Affäre aufzuklären, die in seine Zeit als Vorstandschef fällt. Cromme hatte zuletzt stets gesagt, er habe in seinen bisherigen Funktionen genug zu tun.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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