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Veröffentlicht: 12.03.2017, 19:31 Uhr

Reisebranche Die Urlaubslandkarte der Risiken

Streik, Terroranschlag, Wirbelsturm – woher wissen Reisekonzerne eigentlich, ob ihre Urlaubskunden in fernen Ländern Hilfe benötigen? Die Antwort kommt aus Tübingen.

von , Berlin
© dpa Die pure Zerstörung: der Tsunami in Südostasien 2004 kostete viele Urlauber das Leben. Ein Frühwarnsystem soll her.

Die Landkarte auf dem Bildschirm ist übersäht mit bunten Zeichen. In einem orangefarbenen Quadrat tragen Strichmännchen ein Plakat. Das bedeutet: Hier wird gestreikt. Ein Panzer auf rotem Grund warnt vor großer Gefahr, markiert ein Kriegsgebiet. Ein gelbes Zeichen zeigt, dass in Norditalien bei einem Lawinenabgang ein Mensch gestorben ist. Die Karte stammt vom Unternehmen A3M. Sie ist so etwas wie eine Google-Maps-Version für Unglücke und Gefahren. Und wer noch glaubte, es sei oft weitgehend ruhig, wird eines Besseren belehrt. Bis zu 6000 Embleme füllen die Karte.

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„Sie sehen auf der Karte, was auf der Welt gerade passiert“, erklärt Marcel Brandt, Geschäftsführer von A3M. Explosionen, Stürme, Beben und Schusswechsel – Ereignisse, von denen Urlauber am liebsten verschont bleiben. „Ich beschäftige mich seit zehn Jahren mit Negativereignissen. Gefühlt haben die zugenommen“, sagt er. „Das liegt auch daran, dass Vorfälle näher gekommen sind.“ 2016 töteten Attentäter am Brüsseler Flughafen, auf der Promenade von Nizza und auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. „Statistisch stieg die Gesamtzahl der Ereignisse aber nicht.“ 1790 Naturkatastrophen von Erdbeben bis zum Hochwasser zählte A3M, im Jahr zuvor waren es 1933. In die Kategorie Terror fielen hingegen 1380 statt zuvor 810. In die höchsten Kategorien wurde 31 Ereignisse eingestuft. „Das entspricht rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr“, sagt Brandt.

Über Ämter bis zur Weltraumbehörde Nasa

Gefahren sind zum Dauerthema geworden, wenn Menschen auf Urlaub zu sprechen kommen. Die Türkei, Ägypten und Tunesien litten im vergangenen Jahr unter einem Buchungseinbruch. Städtereisen waren nach Anschlägen in Paris und Istanbul weniger gefragt. Auch 2017 bestehen Sorgen. „38 Prozent der Bevölkerung fühlen sich durch den Terror in ihrer aktuellen Reiseplanung beeinflusst“, meldet die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) auf der Berliner Branchenmesse ITB. Jeder Vierte davon will am Reiseziel in diesem Jahr besonders vorsichtig sein. 18 Prozent wollen ein eigentlich bevorzugtes Ziel doch nicht besuchen. Reiseveranstalter wie TUI, Thomas Cook, FTI und DER haben reagiert, Krisenzentren aufgebaut und modernisiert. Doch bei Urlaubern bleibt die Frage, wie ein Konzern, der in Spitzenzeiten Hunderttausende Menschen in verschiedene Länder bringt, im Blick behalten kann, wie die Lage an so vielen Orten ist.

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Die Antwort führt nach Baden-Württemberg, nach Tübingen. 30 Kilometer südlich von Stuttgart laufen im Neckartal die Informationen über Vorfälle und Warnungen zusammen. Zwischen Kino und Feuerwehr sitzt dort am Rand der Altstadt A3M und hat sich zum Kriseninformationszentrum der deutschen Touristiker gemacht. Denn was über die Videowände der Krisenmanager von TUI und Co. flimmert, wird in Tübingen aus rund 200 Quellen zusammengestellt von der Deutschen Presse-Agentur über Ämter bis zur Weltraumbehörde Nasa. 20 Redakteure und Entwickler bearbeiten im Drei-Schicht-Dienst die Einträge auf der Landkarte. „Viele Informationen sind auch woanders zu bekommen, aber nur wir liefern die Angaben gebündelt in einem System und zeigen sie genau auf einer Landkarte verortet“, erklärt Brandt. „Für die Touristik haben wir damit eine Lücke geschlossen.“

45197576 © Reuters Vergrößern Unter Beobachtung: Tourismus am Nil

Am Anfang stand die Tsunami-Katastrophe 2004. Riesenwellen überfluteten Strände Südostasiens. Ein System sollte her, das tödliche Fluten nahen sieht und Menschen per SMS warnt, damit sie sich in Sicherheit bringen. Seit 2012 werden Explosionen, Seuchen, schwere Unfälle und Fluglotsenstreiks registriert. Tausende Meldungen gehen täglich ein. Für Pauschalreiseanbieter sind einige hundert im Jahr relevant. Ein Reisekonzern, der Kunden nach Ägypten gebracht hat, interessiert sich mehr für die Lage am Nil als für eine Schießerei in Lateinamerika.

Warnung per SMS

„Für uns sind auch Meldungen bedeutend, die nicht in den Nachrichten kommen. Das Social-Media-Monitoring wird immer wichtiger“, sagt Brandt. Allerdings wird nie bloß wegen eines Facebook-Eintrags Alarm geschlagen. „Wir wollen schnell sein, aber es muss auch stimmen.“Für erste Meldungen wird meist auf amtliche Quellen vertraut. Um das Ausmaß eines Vorfalls zu beurteilen, kommen aber Bilder und Filme in Betracht, die sich über die Netzwerke schnell verbreiten. Das hilft bei der Interpretation behördlicher Mitteilungen, für die A3M quasi eine Übersetzungshilfe liefert. Wenn das Auswärtige Amt mitteilt, in einer Region werde „zu erhöhter Vorsicht geraten“, ist für Betroffene mitunter schwer einzuschätzen, ob ein Aufenthalt dort noch vertretbar ist.

Infografik / Wohin die Deutschen verreisen wollen © F.A.Z. Vergrößern

Die komplette A3M-Karte zeigt Brandt Urlaubern nicht. Doch die Informationen sollen nicht nur den Managern in den deutschen Zentralen der Touristiker, sondern auch den Kunden helfen. Deshalb können Reiseveranstalter Buchungsdaten ihrer Kunden in das System einspeisen. Erscheint ein rotes Warnzeichen, können sie sich per Mausklick anzeigen lassen, wie viele und welche Urlauber sich im Umkreis von 10, 20 oder 50 Kilometern aufhalten. Reisende, die bei der Buchung ihre Handynummer hinterlegt haben, können dann per SMS gewarnt werden. Der Deutsche Reiseverband (DRV) ruft seit längerem dazu auf, die Nummer anzugeben. Nicht nur bei Anschlägen, sondern schon bei Flugausfällen könne dies nützlich sein.

Die in die Jahre gekommene Kurznachricht hat sich als bestes Notfallmittel erwiesen, für E-Mails oder Whatsapp-Botschaften wäre eine Internetverbindung nötig. Mobilfunknetze seien in Extremsituationen schnell überlastet. „Während Telefonate per Mobilfunk nicht immer zuverlässig funktionieren, kommen SMS in der Regel beim Adressaten an“, heißt es vom DRV. Oft stehe hinter vielen Urlauberdaten aber noch keine Nummer, bemängelt Brandt. Hinterlässt der Urlauber die Nummer nicht oder gibt das Reisebüro sie nicht weiter, bleibt ein Problem, bei dem selbst A3M nicht helfen kann.

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Von Marcus Jung

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