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Shell : Großprojekt ohne Großprotest

Shell erwog unter anderem, die Substanzen mit Tanklastwagen transportieren zu lassen Bild: dpa

Es klingt wie ein Aufruf an die Wutbürger: Shell baut eine Chemie-Pipeline, die zweimal den Rhein quert. Weil frühzeitig Bürger und Naturschützer an der Planung beteiligt wurden, sind alle zufrieden.

          Kurz bevor der Rhein im Süden die Kölner Stadtgrenze erreicht, holt er zu einer erhabenen Geste aus. So groß ist der Langeler Bogen, dass es gar nicht einfach ist, den Überblick zu behalten, was nun eigentlich rechts- und was linksrheinisch ist. Auch für das Unternehmen Shell ist der Rhein eine Herausforderung. Denn die größte deutsche Raffinerie, die Shell im Kölner Süden betreibt, besteht aus zwei kaum mehr als zwei Kilometer Luftlinie voneinander entfernten Werksteilen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am Eingang zum Langeler Bogen liegt linksrheinisch, noch im Rhein-Sieg-Kreis, die Rheinland Raffinerie Wesseling. Am Ausgang des Bogens befindet sich, ebenfalls linksrheinisch, die Rheinland Raffinerie Godorf. Schon vor Jahren zeichnete sich ab, dass das Werk im immer schärfer werdenden globalen Raffinerie-Wettbewerb nur Bestand haben kann, wenn seine beiden Teile enger zusammenarbeiten und unter anderem Grundstoffe zur Produktion von schwefelarmem Heizöl und Benzin miteinander austauschen.

          Shell suchte den Dialog mit den Anwohnern

          Shell erwog zunächst, die Substanzen mit Tanklastwagen, Schiffen oder Güterzügen transportieren zu lassen, entschied sich dann aber für den kürzesten Weg: eine Pipeline, die den Rhein zweimal quert. Rohrleitungssysteme sind die zuverlässigste Art, fortwährend große Mengen Flüssigkeit zu transportieren. Hinzu kommt: Beim Transport per Binnenschiff muss siebenmal so viel Energie aufgewandt werden wie für den Betrieb einer Pipeline, für den Transport auf der Schiene sogar neunmal so viel.

          Statt einfach einen Plan bei der Bezirksregierung zur Genehmigung einzureichen, suchte Shell von Beginn an in Foren und sogar Hausbesuchen das Gespräch mit den betroffenen Bürgern, Kommunen und mit den Umweltschutzverbänden. Schnell stellte sich dabei heraus, dass es viele Bedenken dagegen gab, die Pipeline in offener Bauweise durch ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) im Rhein, Natur- und Landschaftsschutzgebiete und sich anschließende Äcker auf rechtsrheinischer Seite zu verlegen.

          Die Pipeline quert den Rhein in 15 Metern Tiefe

          Vier Jahre lang zog sich der Dialogprozess hin - doch für Shell hat sich das zähe Ringen gelohnt. Anders als bei vielen anderen Großprojekten in Deutschland, wie etwa bei der Pipeline des Unternehmens Bayer zwischen Leverkusen und Krefeld, kam es im Kölner Süden nie zu Protesten von Bürgern oder Umweltverbänden. „Es ist Vertrauen bei den Beteiligten entstanden, weil sie gesehen haben, dass sich das Unternehmen bewegt“, sagt Constantin von Hoensbroech, Sprecher der Rheinland Raffinerie.

          Als die Bezirksregierung Köln im Mai 2011 die Genehmigung für das Projekt erteilte, gab es nicht einen Widerspruch gegen den Planfeststellungsbeschluss, weil alle Beteiligten gemeinsam nach einem akzeptablen Ausgleich der Belange des Unternehmens, der Bürger und der Umwelt gesucht hatten. Das Ergebnis ist kein fauler Kompromiss, sondern auch technisch anspruchsvoll: Die Pipeline unterquert die Schutzgebiete und den Rhein bis zu 15 Meter tief im Erdreich.

          Nur auf einem kleinen Teilstück zwischen dem Kölner Stadtteil Langel und Niederkassel-Lülsdorf im Rhein-Sieg-Kreis wird derzeit in offener Bauweise an der Rohrleitung gearbeitet. Schon im Herbst aber wird auch dort von der Pipeline nichts mehr zu sehen sein, dann soll die Leitung mit zwei Metern Erdreich überdeckt sein. Die Ackerfläche kann dann wieder ohne Einschränkung landwirtschaftlich genutzt werden. Auch einen sogenannten Baustellenrat hat Shell eingerichtet.

          Einmal im Monat treffen sich im Café des traditionsreichen Langeler Strandbads Landwirte, Kommunalpolitiker, Umweltschützer mit Leuten von Shell und den Bauunternehmen, um über ganz praktische Fragen zu sprechen. Einmal ging es in dem Rat um eine Optimierung des Baustellenverkehrs, damit Anwohner weniger von Lastkraftwagen belästigt werden, ein anders Mal sprach das Gremium über die Bedürfnisse von Schleiereule und Wechselkröte. „So etwas wie den Baustellenrat kannten wir vorher noch nicht. Er hilft sehr, denn viele Fragen und Konflikte tauchen erst beim Bau auf“, sagt Achim Baumgartner, der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Rhein-Sieg-Kreis.

          Die Kunde von der guten Kooperation

          Josef Tumbrinck, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Naturschutzbunds (Nabu) geht mit seinem Lob noch weiter. Gemeinsam mit Shell hat Tumbrinck eine Imagebroschüre mit dem Titel „Partnerschaft für Standortsicherung und Umweltschutz“ herausgegeben, in der er dem Unternehmen attestiert, stets „mit offenen Karten gespielt“ zu haben. „Gemeinsam haben wir so für den Naturschutz viel erreicht und gleichzeitig die Wirtschaftskraft der Region gestärkt.“ Der Nabu hoffe, dass die Kunde von der guten Kooperation überregional viele erreiche.

          Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) sieht die Kölner Pipeline als Vorbild. Dem Shell-Management sei es offenbar gelungen, die Betroffenen an der Planung zu beteiligen und so Akzeptanz zu schaffen, sagt Duin. Genau das sei auch das Ziel der Geschäftsstelle „Dialog schafft Zukunft“, die es seit einigen Monaten im Wirtschaftsministerium in Düsseldorf gibt.

          Die Geschäftsstelle soll dabei helfen, den Dialog aller Beteiligten bei Großprojekten zu befördern, die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und Nordrhein-Westfalen als Industriestandort zu stärken. Eben das sieht Duin mit dem Raffinerie-Projekt im Kölner Süden exemplarisch erreicht. „Investitionen in Höhe von 250 Millionen Euro am heimischen Standort sind für einen Wirtschaftsminister eine gute Nachricht: Denn sie zeigen, mit wie viel Vertrauen und Zuversicht ein Investor in die Zukunft Nordrhein-Westfalens blickt.“

          Quelle: F.A.Z.

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