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Oliver Samwer : Ein tiefenentspannter Seriengründer

Der „aggressivste Mann im Internet“: Oliver Samwer. Bild: Jan Roeder

Oliver Samwer war berüchtigt für seinen aggressiven Führungsstil. Doch der Chef von Rocket Internet ist bedeutend ruhiger geworden. Und kommt dem Ziel immer näher.

          Der Seriengründer legt gerade eine Atempause ein. In diesem Jahr hat Rocket Internet, das an 100 Start-ups rund um die Welt beteiligt ist, noch kein neues Unternehmen gegründet. Und ihr Aktionär und Chef Oliver Samwer hat auch keine Eile damit. „Wir starten neue Unternehmen, wenn wir ein gutes Team gefunden haben“, sagte Samwer am Donnerstag in einer Telefonkonferenz. Aber Rocket Internet halte natürlich an der Investment-Strategie fest. Und die lautet eigentlich: laufend neue Unternehmen gründen und Millionen investieren.

          Zuletzt wirkt es so, als habe sich Rocket Internet von einer Gründer- zu einer Beteiligungsgesellschaft entwickelt. Viele Start-ups hat Samwer nicht nur aufgebaut, sondern begleitet sie auch lange, so wie die Essensbestellplattform Delivery Hero. Deshalb hat es die Anleger gefreut, dass Rocket Internet seinen Anteil an dem Berliner Lieferdienst nun halbiert, um mehr als 4,5 Prozent ging der Kurs am Donnerstag hinauf. Dadurch bekommt das Unternehmen auf seine ohnehin schon üppigen Barmittel 660 Millionen Euro obendrauf und sendet somit die Botschaft, wieder aggressiv investieren zu wollen. „Wir hatten wirklich einen großen Anteil, mit den 13 Prozent an Delivery Hero fühlen wir uns wirklich wohl“, sagt Samwer.

          „Langfristige Absicherung der Familie“

          Der „aggressivste Mann im Internet“, so wie er sich selbst früher bezeichnete, schlägt sanftere Töne an. Das passt zu seiner Stimme, die auch eher ruhig ist. In der Internetbranche gebe es Einsteins und Bob der Baumeister – er sei eher ein Baumeister, hat Samwer früher gesagt und will sich auch heute nicht als Tech-Genie gerieren. Gleichwohl hat der 45 Jahre alte Unternehmenschef natürlich ein großes Selbstbewusstsein. Doch warum auch nicht? Er ist ein reicher Mann, hat schon vor 13 Jahren Millionen verdient mit dem Handyabodienst Jamba, er hat das nun insolvente Freundesnetzwerk StudiVZ für viel Geld verkauft und mit Zalando Europas größten Online-Modehändler mit aufgebaut.

          Seine Anteile an Rocket Internet hat Samwer in eine Familienstiftung übertragen. Nicht um Geld zu sparen, durch den Sitz in München fließen die Steuern nach Deutschland, aber um die „langfristige Absicherung der Familie Samwer“ zu sichern. Die ist groß, neben zwei Brüdern hat Samwer eine Frau und drei Kinder. Er empfindet offenbar eine besondere Verantwortung, sie in der Tradition von Unternehmern wie dem Aldi-Gründer nach dem eigenen Willen abzusichern. Eine Stiftungs-Satzung kann man schließlich nicht so leicht verändern. Knapp war das Geld in der Familie aber ohnehin nie: Samwers Urgroßvater Karl war Direktor der Gothaer Lebensversicherungsbank, der Urgroßenkel studierte an der angesehenen Privatuniversität WHU in Vallendar.

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          Dort wird „der Oli“, wie er im Unternehmen in Berlin von allen genannt wird, bei jedem Besuch gefeiert wie ein Star. Nicht wenige Absolventen rekrutiert der Seriengründer für seine eigenen Unternehmen. Allerdings hallte durch die Flure lange der Ruf, dass Samwer sie mit harter Hand führe, vor einigen Jahren verließen gleich mehrere Führungskräfte Rocket Internet.

          Doch der Wirbel hat sich gelegt, um Rocket Internet ist es ruhiger geworden. Die Unternehmen wachsen beständig, nur ist da noch dieses klitzekleine Problem mit den Millionen-Verlusten. An der Börse gehört die Aktie nicht zu den großen Überfliegern, doch Samwer gibt sich ganz entspannt. „Wir machen wirklich große Fortschritte auf unserem Weg in die Profitabilität“, sagte Samwer am Donnerstag. Doch das Ziel, bis zum Ende des Jahres drei Beteiligungen in die schwarzen Zahlen zu führen, wird er nicht erreichen. Samwer drückt sein Versprechen jetzt etwas anders aus: „Wir fühlen uns gut damit und wenn es sechs Monate länger dauert, macht das auch nichts.“ Der Oli regelt das schon.

          Rocket Internet macht weniger Verlust

          Die Berliner Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet sieht sich weiterhin auf „gutem Weg in Richtung Profitabilität“. Das sagte ihr Vorstandschef Oliver Samwer in einer Telefonkonferenz am Donnerstag anlässlich der Vorlage der Halbjahreszahlen. Rocket Internet legt immer Zahlen „ausgewählter Unternehmen“ vor, darunter der Kochboxenlieferdienst Hello Fresh oder der Online-Modehändler Global Fashion Group (GFG). Diese Beteiligungen konnten ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 29 Prozent auf 1,24 Milliarden Euro erhöhen. Der konsolidierte Verlust sank im gleichen Zeitraum von 617 Millionen Euro auf 27 Millionen Euro. Im Vorjahr waren Abschreibungen auf GFG hauptsächlich für den hohen Verlust verantwortlich. Wachstumstreiber ist Hello Fresh, das seinen Umsatz um fast 50 Prozent auf 435 Millionen Euro steigern konnte. Doch auch diese Beteiligung, die bald den Schritt an die Börse wagen könnte, schreibt noch Verluste. Allerdings hat Rocket Internet ein gutes Kapitalpolster, die Barmittel betrugen zuletzt 1,6 Milliarden Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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