03.01.2007 · Wenn Madonna auf Welttournee geht, jubelt ganz Wedemark mit. Aus dem kleinen Ort vor den Toren Hannovers kommt nämlich ihr Mikrofon. In der deutschen Provinz floriert das heikle Geschäft mit den Künstlerstimmen.
Von Johannes Ritter, WedemarkAls Madonna im vergangenen Jahr die Welt mit ihrer „Confessions“-Tournee beglückte, gab es allerlei Turnerei auf der Bühne - und, wie es sich für sie gehört, auch einen kleinen Aufreger: Bei dem Liedchen „Live to Tell“ steht die Disco-Diva vor einem großen Glitzerkreuz. Für fundamentalistische Christen eine ungeheure Provokation; für die meisten Zuschauer eine harmlose und - zumindest bei den Konzerten in Deutschland - laut bejubelte Show-Einlage.
Besonders groß dürfte der Jubel in Wedemark ausgefallen sein. In der Gemeinde vor den Toren Hannovers sitzt das Familienunternehmen Sennheiser. Und das spielt in dieser Szene eine wichtige Rolle: Die Pop-Heldin singt in ein Sennheiser-Handmikrofon, das SKM 3072. Alle rund um den Globus veröffentlichten Fotos, die Madonna in dieser Stellung zeigen, zeigen also immer auch deutsche Technik „in action“.
„Künstler sind sehr konservative Menschen“
Madonna schwört schon viele Jahre auf das SKM 3072. In der Vorbereitung auf die „Confessions“-Tour ist der auf Perfektion getrimmte Super-Star allerdings noch mal in sich gegangen und hat zehn verschiedene Mikrofone getestet. Davon kamen acht aus dem Hause Sennheiser und zwei von dem amerikanischen Konkurrenten Shure Inc. Doch am Ende entschied sich Madonna wieder für das altbewährte SKM 3072. Dafür hat Sennheiser-Chef Rolf Meyer eine universelle Erklärung: „Künstler sind sehr konservative Menschen.“ Gerade Sänger, die nun einmal davon leben, dass ihre Stimme fehler- und störungsfrei über die Lautsprecher transportiert wird, gingen ungern Experimente ein.
Dennoch ist es Sennheiser gelungen, dem großen Konkurrenten Shure etliche Stars abzuluchsen: Sting, Shakira, Avril Lavigne, Céline Dion, Beyoncé Knowles, Scorpions, Nena, Rosenstolz, Jamiroquai und viele mehr gehören zu den Kunden der Niedersachsen. Sennheiser hat bei professionellen Mikrofonen nach eigenen Angaben einen Weltmarktanteil von rund 30 Prozent. „Damit sind wir die Nummer 1“, sagt Meyer, der Shure nur noch einen Marktanteil von 28 Prozent zuschreibt. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren hatten die Amerikaner noch 60 Prozent.
„Den Markt von hinten aufgerollt“
Die erfolgreiche Aufholjagd der Deutschen war und ist technikgetrieben. 1959 ließ sich Unterhaltungskönig Peter Frankenfeld in einem Sketch vor laufender Kamera das Mikrofonkabel durchschneiden. Dass die Zuschauer ihn danach trotzdem noch hörten, lag an der von Sennheiser entwickelten Drahtlostechnik. Die über Jahrzehnte gewachsene Kompetenz auf diesem Gebiet sowie eine rationelle Fertigung waren ausschlaggebend für den Erfolg der „Evolution“-Serie, die es erstmals auch kleineren Künstlern erlaubte, die bis dahin unerschwinglich teuren drahtlosen Mikrofone zu verwenden. „Wir haben den Markt von hinten aufgerollt und unseren Umsatz seit 1995 verdreifacht“, sagt Meyer.
Gleichwohl ist auch dieser Markt hart umkämpft. Insbesondere die preisaggressiven chinesischen Anbieter versuchen, sich eine dicke Scheibe davon abzuschneiden. Obendrein belasten Produktpiraten das Geschäft: Kurz vor Weihnachten brachte eine Razzia in der chinesischen Stadt Enping Hunderte gefälschter Mikrofone zutage. „Bei unserer ersten Razzia vor vier Jahren konnten wir noch mehrere zehntausend Mikrofone sicherstellen. Heute produzieren die Fälscher weit über das Land verstreut, und die Mikrofone oder Mikrofonsysteme werden erst kurz vor dem Abverkauf in kleinen Stückzahlen zusammengesetzt. Und erst dann können die Behörden eingreifen“, erläutert Meyer.
Superbowl mit deutschen Mikrofonen
Dennoch ist Meyer nicht bange um die Zukunft. Nach seiner Lesart kommen zum Beispiel die großen Unternehmenskunden gar nicht an Sennheiser vorbei. Das Football-Endspiel Superbowl, die mit Abstand wichtigste Sportveranstaltung Amerikas, wird nicht mit amerikanischer, sondern mit deutscher Mikrofon- und Hochfrequenztechnik übertragen. „Die Veranstalter wollen sicher sein, dass nichts schiefgeht.“ Auch der Schlagerwettbewerb „Eurovision Song Contest“ läuft Jahr für Jahr unter der technischen Hoheit der Sennheisers. Wie komplex das Unterfangen ist, eine große Bühne vollkommen funklochfrei zu halten, lässt sich an Madonnas Show ablesen: Dort verrichten insgesamt 60 Sender und Empfänger ihren Dienst.
Der Erfolg wird auch in den Unternehmenszahlen sichtbar: Vor allem getragen von neuen Produkten im Drahtlossegment, kletterte der Umsatz 2005 um 15 Prozent auf 300 Millionen Euro. Im gerade beendeten Geschäftsjahr wollte Meyer ursprünglich 340 Millionen Euro umsetzen - wahrscheinlich werden es nun sogar 355 Millionen Euro. Die Umsatzrendite vor Steuern soll 8 Prozent erreichen. Langfristig peilt Meyer eine Rendite von 10 Prozent an; bis 2009 will er den Umsatz auf 500 Millionen Euro hieven.
„Es gibt immer wieder Übernahmeangebote“
Zu diesem Wachstum soll das Kopfhörergeschäft kräftig beitragen: In diesem zweitgrößten Standbein (100 Millionen Euro Umsatz) ist Sennheiser hinter Sony und vor Philips die Nummer 2 in der Welt. Doch dabei soll es nicht bleiben: „In zwei bis drei Jahren wollen wir die Nummer 1 sein“, kündigt Meyer an. Den Schlüssel dazu sieht er in der Innovationskraft des Unternehmens, das zuletzt 45 Prozent des Umsatzes mit Produkten gemacht hat, die jünger als zwei Jahre sind. Auf der Kostenseite zahlt sich zudem aus, dass die personalintensive Kopfhörerproduktion nach Irland verlagert wurde.
Trotzdem wächst Sennheiser auch in der Heimat: Das 1945 von Fritz Sennheiser gegründete Unternehmen hat 2006 rund 120 Mitarbeiter in Deutschland neu eingestellt und beschäftigt jetzt 1800 Menschen, davon 1040 in Deutschland. Sennheiser soll auch künftig im Besitz der Familie bleiben. „Es gibt immer wieder Übernahmeangebote. Aber die darauf folgenden Gespräche sind kurz“, beschreibt Meyer die Haltung von Jörg Sennheiser.
Der Sohn des Firmengründers sitzt dem Aufsichtsrat vor. Das Unternehmen sei schuldenfrei und könne das Wachstum selbst finanzieren, beteuert Meyer. Nicht so einfach ist es allerdings, gute Ingenieure für Forschung und Entwicklung in die niedersächsische Provinz zu locken: „Airbus in Hamburg saugt alles ab.“ Im beschaulichen Wedemark ist in der Tat nicht ganz so viel los wie in der Hansestadt. Aber ab und an kommt mal ein prominenter Kunde zu Besuch: Zuletzt hat sich Seal die Produktion zeigen lassen. Dann schwillt die Brust der Mitarbeiter.
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