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„Selfpublishing“ : Verlegen am Verlag vorbei 

Immer neu: Bücher auf Abruf kommen frisch aus dem Drucker Bild: Books on Demand

Der Verlag als Nadelöhr verliert an Bedeutung: Immer mehr Menschen verlegen ihren Roman selbst. In Amerika sprechen Marktbeobachter bereits von einem Goldenen Zeitalter - nun spürt man den Aufwind auch hierzulande.

          Viele Menschen träumen davon, irgendwann einmal ein Buch zu veröffentlichen. Legendär sind die Listen all jener Manuskripte, die Verlage abgelehnt haben. Doch das ändert sich: Der Verlag als Nadelöhr verliert an Bedeutung. Immer mehr Menschen verlegen ihren Roman, ihre Memoiren oder ihren Gedichtband im sogenannten Selfpublishing. In Amerika sprechen Marktbeobachter bereits vom Goldenen Zeitalter des Selbstverlegens. Dort hat schon 2008 die Zahl der auf Bestellung erschienenen Titel (285.400) die der „normal“ in Großauflagen gedruckten neuen Titel (275.200) überstiegen. Allein im Jahr 2011 ist die Zahl der in Eigenregie verlegten Titel um weitere 80.000 gestiegen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Für Deutschland gibt es keine vergleichbaren Marktzahlen. Die Books on Demand GmbH (BoD) in Norderstedt bei Hamburg - eines der marktführenden Unternehmen für das Selbstverlegen von Büchern - spürt aber den Aufwind auch hierzulande. Die Zahl druckfertiger Titel bei BoD sei allein im Jahr 2011 um 150.000 oder 75 Prozent auf 350.000 Titel gestiegen. Zum Vergleich: Alle bekannten Verlage Deutschlands bringen etwa 80.000 neue Titel im Jahr auf den Markt.

          Erst nach Bestellung gedruckt

          Der Autor, der sein Buch selbst - also an den etablierten Verlagen vorbei - verlegen möchte, muss zwei Hürden nehmen: die Gestaltung seines Werkes und den Vertrieb. Üblicherweise übernimmt dies der Verlag. Er macht aus einem Manuskript ein Buch, und er sorgt dafür, dass es in den üblichen Großhandelsverzeichnissen (Libri) verfügbar und damit über den Buchhandel beziehbar ist.

          Gestalten kann der Autor heute sein Buch am häuslichen Computer selbst. Er kann es mit Bildern anreichern, Tabellen und Grafiken einarbeiten und übersichtlich sowie leserfreundlich gestalten. Der Vertrieb des eigenen Buches ist da schwieriger. Dafür kann er sich an Unternehmen wenden wie die Books on Demand GmbH. Sie ist eines der führenden Serviceunternehmen für Bücher auf Bestellung oder Abruf. Das Kennzeichen dieser Bücher ist es, dass sie erst dann gedruckt werden, wenn eine Bestellung vorliegt. Möglich ist das durch modernen Digitaldruck, der eine Auflage von einem Exemplar zulässt.

          Auch Verlage nutzen den Dienst

          Derzeit produziert BoD täglich zwischen 10.000 und 20.000 Bücher, davon 40 Prozent in einer Kleinstauflage von einem bis neun Exemplaren. Diese Bücher werden über den Buchhandel bestellt, gedruckt und als druckfrisches Exemplar ausgeliefert. Der Vorteil für den Autor ist, dass man über BoD sein Buch in gedruckter wie auch in elektronischer Version veröffentlichen kann und in allen Vertriebskanälen gelistet ist - vom stationären Buchhandel bis hin zu den Onlineshops, selbst in speziellen E-Book-Shops wie dem Apple iBookstore und dem Amazon Kindle-Store.

          Diesen Service nutzen aber nicht nur Einzelpersonen. Auch Verlage werden immer mehr zu Kunden von BoD. Gerade sehr spezielle Bücher, für die es nur wenige potentielle Leser gibt, rechtfertigen es nicht, eine Mindestauflage zu drucken und sie im Lager zu bevorraten. Also gibt man den Inhalt elektronisch an BoD - und das Buch ist nie mehr ausverkauft oder vergriffen, weil es jederzeit auf Abruf nachgedruckt werden kann. Mehr als 1000 Unternehmen nutzen diesen Service von BoD.

          Zoll, Transport und Lager spielen keine Rolle

          Dass Selbstverlegen nicht nur etwas für Exoten ist, zeigen einige Bestseller unter den BoD-Titeln. Der Roman des Physikers Markolf Niemz zur Nahtoderfahrung „Lucy mit c. Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits“ erreichte ebenso eine fünfstellige Auflage bei BoD wie Susanne Reinerths Buch über Naturkost für Hunde unter dem Titel „Natural Dog Food“ oder die „Paris-Spaziergänge“ von Hella Broerken. Im Jahr erscheinen bei BoD etwa 10.000 Neuerscheinungen von Autoren.

          Derzeit ist BoD dabei, sein Angebot um fremdsprachige Bücher zu ergänzen. Seit Oktober 2011 ist das Unternehmen Partner von „Global Connect“, dem Netzwerk der Ingram Content Group. BoD übernimmt damit Titel amerikanischer Verlage in sein Vertriebsnetz. Bei einer Bestellung aus Deutschland würde dann auch das englische Buch in Norderstedt gedruckt und von dort ausgeliefert, was Export- und Importschwierigkeiten (Zoll, Transport, Lager) vermeidet. Im Gegenzug werden die deutschen Titel über Ingram in Nordamerika und in Großbritannien vertrieben. Seit Herbst 2011 kooperiert BoD zudem mit der norwegischen Verlagsauslieferung Forlagssentralen. Die internationale Vernetzung soll vorangetrieben werden.

          Zum Umsatz sagt BoD, das über Libri der Hamburger Unternehmerfamilie Herz gehört, nichts Konkretes. Im Raum steht aber immer noch eine Ankündigung des bisherigen Geschäftsführers Moritz Hagenmüller, bis 2012 den Umsatz auf etwa 50 Millionen Euro erhöhen zu wollen. Das Ziel dürfte erreicht worden sein. Hagenmüller jedenfalls hat Karriere im Konzern gemacht und ist seit November 2010 auch Geschäftsführer bei der Muttergesellschaft Libri, einem großen deutschen Buchvertrieb. Die Doppelführung geht in wenigen Tagen zu Ende. Am 16. Juli wird Florian Geuppert neben Yogesh Torani Geschäftsführer bei BoD sein - und Hagenmüller sich ganz auf seine Aufgabe bei Libri konzentrieren.

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