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Selbst ist der Musiker Mit eigenem Label durchs wilde Plattengeschäft

17.09.2010 ·  Musiker wie Alin Coen, Dirk Darmstaedter und Thees Uhlmann versuchen, ohne die großen Plattenfirmen auszukommen. Sie haben ihr eigenes Label. Aber nun müssen sie sich auch um alles kümmern.

Von Jan Hauser
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Aufgeregt ist sie noch nicht. Sie will es nicht sein. An dem Tag, an dem jeder ihre Musik zum ersten Mal richtig kaufen kann, steht Alin Coen morgens mitten in ihrer kleinen Küche. Sie schneidet eine Honigmelone klein, schlägt vier Eier in die heiße Bratpfanne und schaut in den Backofen, in dem ein paar Brötchen aufbacken. Auf dem Tisch sind längst Teller und Messer, Butter, Obstsalat und Orangensaft. „Led Zeppelin“ steht auf dem ärmellosen grünen T-Shirt, das sie trägt, ihre schwarzen Haare sind kurz, nur eine lange Locke streicht sie ab und zu aus ihrem rechten Auge. Als die Honigmelone im Obstsalat gelandet ist und die Spiegeleier auf den Tellern liegen, öffnet sie die Klappe zum Backofen, doch die Brötchen kann sie nur noch einen Tick zu stark gebräunt herausholen. Sie hat eben immer viel zu tun - nicht nur in der Küche.

Diese Wochen entscheiden für ihre Band, die Alin Coen Band, wie weit die vier Musiker aus Weimar kommen, ob sie es in die Charts (Hitparaden) und in die Plattenindustrie schaffen. Sie schreiten ganz bewusst auf einem Pfad abseits der üblichen Schnellstraßen der Branche. Die Band will es allein schaffen - ohne eine der großen Plattenfirmen.

Die 28 Jahre alte Coen hat mit ihren drei Kollegen ein eigenes Musiklabel (eine eigene Marke) gegründet - dem sie den Namen „Pflanz einen Baum“ gaben -, um ihr Debütalbum herauszubringen und gleichzeitig unternehmerische und künstlerische Freiheit zu haben. Dafür müssen sie nun auch alles machen: Sie geben die Pressung ihres Albums in Auftrag, müssen sich darum kümmern, wie es gestaltet wird, pflegen ihre Homepage und die Internetseiten auf Myspace und Facebook. Und wie in ihrer Küche mit den Melonen, Eiern und Brötchen haben Alin Coen und ihre drei Bandkollegen damit alle Hände voll zu tun. Sie melden ihre Musik beim Rechteverwerter Gema an, sie haben mit Rough Trade einen Vertrieb gefunden und engagieren andere für ihre Pressearbeit, sie sammeln Quittungen und führen Buch über ihre Ausgaben, sie organisieren ihre Tour mit 22 Auftritten, für die sie noch bis Mitte Oktober zu viert mit Instrumenten in einem VW Golf durch Deutschland fahren.

Mit eigenem Label durchs wilde Plattengeschäft

Für den Erstling einer noch unbekannten Band ist das durchaus ungewöhnlich

Immer weniger Platten werden verkauft, die Einnahmen der Musikindustrie schrumpfen. Eigene Labels betreiben inzwischen auch Künstler wie Fettes Brot und Xavier Naidoo, die so einen höheren Anteil an ihren Plattenverkäufen erhalten. Selten jedoch nehmen junge Künstler, die keinen Vertrag einer Plattenfirma ergattern, ihre Kunst selbst in die Hand und gründen ein eigenes Unternehmen, um ihre Musik zu veröffentlichen.

An dem Tag, an dem die Ausnahme namens Alin Coen morgens in der Küche steht, soll ihr erstes Lied auf den Markt kommen. Allerdings wird es nur im Internet zu kaufen sein. Deswegen gibt sich Alin Coen an diesem Tag auch nicht übermäßig aufgeregt. Der wirkliche Belastungstest wird erst an dem Tag beginnen, an dem ihr Album „Wer bist du?“ erscheint - das wird nicht nur im Online-Plattenladen, sondern auch in jedem handelsüblichen Geschäft erhältlich sein. Selbst große Ketten wie Saturn haben schon einige hundert Exemplare vorbestellt, sagt Coen, während sie ihr Spiegelei zerschneidet. Für den Erstling einer noch unbekannten Band ist das durchaus ungewöhnlich.

Sie geht von der Küche durch den langen Flur hinüber ins Wohnzimmer und zeigt auf den Boden. „So sehen 500 CDs aus“, sagt sie. In der Mitte des Raums stapeln sich ein paar braune Kartons, der Rest, den die Band direkt verkaufen will. Fast fallen sie gar nicht auf. 2000 Stück haben sie pressen lassen: für einen Frischling gar nicht wenig und dennoch nicht genug - sie haben schon die nächste Pressung veranlasst, bevor die ersten CDs überhaupt im Handel erhältlich sind.

„Man wird halt nicht reich, aber wir können uns über Wasser halten

Braune Kartons stehen, liegen und lagern auch im Büro von Tapete Records. Aber hier lassen sie nur einen kleinen Gang durch den Flur frei, als wären sie noch beim Einziehen oder würden gleich wieder ausziehen. Dabei lebt das Musiklabel schon seit knapp neun Jahren in diesem Dachgeschoss in Hamburg-Altona - seitdem Dirk Darmstaedter und Gunther Buskies ihr Geschäft 2001 als GbR gegründet haben. Mittlerweile ist das Unternehmen Tapete Records eines der größten unabhängigen Plattenlabels mit fast 50 Musikern wie Tele, Bernd Begemann oder Superpunk und auch internationalen Künstlern. Doch richtig leben können beide davon immer noch nicht. Seit zwei Jahren zahlen sie sich immerhin ein monatliches Gehalt von 500 Euro aus, ihre Haupteinnahmen bleiben aber andere Geschäfte: Der 45 Jahre alte Darmstaedter, ehemals Frontmann von „The Jeremy Days“, lebt weiter vor allem von seiner Musik, die auch im Label der beiden erscheint. Der 37 Jahre alte Buskies, der zuvor als Produktmanager bei Universal Deutschland gearbeitet hat, betreibt ein zweites Label, mit dem er alte Platten, deren Rechte verfallen sind, wieder neu verlegt.

In ihrem Konferenzraum, der viel mehr an ein Wohnzimmer erinnert, sitzen Buskies und Darmstaedter nebeneinander auf einer mit einem roten Tuch bedeckten uralten Coach. Hinter ihnen stapeln sich die braunen Kartons mit alten CDs bis an die Decke. Ein Mahnmal, nicht wieder zu viele von ihnen zu pressen, nennen sie es lächelnd. Ihre Arbeit bedeutet ein hohes Maß an Selbstausbeutung. „Man wird halt nicht reich, aber wir können uns über Wasser halten“, sagt Buskies. Ihren Lebensstandard haben die Familienväter ihrem Verdienst angepasst. Haushalten mit knappen Mitteln ist sowieso ein Prinzip, das für Tapete Records gilt. Denn das Label hat nicht viel und kann deswegen auch nicht viel geben. „Wir erwarten von unseren Bands Kreativität in allen Bereichen“, sagt Darmstaedter. Jede Produktion muss im Vergleich zu den großen Plattenfirmen mit wenig Geld auskommen. Das gelingt, weil die Künstler Produzenten, Mischer und Kameramänner kennen oder mit ihnen befreundet sind, die bereit sind, auch mal für einen geringeren Lohn, aber dafür kreativer und mit einem höheren Anspruch zu arbeiten.

Ihren Angestellten zahlen sie ein höheres Gehalt als sich selbst

Ähnlich idealistisch starteten die Tapete-Manager auch ihren eigenen Kunstbetrieb: Sie sahen, dass manche, deren Musik sie gerne hörten, keine Plattenfirma fanden. Für diese wollten sie ein Hafen sein. Bald schwammen immer mehr Bands auf sie zu - wie die eine schwedische Combo, der ein DJ in Nürnberg empfahl, sich unbedingt an Tapete zu wenden, wenn sie in Deutschland erscheinen wollten. Kurz darauf flog Dirk Darmstaedter nach Stockholm und nahm sie unter Vertrag. Von 2002 an hat das Label fast 200 Platten veröffentlicht.

Mehr als zehnmal so viele Alben stapeln sich quer über dem Schreibtisch von Gunther Buskies, dem Buchhalter des Labels. Jedes Jahr und jedes Album rechnet er vorher durch und erstellt drei Prognosen: einen optimistischen, einen realistischen und einen schlechten Ablauf. Selbst im ungünstigsten Fall soll das Label weiterexistieren, wie auch jede Band nach einer schlecht verkauften Platte nicht in Schulden versinken darf. Wenn sie von einem Newcomer tausend Alben verkaufen, gilt ihnen das schon als Erfolg. Darmstaedter selbst setzt zwischen tausend und zweitausend CDs ab. Mit Buskies' Prognosen sind die beiden bislang gut gefahren, während ihr Geschäft stets langsam, aber kontinuierlich aus sich selbst heraus gewachsen ist.

Längst wuseln sie nicht mehr allein durch ihre Räume im Dachgeschoss und um die Kartons herum. Schon 2003 stellten sie zwei Auszubildende ein. Damit war ihnen klar, dass sie weiter zu wachsen hatten: Schließlich wollten sie beide übernehmen, was sie auch schafften - ihnen zahlen sie ein Gehalt, das höher ist als das der Chefs. Mittlerweile haben die beiden drei feste Mitarbeiter, zwei freie und stets zwei Praktikanten. Neben der reinen Veröffentlichung der Platten kümmern sie sich um die Pressearbeit und organisieren Konzerte. Im vergangenen Jahr kam Tapete auf einen Umsatz von 600 000 Euro, machte aber einen Verlust von 8000 Euro. Rücklagen haben sie keine.

Das Album soll manifestieren, dass sie sich gefunden haben

Coen kann seit ein paar Jahren von der Musik leben - von Soloauftritten, von Konzerten mit der Band, von der Arbeit als Musikerin im Theater. 2003 zog sie nach Weimar, um Umweltschutztechnik zu studieren. Sie wohnt hier im Grünen, umgeben von Wiesen und Bäumen, aber vor allem günstig.

Lange trat Coen vor allem allein mit einer Gitarre auf. Bis sie sich vor vier Jahren mit Jan Frisch, Philipp Martin und Fabian Stevens zur Alin Coen Band zusammenschloss. Allen ist in erster Linie wichtig, dass ihre Musik überhaupt erscheint, sagen sie. Gerade sind sie in ihrem kleinen Probenraum angekommen, der im verlassenen Gewerbegebiet der Stadt liegt. Wie oft sie sich verkauft, ist den meisten nicht so wichtig. Die CD soll manifestieren, dass sie sich gefunden haben.

Da hatte Alin Coen beim Frühstück schon erzählt, dass sie sich eigentlich eine Marke gesetzt hat: 8000 Alben, hat sie etwa berechnet, sollten sie verkaufen, um ihre Kosten dafür wieder hereinzubekommen. Verdammt viel für ein Debütwerk in Zeiten sinkender Plattenabsätze.

Keine Plattenfirma wollte sie

Der Wecker klingelt alle halbe Stunde - und im Büro des Tomte-Frontmanns Thees Uhlmann ist der Nächste an der Reihe. Mit Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff von der befreundeten Band Kettcar hatte er gerade die Grand Hotel van Cleef Musik GmbH gegründet. Sie hatten in Hamburg ein kleines 14-Quadratmeter-Büro zur Untermiete gefunden, die Schreibtische aus alten Restbeständen im Bekanntenkreis zusammengesammelt, aber sie hatten nur ein Modemkabel, mit dem sie sich ins Internet einwählen konnten. Und dieses tauschten sie fair - immer wenn der Wecker klingelte, war deswegen der Nächste dran.

Der mittlerweile 36 Jahre alte Uhlmann sitzt im Studio einer befreundeten Band in Berlin, wo er inzwischen lebt und arbeitet, und raucht zum Fenster hinaus, während er von ihren Anfängen erzählt. Sie wären schon zu einer großen Plattenfirma gegangen, aber die meisten wollten sie einfach nicht. Und wenn doch, dann nur mit schlechten Verträgen, sagt der Sänger mit den strohblonden Haaren und der Zahnlücke. Also nahmen sie 2002 zu dritt die Arbeit selbst in die Hand. Und weil ihnen für dieses Wagnis keine Bank einen Kredit geben wollte, lieh ihnen die Mutter von Marcus Wiebusch als Startkapital 5000 Euro. Damit konnten sie sich im kleinen Hamburger Büro einnisten und die erste Kettcar-Platte „Du und wieviel von deinen Freunden“ produzieren. Diese kam in die Charts und verkaufte sich gleich so gut, dass sie schon nach wenigen Wochen den Kredit wieder zurückzahlten. Auch das Tomte-Album „Hinter all diesen Fenstern“ im darauffolgenden Jahr fuhr ebenfalls auf einer solchen überraschenden Erfolgsspur.

Ohne Tomte und Kettcar bleibt der Umsatz gering

Seitdem hat das Musiklabel Platten von mehr als zehn Bands veröffentlicht, doch die Alben der Inhaber bleiben am wichtigsten: Tomte und Kettcar tragen in der Regel mehr als 90 Prozent zum Umsatz bei. Die Musik anderer Bands herauszubringen sei ihr Hobby, sagt Uhlmann. Mittlerweile können sich die drei Gründer auch ein Geschäftsführer-Gehalt zahlen und leben ordentlich von der Musik; die insgesamt zehn Mitarbeiter arbeiten in Hamburg, Berlin und Köln.

Im vergangenen Jahr betrug ihr Umsatz nur 112 000 Euro, allerdings erschien in dem Jahr auch keine Platte von Tomte oder Kettcar. „Trotzdem düster genug“, meint Uhlmann. „Sich CDs legal zu beschaffen hat einen ähnlichen Wert, wie an einer leeren Straßen bei Rot zu warten.“ Dass sinkende Plattenverkäufe dem Label zusetzen, haben sie früh erkannt. „Das CD-Geschäft wird über kurz oder lang tot sein. Lass uns ein Booking-Geschäft aufmachen“, sagte Marcus Wiebusch vor fünf Jahren. So organisiert ihr Label neben den Plattenverkäufen und ihrem Musikverlag eben wie Tapete Records auch Konzerte - das ist für Uhlmann der Eckpfeiler ihres Erfolgs.

Sie wollen doch nur Musik, die ihnen gefällt, herausbringen

Eigentlich hätte es für die Alin Coen Band gereicht. Doch mit ihrem Erstling, der vor drei Wochen erschien, sind sie ganz knapp an den Charts vorbeigeschrammt. In der ersten Woche hatten sie so viele CDs verkauft, dass sie in den Top 100 gelandet wären. Von den insgesamt 1300 Platten, die sie in der ersten Woche verkauft haben, liefen 800 Stück über Amazon - zu viel für einen einzelnen Händler, weswegen nicht alle davon gewertet wurden. Bislang haben mehr als 1500 Menschen ihre Debüt-CD gekauft. Trotzdem bleibt Alin Coen zufrieden.

Wie Darmstaedter, Buskies und Uhlmann wollen sie nach wie vor Musik, die ihnen gefällt, herausbringen. Das ist das, was sie bewegt und worauf sie am Ende des Tages stolz sind und sein werden.

Als die Alin Coen Band am Dienstag dieser Woche im Ponyhof, einem kleinen Schuppen in Frankfurt, spielte, füllte sich dieser bis zum Bersten. Kaum hundertfünfzig Menschen passen hinein, aber die waren dann auch drin. Bislang kamen zu den anderen Konzerten ihrer Herbsttour jeweils mindestens hundert Zuschauer, im Anschluss daran konnten sie stets 30 bis 40 Alben an den Fan bringen. So übernehmen sie auch noch die Aufgabe des Handels und verdienen daran mehr. Live werden sie weiter viele Platten verkaufen, schätzt sie und plant schon die kommenden Tour im nächsten Jahr. Alin Coen rechnet noch damit, dann ihre Marke von 8000 verkauften Alben zu erreichen. Sie haben alles in ihren Händen.

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Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft.

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