http://www.faz.net/-gqe-7711b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.02.2013, 07:53 Uhr

Seitenbacher Die Stimme für das Müsli

Willi Pfannenschwarz hat Seitenbacher mit unkonventioneller Radiowerbung zur Marke gemacht. Was mit einer Sorte Müsli begann, sind heute über 250 verschiedene Produkte.

von
© Seitenbacher Seine Stimme ist bekannt: der Gründer des Unternehmens Seitenbacher spricht seine Radiowerbespots selbst

Willi Pfannenschwarz will „Karle“ sterben lassen. Er sei sich noch nicht sicher, sagt der Gründer von Seitenbacher Naturkost, aber vielleicht nutze sich Karle als Werbefigur im Radio doch langsam ab. „Woischd Karle, du sollschd emol e Seitenbacher Müsli esse. Na hädschd auch net immer die Probleme mit deiner Verdauung.“ Die unkonventionelle Machart und der schwäbische Einschlag der Radiowerbung haben von Anfang an die Hörer polarisiert. Die Bekanntheit der Marke aber wuchs von Spot zu Spot, heute ist „Karle“ Kult. Pfannenschwarz produziert die Stücke nachts im heimischen Kellerstudio selbst, und er bespricht sie auch. Mehr als 300 hat er schon eingespielt. Um Trends schere er sich nicht, versichert Pfannenschwarz. Marktforschung, sagt er, sei „rausgeschmissenes Geld“. Simple Ideen, wie sein alljährlich zu Weihnachten ausgestrahlter Dank an die Kunden, würden mittlerweile von vielen Unternehmen nachgemacht.

Bernd  Freytag Folgen:

Pfannenschwarz ist Ende fünfzig, sein schütteres schwarzes Haar fällt schulterlang. Er könnte auch Hardrocker sein, und irgendwie ist er auch einer. Willi Pfannenschwarz passt in kein Raster: Gelernter Müller ist er und Musiker, ein gesundheitsbewusster Körneresser und Technikfreak, der noch heute fast alle Anlagen im Unternehmen selbst programmiert. Kaufmann und Philosoph zugleich, freundlich, fast schüchtern, als „argen Eigenbrötler“ bezeichnet er sich selbst. Sein Büro in einem schlichten Zweckbau in der Odenwälder Kleinstadt Buchen gleicht einem freundlichen Loft. Eine Glasfront, eine Chesterfield-Sofaecke, in der Ecke ein alter Tresor, schwarze Büromöbel, grüner Marmorboden, Lautsprecher und viel Technik. Ein übergroßer Flachbildschirm über dem Schreibtisch dient als PC-Monitor. So könnten alle Mitarbeiter bei Besprechungen mitreden, sagt er.

Viel Arbeit führt zum Erfolg

Willi Pfannenschwarz hat ohne Zweifel viele Talente. Manche behaupten sogar, er habe das Müsli in seiner heutigen Form überhaupt erst erfunden. 1980 wollte der Spross einer Müllerdynastie aus dem schwäbischen Waldenbuch nicht mehr nur Weißmehl aus der Mühle seines Vaters an die Bauern der Region verkaufen, sondern Vollkorn und Körnermischungen. Ihm sei damals klargeworden, sagt er, dass viele Zivilisationskrankheiten von falscher Ernährung kämen. So gründete er sein Unternehmen, benannt nach dem Flüsschen Seitenbach in seiner Heimatgemeinde Waldenbuch. Die erste „Spezialmischung“ gebe es noch heute im Sortiment. Er habe sie damals Müsli genannt, in Anlehnung an das Bircher Muesli aus der Schweiz.

Am Anfang war es schwer, räumt Pfannenschwarz ein, die Bauernkundschaft davon zu überzeugen, dass Vollkornmehl eben mehr sei als „Saumehl“. Übers Land sei er gefahren, habe Messen und Märkte besucht, lange um Wiederverkäufer geworben. „Geschafft, geschafft, geschafft“ hätten er und seine Frau, sagt er. Wer Erfolg haben wolle, müsse schon 10000 Stunden in eine Sache investieren. Die Ökobewegung war nach Pfannenschwarz’ Worten nie die Zielgruppe, schließlich hätten „die Studenten aus Freiburg“ damals noch alles selbst gemixt und keine fertigen Müslis gekauft.

Expansion nach Florida

Heute nennt der Seitenbacher-Chef ernährungsbewusste Familien und Menschen über 50 als wichtigste Kundengruppe. Das Sortiment ist auf mehr als 250 Produkte gewachsen, vom Müsli über Brot- und Backmischungen, Suppen, Soßen, Honig, Öle, Fruchtgummis bis hin zu Power-Riegeln und „Muscle Pasta“, die sein Sohn Harry unter dem Namen Harry-P-Fitness im amerikanischen Bundesstaat Florida an Kraftsportler vertreibt, mit dem eigenen Konterfei auf der Verpackung. Auch dort übrigens spricht Vater Pfannenschwarz die Radiospots selbst. „Seitenbacher - easy to eat, hard to spell“, so klingt das dann.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gründer aus Leidenschaft Zweitausenddreihundert Prozent Wachstum

Zubehör zu Smartphone und Tablet im Internet verkaufen - das kann fast jeder. Wie sich die Gründer Max Kronberg und Jens Wasel damit aber an die Spitze der deutschen Start-ups gearbeitet haben. Mehr Von Hendrik Wieduwilt

31.05.2016, 05:34 Uhr | Beruf-Chance
Flightradar24 Dem Flieger auf der Spur

Ein kleines Unternehmen aus Schweden arbeitet daran, den gesamten Flugverkehr der Erde aufzuzeichnen. Selbst die Zivilluftfahrtbehörde profitiert von den Daten. Mehr Von Florian Siebeck

24.05.2016, 15:50 Uhr | Technik-Motor
S&K-Prozess Warum Betrüger immer so übertreiben müssen

In Frankfurt stehen zwei junge Männer vor Gericht, weil sie Anleger um 240 Millionen Euro gebracht und alles in Autos, Frauen und edelsteinbesetzte Hundenäpfe investiert haben sollen. Das konnte nicht gutgehen. Mehr Von Denise Peikert

17.05.2016, 12:53 Uhr | Gesellschaft
Unternehmen Plötzlich waren sie Teil des Systems

Unter den Nazis ging es mit den Vileda-Erfindern Freudenberg moralisch bergab. Von der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen wussten selbst die Nachkommen nichts. Die Aufarbeitung fördert Erschreckendes zutage. Mehr Von Carsten Knop

15.05.2016, 15:41 Uhr | Aktuell
Auctionata Wenn das Erbe im Live-Video versteigert wird

Normalerweise werden erfolgreiche deutsche Start-ups von Amerikanern gekauft. Beim Online-Auktionshaus Auctionata läuft es nun anders. Mehr Von Jonas Jansen, Berlin

22.05.2016, 10:03 Uhr | Wirtschaft

Not-Millionen für die Milchbauern

Von Jan Grossarth

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt verspricht den Milchbauern hundert Millionen Euro „plus x“, weil die unter dem niedrigen Milchpreis leiden. Das wird den Bauern aber nicht viel helfen. Mehr 0


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Armut in Deutschland Vanessas grenzenlose Welt

Wie sieht Kinderarmut in Deutschland aus? Das kann man zum Beispiel bei Vanessa sehen. Da gibt es Eis, Spielplätze, genügend Geld bis zum Monatsende und eine Mutter, die alles für das Kind tut. Trotzdem fehlt es am Nötigsten. Mehr Von Nadine Bös 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“