22.04.2008 · Alle Welt redet von neuen Ölfeldern, die für den steigenden Energiebedarf gebraucht werden. Dabei sind viele alte Lager noch gar nicht ausgebeutet. Der hohe Ölpreis und der technische Fortschritt verlängern das Leben vermeintlich ausgelaugter Ölreservoirs.
Von Christian SchubertDie Ölplattform Alywn in der Nordsee hat in den vergangenen Jahren viel Rost angesetzt. Am sogenannten "Kopf des Bohrlochs", dort, wo das Gemisch von Rohöl, Gas, Wasser, Kondensaten und Kohlendioxid in den Pipelines aus dem Meer aufsteigt und in ein Gewirr von Rohren, Tanks und Pumpen eintritt, macht die bröckelnde Farbe der Korrosion Platz. "Ich gebe zu, dass es nicht sehr neu aussieht", sagt Bill Cardno, Leiter der Ölplattform des französischen Konzerns Total. "Doch die Technik hier ist voll funktionsfähig und sicher. Das bestätigen uns die Prüfer, die unsere Anlagen alle sechs Wochen unter die Lupe nehmen", berichtet der schottische Manager.
Alle Welt redet von neuen Ölfeldern, die für den steigenden Energiebedarf gebraucht werden. Dabei sind viele alte Lager noch gar nicht ausgebeutet. Nun erlauben es der technische Fortschritt und der steigende Ölpreis, aus den vermeintlich ausgelaugten Fördergebieten mehr herauszuholen. "Als wir hier 1987 mit der Ölförderung anfingen, dachten wir, dass das Feld 15 bis 20 Jahre hält. Heute können wir mit weiteren 20 Jahren rechnen", freut sich Cardno. Die Plattform Alwyn erlebt daher ihren zweiten Frühling. Gerüste werden gebaut, Wände gestrichen und neue Wohneinrichtungen für die Arbeiter angefügt. Vor allem aber: Neue Rohre werden verlegt, denn von immer weiter entfernten Bohrstellen pumpen die Arbeiter Öl und Gas kilometerweit an, um es auf Alwyn zu trennen, zu behandeln und an Land weiterzuleiten. Neue Messmethoden sowie verfeinerte Bohrtechniken in alle Richtungen und Tiefen von bis zu sieben Kilometern verlängern der Nordsee das Leben als Ölreservoir. Bisher konnten bei typischen Ölfeldern häufig nur 20 bis 30 Prozent der Vorkommen gefördert werden. "Heute sind beispielsweise bei einem Feld wie Ecofisk in der norwegischen Nordsee mehr als 50 Prozent möglich", sagt Yves-Louis Darricarrère, der Chef der wichtigsten Total-Konzernsparte Exploration und Produktion.
Ein neues Ölfeld namens Jura
Total wird im Mai oder Juni - nur rund eineinhalb Jahre nach der Entdeckung - im nördlichen Teil der Nordsee ein neues Ölfeld namens Jura anpumpen, das die Reserven von Alwyn um 50 Prozent erhöht. Zudem nehmen die Franzosen zusammen mit anderen Unternehmen erstmals vielversprechende Bohrungen westlich der Shetland-Inseln vor. Auch die Konkurrenz ist daher zuversichtlich. "Einige unserer Anlagen sind 32 Jahre alt, doch wir sind immer noch sehr aktiv in der Nordsee. Wir befinden uns in einem lebhaften mittleren Alter", sagt eine Sprecherin von Shell.
Auf der Plattform Alwyn, 440 Kilometer nordöstlich des schottischen Aberdeen, herrscht an diesem sonnigen April-tag reges Treiben. Nicht nur wegen des guten Wetters ist die Stimmung unter den 280 Mitarbeitern gut. Der gestiegene Ölpreis und die dadurch ausgelösten Investitionen haben die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt angefeuert und die Gehälter steigen lassen, so dass ein einfacher Techniker umgerechnet durchaus rund 100.000 Euro im Jahr verdienen kann. Der Arbeitsalltag auf der künstlichen Insel, die zweieinhalb Hubschrauber-Stunden von der Küste entfernt liegt, ist auch nicht mehr ganz so hart wie früher. Die Schicht besteht aus zwei Wochen Plattform-Dienst und zwei bis drei Wochen Landurlaub. Vor zwanzig Jahren war die Arbeitsschicht meistens noch vier Wochen lang. Die Arbeiter schlafen in Zweibett- und nicht mehr in Vierbettzimmern. In der - allerdings knapp bemessenen - Freizeit auf der Plattform stehen Internet- und Telefonverbindungen, Fernsehen in allen Schlafzimmern, ein Fitness- und ein Billardraum zur Verfügung. "Vor zwanzig Jahren hatten wir das alles noch nicht", berichtet Cardno.
Auch die Zulieferer sind teuer geworden
Die Ölkonzerne klagen, dass aufgrund des Investitionsbedarfs nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch die Zulieferer teuer geworden seien; etwa das Mieten von Bohrschiffen oder der Hubschrauberverkehr zu den Plattformen. Seit 2005 seien die Kosten für die Entwicklung und Produktion in der britischen Nordsee um 70 Prozent gestiegen, berichtet der Branchenverband Oil and Gas UK. Das modernste Bohrgerät kann heute 460.000 bis 500.000 Dollar am Tag kosten - dreimal soviel wie vor drei bis vier Jahren. Der gestiegene Preis für Stahl, der für die Plattformen und Rohrleitungen in großen Mengen gebraucht wird, tut ein Übriges.
Der Ölpreis sei daher zwar ein Segen, doch durch die gestiegenen Kosten verbessere sich die Umsatzrendite nicht dramatisch, beteuern die Ölkonzerne. Bei einem durchschnittlichen Preis von 72 Dollar je Fass der Sorte Brent erzielte Total im vergangenen Jahr in der Exploration und Produktion einen bereinigten Betriebsgewinn von 19,5 Milliarden Euro. Zwei Jahre zuvor, als der Ölpreis um ein Viertel niedriger war, fiel der Betriebsgewinn nur um 5 Prozent geringer aus.
Die neuen Felder sind meist recht klein
Dennoch: Der hohe Ölpreis und die dadurch erzielten Einnahmen erleichtern die Finanzierung neuer Investitionen, denn der hohe Cashflow macht die Konzerne zuversichtlicher. Die Frage ist dann nur, in welche Regionen die neuen Mittel fließen sollen. Wenn in der Nordsee heute neue Felder gefunden werden, dann sind sie meistens recht klein. Andererseits besteht schon eine Infrastruktur von Ölplattformen und Pipelines, die ihre Erschließung günstig macht. Kleinere Unternehmen kaufen den großen Ölförderern dabei zunehmend kleine Bohrinseln ab, weil sich die Ausbeute für die Konzerne nicht mehr lohnt. Knifflige Fragen wie die Verantwortung für die spätere Entsorgung der Anlagen müssen zwar noch geklärt werden, doch der Auftritt neuer Anbieter zeigt, wie viel Leben in die Ölbranche gekommen ist.
Der Kampf gegen das Alter ist somit die Hauptaufgabe des 52 Jahre alten Plattform-Managers Cardno. "Die Instandhaltung ist eine große Herausforderung". Die Logistik bereitet aufgrund der großen Distanz zur Küste Kopfzerbrechen. Und dann hat man auch immer wieder gegen die Widrigkeiten der Natur zu kämpfen: Als es kürzlich galt, eine neue Pipeline anzuschließen, brach die Befestigung fünfmal aufgrund des hohen Wellengangs ab. "Wir haben vier Monate damit gekämpft", sagt Cardno. Die Nordsee gilt aufgrund des schlechten Wetters als eines der schwierigsten Fördergebiete der Welt. Wellen, die bei einem Sturm 1995 dreißig Meter hoch waren, sowie Kälte und tagelanger Nebel machen die Arbeit zu einem Kampf mit den Elementen. Doch bei einem Ölpreis von über 100 Dollar wissen die Arbeiter zumindest, wofür sie kämpfen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.375,83 | −1,31% |
| Dow Jones | 12.459,10 | −0,97% |
| EUR/USD | 1,2428 | −0,48% |
| Rohöl Brent Crude | 103,91 $ | −2,75% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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