09.02.2010 · Die Schweizer Banken sind in Verruf geraten. Öffentlich reden sie gerne über ihre „Weißgeld“-Strategie. Doch sie bleiben hinter ihrem Anspruch zurück.
Von Jürgen Dunsch, ZürichDie Schweizer Banken sind durch die Diskussion um den Datenkauf der Bundesregierung in Verruf geraten. Nun gehen sie selbst in die Offensive - nicht nur die Credit Suisse (CS), die im Zentrum des aktuellen Falles um Steuerhinterziehung steht. "Wir verfolgen konsequent eine Weißgeld-Strategie", tönt es unisono aus den Schweizer Banken. Und dies nicht erst seit dem vergangenen Jahr, als die Regierung in Bern ein solches Bekenntnis als Programmpunkt ihrer Finanzplatzstrategie formulierte. Kenner der Schweizer Bankenszene unterschreiben das Weißgeld-Bekenntnis; ihrer Meinung nach war die UBS das letzte bedeutende Geldhaus, das aktiv Schwarzgeld aus dem Ausland anlockte, bis der "Fall Birkenfeld" in den Vereinigten Staaten diesem Treiben ein Ende setzte. Am Schluss stand hier eine Vereinbarung beider Staaten über die Auslieferung von 4450 UBS-Kundendaten.
Auch wenn sich die Schweizer Banken heute um ein Image als Saubermänner bemühen, so bleibt doch die Erinnerung an eine wenig ruhmvolle Vergangenheit. Dies gilt, abgesehen von den Vermögen "ganz normaler" Steuersünder, für Potentatengeld, Mafiavermögen und Parteispendern. 2006 schrieb der Journalist Leo Müller das Buch "Tatort Zürich". Darin kam unter anderem die CDU-Parteispendenaffäre zur Sprache. Helmut Kohl wurde nach seinem Ausscheiden als Bundeskanzler in den Internationalen Beirat der Credit Suisse berufen. Weiter erwähnt der Autor die CDU-Politiker Walther Leisler Kiep, Manfred Kanther und den heutigen Finanzminister Wolfgang Schäuble, "der Treffen mit dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber zugeben musste und sich mit der CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister darüber stritt, wie eine Bargeldgabe über hunderttausend Mark von dessen Zürcher Konto in die Parteikasse gelangte".
Weißgeld-Strategie erstreckt sich auf Neugeld
Die Credit Suisse hat sich nach eigenen Angaben vor gut fünf Jahren klar auf den Tugendpfad des deklarierten Geldes begeben. Das zeige Wirkung: 2009 stammten nur noch fünf Prozent des neu in der Schweiz angelegten Geldes oder rund 3,4 Milliarden Euro aus den Industriestaaten. Stattdessen trieb die CS das Geschäft in den Heimatländern der Steuerzahler voran. In Deutschland zum Beispiel unterhält die Credit Suisse heute 13 Stützpunkte. Zur Ertragslage in diesem "Onshore-Banking" macht die Bank keine Angaben, sie dürfte aber wie in anderen Häusern noch defizitär sein.
Die Schweizer Weißgeld-Strategie erstreckt sich in erster Linie auf Neugeld, obwohl die Schweizer Banken natürlich keine Steuerauskünfte verlangen. Ungelöst bleibt aber die Frage der Altvermögen, denn die Credit Suisse weist wie andere Banken keinem langjährigen deutschen Kunden die Tür. Für die Altvermögen hatte Italien im vergangenen Jahr die Möglichkeit einer Teilamnestie eröffnet. In Deutschland sei dies "politisch nicht vermittelbar", schätzt man in Zürich.
Den CS-Konzern betreffend darf die Tochtergesellschaft Clariden Leu nicht vergessen werden, die auf reichere Klientel zielt. Dabei nutzt Clariden Leu die Infrastruktur ihrer Muttergesellschaft. Die Sicherheit im Bankkonzern werde laufend überprüft und verbessert, versichert die CS. Nummernkonten bieten in der Schweiz einen zusätzlichen Schutz, da deren Inhaber nur einem kleinen Kreis von Mitarbeitern bekannt sind. Aber im weiteren IT-Bereich beschäftigt die CS allein 14 000 Leute, hinzu kommen Kundenberater, die sich auch gegenseitig vertreten - dies eröffnet zahlreiche Einfallstore für Kriminelle, zumal die Umschichtung im Zuge der Finanzmarktkrise so manchen Mitarbeiter frustriert zurückließ.
Die Verunsicherung ist groß - die Versuchung auch
Die Banken verwalten in der Schweiz rund 2,4 Billionen Franken Auslandsvermögen, heißt es in der jüngsten Aufstellung der Nationalbank. Davon entfallen knapp 700 Milliarden (475 Milliarden Euro) auf private Anleger. 30 bis 50 Prozent des Geldes soll nach Schätzungen nicht deklariert sein. Private und institutionelle Auslandsinvestoren haben 600 Milliarden Franken in Anleihen angelegt, der bevorzugten Anlage konservativer Schwarzgeldbesitzer.
"Jeder will nur noch versteuerte Vermögen, aber die Wirklichkeit bleibt dahinter zurück", meint ein in Zürich gut vernetzter Banker. Die Versuchung, solches Geld in der Bank zu halten, ist groß. Nach der Einschätzung von Experten winken überdurchschnittliche Gewinnmargen, weil die Kunden "pflegeleicht" sind: Sie erhalten keine Post, haben nur wenig Kontakt zur Bank und akzeptieren hohe Gebühren. Hinzu kommen die Realitäten des Alltags. Bankkunden sind stark auf ihre Berater ausgerichtet. Wenn Banken, wie erklärtermaßen Julius Bär, erfahrene Kundenbetreuer suchen, sollen diese auch Kunden mitbringen. Da wird kaum eine Bank die Schwarzgeldinhaber aussondern wollen. Aber die Verunsicherung am Finanzplatz ist groß. Da tauchen dann schnell E-Mails auf wie jene, in denen ein "H. Hugentobler" einem Mitarbeiter der Credit Suisse schreibt: "Möglicherweise bestehen von Ihnen bzw. von Ihren Kollegen ein Interesse, gewisse Daten auf einer CD zu erhalten. Vor allem, wenn dadurch der Transfer der Daten ins Ausland verhindert werden kann. Die Öffentlichkeit wird davon selbstverständlich nichts erfahren."
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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