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Schwarz-Gruppe kauft Tönsmeier : Lidl-Mutterkonzern steigt in das Geschäft mit dem Müll ein

Greencycle verwertet jedes Jahr 150.000 Tonnen PET-Getränkeflaschen. Bild: Tomra Systems ASA

Ein neues Gesetz verspricht, den Müll-Markt in Zukunft wieder attraktiver zu machen. Das Entsorgungsgeschäft will sich auch die Schwarz-Gruppe nicht entgehen lassen.

          Die Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm, einer der größten Lebensmittelhändler der Welt, übernimmt das Abfallunternehmen Tönsmeier. Damit kommt die Gruppe, zu der die Discountkette Lidl und der Großflächenhändler Kaufland gehören, einen wichtigen Schritt beim Ausbau ihres Entsorgungs- und Recyclinggeschäfts voran. Die mit der Eigentümerfamilie Tönsmeier vereinbarte Übernahme bedarf noch der Genehmigung durch die Kartellbehörden, wie die Schwarz-Gruppe mitteilte.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Den Einstieg bei Tönsmeier, der Nummer 5 auf dem deutschen Entsorgungsmarkt, vollzieht die Schwarz-Gruppe über ihr Tochterunternehmen Greencycle. Der Recyclingdienstleister organisiert die Sammlung, Sortierung und Verwertung von jährlich rund 2 Millionen Tonnen Wertstoffen, die in den Filialen von Lidl und Kaufland anfallen. Neben 150.000 Tonnen PET-Getränkeflaschen gehören dazu auch Transportverpackungen aus Pappe und Plastik. Greencycle beschäftigt 150 Mitarbeiter und unterhält fünf Werkstoffhöfe mit Pressanlagen. Von der Schwarz-Gruppe werden zwei PET-Recyclinganlagen in Übach-Palenberg bei Aachen sowie im Vogtland betrieben. „Greencycle verfolgt eine klare Wachstumsstrategie und möchte sich verstärkt als Treiber der Kreislaufwirtschaft und mit nachhaltigen Innovationen am Markt etablieren“, sagte Greencycle-Geschäftsführer Dietmar Böhm. Durch den Erwerb von Tönsmeier wolle man die Kreislaufsysteme weiter schließen und die Recyclingfähigkeit vorantreiben. Neben den Aktivitäten für die Schwarz-Gruppe ist Greencycle für andere Unternehmen als Entsorgungsdienstleister tätig.

          Auch in der klassischen Müllabfuhr tätig

          Die Tönsmeier-Gruppe mit Sitz im nordrhein-westfälischen Porta Westfalica stand seit März zum Verkauf. Als Interessenten wurden unter anderem der Branchenführer Remondis, die deutsche Tochtergesellschaft der französischen Veolia und der niederländische Finanzinvestor Waterland gehandelt. Das Gesamtpaket von Greencycle habe am meisten überzeugt, stellte Haupteigentümer Jürgen Tönsmeier fest. „Tönsmeier hat jetzt beste Chancen, unter dem neuen Eigentümer weiterhin profitabel zu wachsen.“

          Tönsmeier ist in Deutschland, den Niederlanden und Polen tätig. In der klassischen Müllabfuhr ist das Familienunternehmen mit seiner Flotte von mehr als 1100 Fahrzeugen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Bayern und Sachsen-Anhalt unterwegs. Zudem werden Sortier- und Aufbereitungsanlagen für Kunststoffabfall, Altglas und Metallschrott betrieben. Als besonders ertragsstark gilt eine große Müllverbrennungsanlage in Sachen-Anhalt. Im vergangenen Jahr wurden mit mehr als 3000 Mitarbeitern rund 500 Millionen Euro umgesetzt. Das Ergebnis nach Steuern lag im leicht zweistelligen Millionenbereich.

          Verpackungsgesetz verspricht bessere Geschäfte

          Der deutsche Entsorgungsmarkt befindet sich in einem größeren Umbruch. Auch das Duale System Deutschland, besser bekannt als Grüner Punkt, steht seit langem zum Verkauf. Hier gilt Remondis als heißer Kandidat für eine Übernahme, muss aber harte Auflagen oder gar ein Veto der Kartellbehörden befürchten. Die dualen Systeme organisieren die Erfassung und Sortierung von Verpackungsmüll, wofür sie von Handelsunternehmen und Industrie Entsorgungsgebühren kassieren, um daraus die von ihnen beauftragten Entsorger und Recyclingunternehmen zu bezahlen. Mit dem Bonner System ELS hat es vor kurzem eine erste Insolvenz gegeben. Über eine Auffanglösung stellen die verbleibenden neun Anbieter sicher, dass keine gelben Säcke und Tonnen stehen bleiben. Das neue Verpackungsgesetz mit einer Verdoppelung der Recyclingquoten und strengeren Kontrollen, die Gebührenprellern das Handwerk legen sollen, verspricht in Zukunft wieder bessere Geschäfte – zu Lasten von Handel und Industrie, die voraussichtlich tiefer in die Tasche greifen müssen.

          Auch darauf scheint sich die Schwarz-Gruppe, die ihre Verpackungen bisher bei Interseroh, einer Tochtergesellschaft des Berliner Entsorgungsunternehmens Alba lizenziert, einzustellen. Brancheninsider berichten, dass sie ein eigenes duales System aufmachen will. Dazu könnten Lidl und Kaufland nach einem der verbliebenen Anbieter greifen. Die Sprecherin der Schwarz-Gruppe wollte dazu am Montag keine Stellungnahme abgeben. „Der Markt für die dualen Systeme sortiert sich neu“, hieß es an anderer Stelle. Man stehe am Anfang einer größeren Konsolidierungswelle. Schwarze Schafe, die bisher versucht hätten, Lücken im Gesetz auszunutzen, stünden schweren Zeiten gegenüber.

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