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Veröffentlicht: 21.10.2015, 19:13 Uhr

Schuhkauf 4.0 Selbst gestalten, sofort produzieren

Der Anlagenbauer Manz liefert Adidas Technik, die das Einkaufen revolutionieren soll. Die Anleger sind elektrisiert. Sie versprechen die Fabrik der Zukunft.

von , Stuttgart
© Bloomberg Die Zukunft wird noch bunter: Schuhe im eigenen Design soll es künftig auf Knopfdruck geben.

Sportschuhe sind knallig. Pink auf dem Fußballrasen, neonorange fürs Joggen im Herbstwald, das ist der Normalfall. Aber wäre es nicht toll, auf dem Laufband im wohlig warmen Sportstudio Schuhe mit Laubmuster zu tragen? In den leuchtenden Gelb-Gold-Rot-Tönen dieser Tage? Adidas macht das möglich und stanzt auf Wunsch auch noch eines der Blätter aus, druckt den Namen des Kunden ein oder bringt das Logo der Laufgruppe auf. Was wie eine ziemlich teure Vision klingt, ist eine bald greifbare Spielart dessen, was man Industrie 4.0 nennt: die Revolutionierung der Produktion in einer Weise, dass auch die Losgröße 1 möglich ist, die Herstellung von Einzelstücken in Preiskategorien eines Massenprodukts.

Susanne Preuß Folgen:

Im Fall von Adidas liefert die Technik dafür der schwäbische Maschinenbauer Manz. Seit Anfang 2014 tüfteln die Manz-Ingenieure an der Lösung, gemeinsam mit dem Adidas-Zukunftsteam unter der Leitung von Gerd Manz – der weder verwandt noch verschwägert ist mit Dieter Manz, dem Gründer und Hauptaktionär der Reutlinger Manz AG. Jetzt ist die Kooperation von Manz und Adidas offiziell besiegelt worden, und sie weckt Phantasien bei den Anlegern des Maschinenbauers.

Individuelle Kundenwünsche realisieren

Mit einem Kursplus von gut 9 Prozent auf Werte über 62 Euro wurde die Mitteilung zunächst gefeiert. Am Nachmittag lag der Tec-Dax-Wert Manz in einem schwachen Börsenumfeld immer noch mit fast 7 Prozent über dem Vortageskurs. Auch andere Hersteller könnten an der Technologie interessiert sein, wurde sogleich spekuliert. Schließlich ist die Idee vom „Mass Customizing“, von der Massenproduktion von Unikaten, nicht neu.

Von „Me-Volution“ schrieb der Zukunftsforscher Matthias Horx mit Blick auf die Individualisierung des Konsums: „Sie greift langsam, aber sicher auf die Produktionsbedingungen über“, konstatierte Horx schon im Jahr 2007. Tatsächlich wird überall an der Fabrik der Zukunft gearbeitet, in der individuelle Kundenwünsche problemlos realisierbar sind.

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Mercedes beispielsweise plant schon jetzt, dass der Autokäufer in nicht allzu ferner Zeit direkt Einblick in den Produktionsprozess seines Wagens nehmen und bis zur letzten Minute Änderungswünsche in die Produktionsplanung einspeisen kann. Der Roboter, der in den modernen Fabriken Seite an Seite mit den Arbeitern tätig ist, bringt das nötige Material dann punktgenau ans Fließband.

Oft hapert es noch an der Umsetzung

Andere Branchen sind ebenfalls aktiv. Auf der Hannover Messe, die sich in diesem Jahr ganz dem Thema Industrie 4.0 widmete, stellten Siemens, Festo und der Abfüllanlagenspezialist Optima eine Maschine vor, die das Mischen von Düften zum Parfüm-Unikat ermöglicht.

Mit der Umsetzung hapert es oft noch, weil die Massenproduktion weiter günstiger ist. Der weitaus größte Teil der Sportschuhe (nicht nur von Adidas) kommt aus Asien, vor allem aus Vietnam, Indonesien und China. Das Problem: Bis die Schuhe per Schiff um die halbe Welt geschippert wurden, stellt sich oft heraus, dass eine Modeerscheinung gar nicht zur Mode wurde. Ein erheblicher Teil des Produktionsvolumens muss daher verramscht werden, was den Gewinn entsprechend drückt.

Mit der „Speedfactory“, die Manz nun für Adidas ausrüstet, soll das anders werden. Künftig können die Kunden zu Hause vor dem Computer oder am Tablet kreativ werden und, ausgehend von einem komplett weißen Sportschuh, ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Stanzen und Aussparen, Auftragen und Abtragen von Material und natürlich Bedrucken sollen frei nach Gusto möglich sein. Was die Kunden an Mustern hochladen, wird von den Manz-Maschinen in ein Produktionsprogramm umgewandelt. Wenige Tage später werden die Schuhe ausgeliefert. Im Jahr 2016 werde es die erste Speedfactory in Deutschland geben, heißt es bei Manz, ein Jahr später ist Amerika dran, danach werden sukzessive weitere für Adidas wichtige Märkte erschlossen.

Visionen von Schuster 4.0 und „Fabrikator“ im eigenen Keller

Neben diesen marktnahen Fabriken plant der Sportartikelhersteller zudem auch noch die „Storefactory“, eine Art Schuster 4.0, der direkt im Sportfachhandel die Kundenwünsche realisieren soll, noch unmittelbarer erlebbar. Noch individueller wäre dann wohl nur der „Fabrikator“ im Keller jedes Verbrauchers, den sich Horx 2007 vorstellte, „der uns – simsalabim – eine hochindividualisierte Salami, ein Massageöl oder einen Rührmix ganz nach unserem Geschmack produziert“.

Für Manz kommen solche Visionen im richtigen Moment. Der Maschinenbauer, spezialisiert auf hochpräzise Maschinen und auf Automatisierung, musste wegen des Niedergangs der deutschen Solarindustrie neue Kunden suchen. Mit dem Smartphone-Boom füllten Hersteller von berührungsempfindlichen Bildschirmen die Lücke schnell; auch Apple gehört dazu. Gleichwohl sackte der Umsatz im ersten Halbjahr um mehr als ein Viertel auf 122 Millionen Euro ab, und im August musste Manz einräumen, dass es in diesem Jahr wohl wieder keinen Gewinn geben wird. Wenig spricht also dafür, dass der Bericht zum dritten Quartal, den Manz am 11. November veröffentlichen wird, besonders positiv ausfällt.

Der neue Großkunde Adidas wird erst im nächsten Jahr zum Umsatz beitragen und wahrscheinlich auch erst in bescheidenem Umfang – im nächsten Jahr ist auch erst die erste Pilot-Fabrik geplant. Erst mittelfristig dürften zweistellige Millionenbeträge fließen. Der Optimismus von Unternehmensgründer Dieter Manz aber ist groß: „Hier sehe ich für unser Unternehmen ein gutes Entwicklungspotential.“

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