Spielzeugfreund, Autobegeisterter und Geheimniskrämer - wer als Konstrukteur beim Modellhersteller Schuco arbeitet, trägt mindestens diese drei Eigenschaften in sich. Dass Begeisterung am Spiel und am Auto nötig sind, wenn das Entwerfen und Fertigen von Miniaturfahrzeugen in den Maßstäben 1:8, 1:43 oder 1:87 zum Beruf gehören, liegt nahe. Verschwiegenheit steht im Kontrast zur Euphorie, mit der Tausende Väter und Großväter über die Spielzeugmarke schwärmen, die in diesem Jahr seit 100 Jahren besteht.
Für die Heimlichtuerei sind andere Autobegeisterte verantwortlich. Es sind die Produzenten der großen Vorbilder von Mercedes, Porsche und Volkswagen. Sie wollen das Aussehen ihrer künftigen Modelle möglichst lange verbergen, Neuwagenkäufern aber schon am ersten Abholungstag eine Miniatur als Beigabe bieten. Für die kleinen Abbilder ist Schuco der schweigsame Partner.
Einst bekam der Blechspielwarenhersteller Planzeichnungen der Konzerne geschickt, heute werden CAD-Dateien nach Fürth gegeben. Welche Formen für Kotflügel oder Heckklappe eingezeichnet sind, unterliegt Geheimhaltungsvorschriften. Erst recht gibt das Unternehmen nicht preis, an welchen Miniaturen die Schuco-Kontrukteure demnächst tüfteln. Das Geschäft mit den kleinen Wagen im Auftrag großer Konzerne ist zur Säule des Unternehmens geworden. Nach Blütejahren in der Nachkriegszeit hatte Schuco eine düstere Epoche durchlitten. Seit gut zehn Jahren ist der Hersteller als Teil der Simba-Dickie-Gruppe in die sichere Spur zurückgelangt.
Mehr Sammler- als Spielzeugmarke
Für eine Generation des VW Passat baut Schuco heutzutage schon mal 200.000 Modelle in verschiedenen Lackierungen, Eigenentwicklungen starten hingegen meist mit einer Auflage von 3.000 und werden in Serien mit 1.000 Exemplaren nachproduziert. „Ein neues Modell zu entwickeln kostet viel Geld“, berichtet Heinrich Sieber. Von 1999 bis 2004 leitete er die Geschicke der Traditionsmarke und ist Liebhaber der kleinen Blechwagen geblieben.
Im fränkischen Cadolzburg hat er im Ruhestand ein Privatmuseum eingerichtet - und dafür Werte aus einem Jahrhundert Schuco zusammengetragen. Teuer ist beim Bau der kleinen Wagen nicht das 0,3 Millimeter dicke Blech, sondern die Arbeit an den Werkzeugen, die die kleinen Wagen in Form bringen. „Nur für den Fachhandel lohnt das kaum noch“, räumt Sieber ein.
Ohne die Großaufträge aus der Industrie wären nur wenige Erweiterungen des Sortiments möglich. Denn 100 Jahre nach der Gründung ist Schuco mehr Sammler- als Spielzeugmarke. Die Mini-Autos seien „Weihnachtsgeschenke, die Kinder ihren Eltern machen können“, sagt Sieber. An seltene Exponate dürfte er dabei nicht gedacht haben. Eine Sonderserie mit zwei Mercedes-Modellen in einer Holzschatulle, von der der Bayerische Rundfunk einst 150 Stück bestellte, wird auf Sammlerbörsen für 17.000 Euro gehandelt.
Der Silberpfeil ist das meistverkaufte Modell
In den 1930er Jahren und in der Nachkriegszeit war Schuco Spielzeug für die Massen. Vater des Erfolgs war Heinrich Müller, ein Kaufmann, der lieber detailversessen tüftelte, statt akribisch Geschäftsbücher zu führen. Um das Finanzielle kümmerte sich Heinrich Schreyer, von dem keine bahnbrechende Erfindung überliefert ist. Er hatte das Unternehmen 1912 unter dem Namen Schreyer & Co gegründet - später wurde daraus die Kurzform Schuco. Mehr als 200 Innovationen ließ Müller eintragen - darunter die Technik für das Wendeauto, das nicht vom Tisch rollen konnte oder das sogenannte Kommandoauto, das auf Pfiffe reagierte. „Durch ausgeklügelte Funktionen hat Schuco begeistern können“, schwärmt Sieber. Heinrich Müller war quasi der Wilhelm Maybach des Modellautobaus. Die plüschigen Anfänge des Unternehmens sind dagegen fast vergessen.
In den ersten zwei Jahrzehnten der Schuco-Geschichte dominierten allerlei Tiere das Sortiment. Schreyer & Co. brachte einen Teddy auf den Markt, erster Verkaufshit war ein Vogel aus filzbespanntem Blech, der auf den schrägen Namen Pick-Pick hörte. Auch lieferte Schuco tanzende Mäuse und hüpfende Terrier. Dann wurde der Autorennsport populär, die deutschen Starter fuhren oft dem Feld vorweg. Der Mythos vom Silberpfeil auf der Straße und das Miniatur-Abbild im Kinderzimmer wurden zum Erfolgsduo. Während Rudolf Caracciola für Mercedes Sieg um Sieg einfuhr, erhielten die Modelle Einfahrt in die Spielstuben. Bis heute ist der Silberpfeil des meistverkaufte Schuco-Model. „Davon wurde zu Spitzenzeiten 1.500 am Tag und insgesamt Millionen hergestellt“, berichtet Sieber.
Dennoch verblasste der Glanz der Marke über die Jahre. „Der Werkstoff Blech war irgendwann einfach nicht mehr angesagt“, sagt Sieber. Wettbewerber formten Modelle aus Kunststoff detailgetreuer und vor allem günstiger. Schuco versuchte die Wende mit Elektro- statt Aufziehgetrieben. Das rettete nicht vor der Insolvenz 1976 und der anschließenden Schlingerfahrt. Der Neueigentümer, die britische DCM-Gruppe, stand vier Jahre später selbst vor der Zahlungsunfähigkeit. Schuco wurde zur kleinen Schwestermarke des Modelleisenbahnherstellers Trix, der später ebenfalls Hilfe benötigte und unter das Dach von Märklin schlüpfte. Dort war für Blechautos kein Platz, die Fürther Simba-Dickie-Gruppe kaufte die Marke - und gab ihr in Sammlerkreisen alten Glanz zurück.
Simba-Dickie-Inhaber Michael Sieber, den der Name aber keine Verwandtschaft mit seinem früheren Markenchef verbindet, sieht Schuco zusammen mit Steiff und Märklin als Spitzentrio unter den Klassikern der deutschen Spielwarenwelt. Da passt es ins Bild, dass er aktuell die Bücher des Göppinger Modellbahnherstellers prüft, der zur Schwestergesellschaft von Schuco werden könnte. Die passenden Autos zu den Zügen hat er schon im Programm. „Das Segment mit den Modellen im Maßstab 1:87 hat Schuco kräftig ausgebaut, die verkaufen sich am besten“, sagt Heinrich Sieber. Obwohl er nicht recht glaubt, dass Kinder wieder eine Liebe zu Blechwagen entwickeln, verbindet er mit den Autos in der Modellbahngröße H 0 die Hoffnung, jüngere Kunden zu Schuco-Anhängern zu machen.
