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Schokoladenproduzent Alfred Ritter „Wir haben die besseren Haselnüsse“

08.07.2007 ·  Alfred Ritter ist nicht nur Schoko-Fabrikant, sondern auch Öko-Aktivist. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über die Lust auf Süßes, den Frust über die Erderwärmung und den Geschmack der Chinesen.

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Alfred Theodor Ritter ist mehr als ein Schoko-Fabrikant der gleichnamigen Marke. Der Enkel des Firmengründers ist in Zeiten der Debatte um den Klimawandel auch Öko-Aktivist. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über die Lust auf Süßes, den Frust über die Erderwärmung und den Geschmack der Chinesen.

Herr Ritter, die Deutschen lieben Schokolade, essen aber immer weniger davon.

Das ist leider richtig.

Wie erklären Sie sich das?

Das Branchen-Absatzminus von sieben Prozent in diesem Jahr hat unter anderem mit den hohen Temperaturen zu tun. Wir hatten von September bis Juni zehn Monate in Folge, die wärmer waren als der Durchschnitt.

Jedes Grad zusätzlich kostet Sie Millionen.

So kann man es sagen.

Erderwärmung, Demographie - Ihre Geschäftsbasis schmilzt.

Ja, wir sind schon betroffen. Der Klimawandel und die geringer werdenden Geburtenraten, das alles belastet unser Geschäft. Aber wir hoffen, unseren Marktanteil zu halten beziehungsweise zu steigern.

Sie sind mit 23 Prozent noch immer Marktführer, oder?

Derzeit ist Milka im Segment der 100-Gramm-Tafeln aufs Jahr gesehen leicht vor uns. Aber wir waren auch schon vor Milka. Im Sommer sind wir meist die Nummer eins, im Winter sie - weil wir auf Wintersaisonprodukte verzichten, wie Tafeln mit Weihnachtsmännern.

Wenn der Markt in Deutschland stetig schrumpft, was setzen Sie diesem Trend entgegen?

Qualität. Zum Beispiel bei den Haselnüssen. Üblich ist es in der Branche, die Nüsse vom Herbst erst im nächsten Sommer in eine Tafel zu packen. Dann sind sie schon alt. Wir entwickeln mit unseren Lieferanten Lagermethoden, dass sie auch dann noch frisch sind.

Und das merkt der Kunde?

Ich glaube an die Zungen meiner Mitmenschen. Außerdem wird sich Ritter-Sport künftig verstärkt auf Auslandsmärkten tummeln.

Was haben Sie im Blick? Sibirien?

Gar nicht so falsch. Schon jetzt machen wir fünf Prozent unseres Umsatzes in Russland. Italien ist ein weiterer starker Markt. Und auch in Amerika verzeichnen wir ein schönes Wachstum.

Die Amerikaner sind doch eher Fans von Schokoriegeln.

Amerika hat einen riesigen Süßwarenmarkt, das Geschäft mit Tafelschokolade ist noch bescheiden. Trotzdem sind wir in diesem Segment dort schon richtig wer. Richtig interessant in der Zukunft werden Länder wie China und Indien.

Die Chinesen sind bislang nicht als begierige Schokoladenesser in Erscheinung getreten, oder haben wir da was verpasst?

Es stimmt, dass China keine große Schokoladentradition hat.

Wie wollen Sie das ändern?

Über die Tatsache, dass die Chinesen einen Hang zu westlichen Produkten haben. Ich besuche das Land häufiger und stelle fest: Mehr und mehr Chinesen, insbesondere in den Metropolen, trinken immer öfter einen Espresso. Das hat ja auch keine Tradition dort.

Gut - aber Indien? Wenn es bei uns schon zu warm ist, wie wollen Sie denn bei 40 Grad mit Ihren Quadraten punkten?

Gerade in Indien geht es nur dort, wo klimatisierte Einkaufszentren sind. Dort bestehen Absatzchancen. Zugegeben: Der normale Lebensmittelhandel in Indien findet in Millionen von Kleinstgeschäften statt. Da kommen wir nicht rein, die haben keine Klimaanlage.

Ritter-Sport also nur für die oberen Zehntausend.

Das schätzt man manchmal falsch ein. Die oberen Zehntausend sind in Indien Millionen. Gerade in Indien gibt es ein aufstrebendes Bürgertum. Diese Leute sind durchaus gut bei Kasse. Und sie können sich auch gute Schokolade leisten. In China ist es genauso.

Vor eineinhalb Jahren haben Sie Ihren Geschäftsführer Olaf Blank gefeuert und selbst den Chefposten übernommen. Die Gründe dafür sind bis heute nicht ganz klar.

Ich war nicht zufrieden mit seiner Geschäftspolitik.

Es heißt, er sei zu ambitioniert gewesen mit seinen Expansionsplänen.

Eine Zeitlang lief es nicht schlecht. Er hat aber mehr Projekte angefangen, als die Firma stemmen kann. Wir sind vorgegangen wie ein Großkonzern, der unendlich viel Geld hat. Wenn man aber mit seinen Projekten auf halbem Weg verhungert, weil die Kasse leer ist, hat man das Geld in den Sand gesetzt.

Klingt, als ob damals die Pleite nahe war.

Das nicht - aber ich wollte, dass die Firma selbständig bleibt.

Dies sahen Sie in Gefahr?

Es war nicht nur eine Gefahr. Wir standen wirklich kurz davor, die Selbständigkeit zu verlieren.

Es gab Übernahmeangebote?

Die gibt's immer. Wenn's mal keine mehr gibt, werd' ich unruhig. Aber wir näherten uns damals schon einer Zwangslage.

Was spricht gegen einen Verkauf?

Nun, man käme mit viel Geld heraus, die Firma wäre schon etwas wert. Aber ich wollte es definitiv nicht. Es ist schwierig zu erklären. Ich bin mit dem Ganzen hier in Waldenbuch verwurzelt. Mal angenommen, Ritter-Sport würde verkauft. Dann bräuchte es hier vieles nicht mehr: kein eigenes Verkaufsmanagement, die Fabrik würde reduziert auf ein Produkt.

Das klingt für einen Unternehmer aber zu patriotisch, um wahr zu sein. Das Globalisierungsgebot der Stunde heißt doch: Verlagern, wenn es billiger kommt.

Nein, der Wirtschaftsstandort Deutschland wird schlechtgeredet; er ist aber eigentlich klasse. Wir haben hier täglich Strom, Wasser, Gas, ein gut funktionierendes Verkehrssystem, keine Räuberbanden, die Firmen überfallen, gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter, gute Ingenieure und schnell verfügbare Ersatzteile im Fall einer Reparatur. Teuer ist eine Schokoladenfabrik, wenn sie steht. Und das passiert uns hier nicht.

Dann lieben Sie auch die Bürokratie, hohe Lohnnebenkosten?

Gut, die dadurch teuren Arbeitnehmer sind ein echtes Problem. Es ist nicht ganz nachvollziehbar, dass man in einem Land mit Arbeitslosigkeit die Arbeit so hoch besteuert, dass jeder vernünftige Arbeitgeber Arbeitnehmer abschafft. Wenn ich jemanden einstelle, dann werde ich an dessen Arbeitslosen- und Rentenversicherung beteiligt. Wenn ich ihn durch einen Mikrochip ersetze, der mit subventioniertem Atomstrom läuft, dann bin ich auch von dessen Arbeitslosenversicherung entlastet. Das ist doch absurd.

Sie haben mal gesagt: Betriebsbedingte Kündigungen gibt es bei mir nicht. Wie kann man solch ein Versprechen abgeben?

Ich kann das nicht für alle Zeiten ausschließen, aber es müsste schon sehr dick kommen, bis wir zu diesem Mittel greifen würden. Aber normalerweise werden die Leute ja rausgeworfen wegen der Fehler von Managern.

Das finden Sie verwerflich?

Entlassungen nur, um eine höhere Rendite einzufahren, das halte ich nicht für statthaft. Und sie kommen teuer am Ende.

Wir dachten: billiger.

Wenn die Mitarbeiter nur das Gefühl haben, eine Nummer zu sein oder durch eine Maschine ersetzt werden zu können - nach dem Motto: ich habe eine bessere gefunden und schmeiß' dich auf den Schrott -, dann haben die auch keine Motivation mehr, sich für ihr Unternehmen zu engagieren. Das ist viel teurer, als wenn man sagt: Wir haben zwar 50 Leute zu viel an Bord, aber wir gucken, wie wir die auch noch beschäftigen können.

Haben Sie zu viele an Bord?

Das kommt vor. Zum Beispiel, wenn eine Saison mal weniger gut läuft. Aber das ist dann halt so.

Und die dürfen dann auf Firmenkosten Däumchen drehen?

Nein, sie haben dann die Gelegenheit, die Maschinen zu reinigen oder das Büro aufzuräumen. Und es ist eine Gelegenheit für Fortbildungen. Letztlich habe ich dann die besseren Arbeitnehmer. Tatsächlich profitiere ich, wenn andere Firmen Leute rausschmeißen.

Wie das?

Als Daimler-Chrysler Personal abgebaut hat, habe ich ein paar hervorragende Mitarbeiter übernommen. Es gehen dann ja die besten. Auf Dauer tut das den entlassenden Firmen furchtbar weh. Und ich habe einen dauerhaften Vorteil im Markt der Fachkräfte. Denn als Mitarbeiter überlegt man sich: Will ich in einem Unternehmen arbeiten, das auch in schlechten Zeiten zu mir steht, oder in einem, das mich dann nicht mehr kennt.

Sind Sie ein Sozialromantiker?

Nein, ein Praktiker.

In der Wirtschaft haben immer mehr Finanzinvestoren das Sagen. Stört Sie das?

Diese Entwicklung interessiert mich nicht. Ich brauche weder Geld von einer Bank noch von einem Private-Equity-Geber. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen. Und darüber bin ich sehr glücklich.

Das Gespräch führte Thiemo Heeg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2007, Nr. 27 / Seite 35
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