Es hätte so schön sein können für Nils Schmid. Vor laufenden Kameras hätte der Wirtschafts- und Finanzminister von Baden-Württemberg das Lächeln des Siegers aufgesetzt und gute Nachrichten für die Mitarbeiter von Schlecker überbracht. Nach harter Arbeit und langem Tauziehen sei die Gründung einer Transfergesellschaft gelungen, die statt 11.200 Entlassungsbriefen 11.200 Chancen auf besondere Unterstützung böte.
Doch die Realität hielt sich nicht an dieses virtuelle Drehbuch, dem Schmid ebenso wie Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz so gern folgen wollten. „Es ist ein bitterer Tag für die Beschäftigten von Schlecker und ihre Angehörigen“, musste Schmid stattdessen sagen - nachdem am Donnerstagmittag durch ein Nein des bayerischen FDP-Wirtschaftsministers Martin Zeil das endgültige Aus für die Schlecker-Transfergesellschaft besiegelt worden war.
Laut werden ist nicht seine Art
Er sei mehr als verwundert, ja er sei empört über das parteipolitische Kalkül der FDP, sagt Schmid, ohne dass sich dabei auch nur seine Stimme heben würde. Der schlanke junge Mann im immer perfekt sitzenden Anzug ist kein Polterer. Laut werden ist nicht seine Art. „Es gab kein einziges Mal, bei dem Teller und Tassen geflogen sind“, antwortete Ehefrau Tülay auf die Frage der „Bunten“, wann Nils Schmid denn mal explodiere, und: „Anfangs hat es mich irritiert, inzwischen bewundere ich das sehr an ihm und halte es für eine seiner größten Stärken.“
An diesem Donnerstagnachmittag ist Schmid vielleicht auch zu müde, um seiner Empörung noch mehr Gewicht zu geben. Die Nacht war kurz, vier Stunden Schlaf mussten reichen - davor und danach wurde telefoniert, mit Kurt Beck, mit Hannelore Kraft, mit möglichst allen, die er auf seine Seite ziehen konnte: Über Nacht sollte er noch einmal 45 Millionen Euro einsammeln, so lautete seine Aufgabe, die ihm der Finanz- und Wirtschaftsausschuss am späten Mittwochabend erteilt hatte. Unter dieser Voraussetzung, so der Beschluss, würde Baden-Württemberg seinerseits die Bürgschaft für 25 Millionen Euro übernehmen. Allzu viel Überredungskunst schien dafür nicht notwendig, weil es im Wesentlichen um die Erneuerung schon vorhandener Zusagen in gleicher Höhe ging.
Als Sozialdemokrat Flagge zeigen
“Wer kämpft, kann verlieren“, kommentiert er seine Niederlage. Verloren, das ist ihm bewusst, haben nicht nur die Schlecker-Mitarbeiterinnen, die nun heute ihre fristlose Entlassung im Briefkasten finden werden. Verloren hat auch er selbst. Indem er sich für diejenigen einsetzte, die in der gesellschaftlichen Hackordnung ziemlich weit unten angesiedelt sind, konnte er endlich einmal als ernsthafter Sozialdemokrat Flagge zeigen, ohne freilich den erwünschten Triumph einzufahren.
Allzu viele Chancen sich zu profilieren hatte Schmid als Wirtschafts- und Finanzminister in Baden-Württemberg noch nicht. Zwar wird dem 38 Jahre alten Einser-Juristen bescheinigt, er sei ein Arbeitstier. Er sei einer, der zuhören könne. Ein Pragmatiker. Doch all diese Vorzüge reichen nicht, um aus dem Schatten des kultigen grünen Landesvaters Winfried Kretschmann hervorzutreten. Mehr noch: Schmid muss hinnehmen, dass andere sich mit den Erfolgen seiner Vorschläge - etwa zur Volksabstimmung über „Stuttgart 21“ - schmücken.
Schmid war es übrigens auch, der als Erster die Partei mit dem unangenehmen Gedanken konfrontiert hatte, dass die Sozialdemokraten vielleicht als Juniorpartner der Grünen würden fungieren müssen, wenn sie denn nach sechs Jahrzehnten CDU-Herrschaft den politischen Wechsel wollten. Es kam so, wie Schmid er vorhergesehen hatte. Mit 23,1 Prozent erzielte die SPD bei den Landtagswahlen vor genau einem Jahr zwar das bis dato schlechteste Ergebnis - doch seither regieren die Sozialdemokraten mit. „Auf Augenhöhe“ kam es Schmid dabei an, mit Blick auf die Tatsache, dass die Grünen nur 1,1 Prozentpunkte mehr Stimmen hatten. Und noch etwas war ihm wichtig: ein neuer Politikstil. Demonstrativ nahm Schmid sich zu Beginn seiner Amtszeit täglich ein paar Stunden frei, damit die kleine Tochter sich gut bei der neuen Tagesmutter einfinden konnte. An solchen Luxus ist inzwischen nicht mehr zu denken. Wenn wegen Schlecker Nachtschichten nötig sind, muss auch im Hause Schmid die Familie zurückstecken.
Nils Schmid
Lutz Pollakowsky (lupodo)
- 30.03.2012, 18:18 Uhr
Ideologie,ob liberal oder zuletzt justizial,zerstört Unternehmen
vollständig/"Sero venientibus ossa"
günther reichert (g.reichert)
- 30.03.2012, 11:45 Uhr
Wahlen-Wahlkampf-Populismus
Gerd-Uwe Camenz (Gerdstulle)
- 30.03.2012, 11:40 Uhr
Schlecker
Baldur Goldschalt (goldi11)
- 30.03.2012, 11:39 Uhr
Reiner Populismus von Niels Schmid
Herbert Sax (H.Sax)
- 30.03.2012, 11:30 Uhr
