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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schlecker Die Chronik von Aufstieg und Fall

 ·  Die Geschichte der Schleckers könnte einen Kinofilm füllen: Erst baut Vater Anton ein Imperium auf. Die Kinder werden entführt und können sich befreien. Die Eltern werden wegen Dumpinglöhnen verurteilt - und am Ende bricht alles zusammen. Eine Chronik.

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© dapd Tristes Bild: Mit Schlecker ist es endgültig vorbei

Die Drogeriekette Schlecker aufzubauen, dauerte mehr als 30 Jahre - der Verfall dauerte nur 4.

1944 Anton Schlecker wird in Ulm geboren.

1965 Schlecker, von Beruf gelernter Metzger mit Meistertitel, steigt in die Firma seines Vaters ein, eine Fleischwarenfabrik mit mehreren Metzgereien. Im selben Jahr eröffnet er in Ehingen ein SB-Warenhaus.

1970 Schlecker heiratet. Anton Schlecker zieht mit Ehefrau Christa und den Kindern Lars und Meike in die neu erbaute Familienvilla in Ehingen.

1974 Die Preisbindung für Drogerieartikel wird aufgehoben. Statt kleinerer Drogeriefachgeschäfte können nun auch Ketten nach dem Discount-Prinzip eröffnet werden. In dieser Zeit gründet auch Götz Werner seine DM-Drogeriemärkte.

1975 Anton Schlecker gründet in Kirchheim/Teck seine erste Drogerie. Das Unternehmen expandiert rasch. Nach zwei Jahren gibt es bereits 100 Schlecker-Drogerien.

1984 Nach nur neun Jahren wird bereits die tausendste Drogerie eröffnet.

1987 Die Expansion ins europäische Ausland beginnt mit der Eröffnung von Märkten in Österreich. Es folgen in den nächsten Jahren Spanien und die Benelux-Länder (1989), Frankreich (1991), Italien (1999) und ab 2000 Dänemark und Polen (2004), Tschechien und Ungarn (2005) und Portugal (2006).

Die Schlecker-Kinder werden entführt

22. Dezember 1987 Die Kinder Meike und Lars werden entführt. Die Entführer erpressen 4,9 Millionen Euro Lösegeld. Die Jugendlichen können sich selbst befreien. Die Täter allerdings werden erst im Folgejahr gefasst. Seit diesem einschneidenden Erlebnis zieht sich die Familie immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Die Verschwiegenheit der Kette soll auch in diesem Ereignis begründet sein.

Von 1990 an Mit dem Fall der Mauer weitet die Schleckerkette mit enormem Tempo ihr Geschäft nach Ostdeutschland aus.

1994 Die Gewerkschaft HBV erhebt schwere Vorwürfe gegen Schlecker. Das Unternehmen zahle unter Tarif, betreibe Scheinarbeitsverhältnisse, behindere Betriebsratswahlen und schikaniere Mitarbeiter. Die Staatsanwaltschaft durchsucht den Firmensitz in Ehingen. Diese Anschuldigungen werden in den nächsten Jahren in ähnlicher Form immer wieder erhoben.

1995 Schlecker verfügt über rund 5800 Filialen und beschäftigt 25.000 Mitarbeiter.

Die Eltern werden verurteilt

1998 Anton Schlecker und seine Ehefrau Christa werden vom Amtsgericht Stuttgart zu jeweils 10 Monaten auf Bewährung verurteilt. Sie haben über Jahre ihren Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung vorgetäuscht.

2007 Übernahme der insolventen Osnabrücker Drogeriekette Ihr Platz. Auf einen Schlag kommen damit rund 700 Filialen hinzu. Schlecker verfügt damit über mehr als 14400 Geschäfte in 17 Ländern. Allerdings stimmen Umsatz und Ertrag nicht.

2008 Schlecker macht nach Angaben aus Gewerkschaftskreisen trotz eines Umsatzes von 7,4 Milliarden Euro mehr als 50 Millionen Euro Verlust.

Die Kinder steigen ins Unternehmen ein

2010 Der Umgang mit den Mitarbeitern bringt Schlecker erneut in die Kritik. Medien berichten von Überwachungskameras, Leiharbeitsverträgen und schlechter Bezahlung. Der Ansehensverlust macht sich auch in den Geschäftszahlen bemerkbar. Der Umsatz sinkt auf 6,5 Milliarden Euro, die Verluste wachsen. Um positive Schlagzeilen bemüht, holt Anton Schlecker seine Kinder Lars und Meike in die Führung des Unternehmens. Ein neues Bild der Offenheit soll das angekratzte Image aufpolieren. Mit 2,3 Milliarden Euro Privatvermögen gehören die Schleckers zu den reichsten Familien Deutschlands.

2011 Schlecker will mit einer Marketingkampagne das Ansehen des Unternehmens verbessern. Parallel beginnt ein radikaler Umbau des Filialnetzes. Die Billigläden sollen zu hochwertigen Drogerien ausgebaut werden. Im Rahmen des Programms „For You“ werden auch unrentable Filialen geschlossen. 600 von 8000 Läden in Deutschland sollen geschlossen werden. Weitere Schließungen werden für 2012 angekündigt. Gleichzeitig soll das Verhältnis zu den Mitarbeitern durch neue Führungsrichtlinien verbessert werden. Gerüchte um Zahlungsprobleme weist Lars Schlecker zurück. Er will 2012 den Turnaround schaffen.

Schlecker erklärt sich für zahlungsunfähig

20. Januar 2012 Nach einer geplatzten Finanzierung von Lieferungen erklärt sich Schlecker für zahlungsunfähig.

23. Januar 2012 Das Unternehmen meldet beim Amtsgericht Insolvenz an. Insolvenzverwalter wird der der Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz. Anton Schlecker haftet als eingetragener Kaufmann mit seinem Privatvermögen. Dieses sei, so Meike Schlecker, allerdings längst aufgebraucht. Für die Mitarbeiter beginnt ein Jahr des Bangens um ihren Arbeitsplatz.

26. Januar 2012 Auch die Unternehmenstochter Ihr Platz stellt einen Insolvenzantrag. Davon sind rund 670 Filialen mit 5800 Mitarbeitern betroffen.

29. Februar 2012 Insolvenzverwalter Geiwitz verkündet harte Sparmaßnahmen. 2400 Läden sollen geschlossen und über 11.700 Mitarbeiter entlassen werden.

5. März 2012 Das Land Baden-Württemberg spricht von einer möglichen Landesbürgschaft über 70 Millionen Euro für eine Auffanggesellschaft für die Mitarbeiter.

11. März 2012 Das Bundeswirtschaftsministerium lehnt eine Beteiligung der KfW an der Bürgschaft ab.

29. März 2012 Alle Versuche, eine Bürgschaft mit Hilfe der von der Insolvenz betroffen Bundesländer zu erhalten, scheitert letztlich am Widerstand der FDP in der bayerischen Landesregierung. 10.000 Mitarbeiter werden arbeitslos. Da es sich überwiegend um weibliche Angestellte handelt, macht der Begriff der „Schleckerfrauen“ in den Medien Karriere.

6. April 2012 Nach Angaben des Insolvenzverwalters sind mindestens ein halbes Dutzend Investoren an der Übernahme des Unternehmens interessiert, unter anderen die Beratungs- und Investmentgesellschaft Droege International und die Finanzgruppe Penta Investments.

23. Mai 2012 Die Zahl der Kaufinteressenten an Schlecker nimmt ab. Die Suche wird durch die Kündigungsschutzklagen von rund 4000 entlassenen Mitarbeitern erschwert. Die Folgekosten scheinen für mögliche Investoren unkalkulierbar. Auch gibt es noch keinen Sanierungstarifvertrag für die restlichen 130.00 Mitarbeiter.

25. Mai 2012 Der Investor Nicolas Berggruen, der schon die insolvente Kaufhauskette Karstadt kaufte, hat Interesse an einer Übernahme Schleckers.

25. Mai 2012 Insolvenzverwalter Geiwitz gibt möglichen Investoren bis zum Freitag, dem 1. Juni Zeit, ein tragfähiges Übernahmekonzept vorzulegen. Sonst werde Schlecker abgewickelt.

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