Die drei wichtigsten Rating-Agenturen der Welt haben in der Nacht zum Dienstag den angeschlagenen amerikanischen Versicherungsriesen AIG herabgestuft. Moody's senkte ihre Bewertung auf A2 von Aa3, Standard & Poor's auf A-Minus von AA-Minus und Fitch auf A von AA-Minus. Alle drei Institute erklärten, weitere Herabstufungen könnten folgen.
Schon am Montag hatte das Unternehmen verzweifelt versucht, neues Kapital aufzutreiben, um fürs Erste sein Überleben zu sichern. Denn der Versicherer fürchtet, dass Herabstufungen der Kreditbewertung über einen bestimmten Punkt hinaus einen Milliarden-Kapitalbedarf auslösen könnten, der für das Unternehmen fatal sein könnte. Ohne Zugang zu diesen Mitteln würde der Versicherer nach Einschätzung der Branche womöglich nur wenige Tage überleben können.
In hektischen Verhandlungen verfolgte AIG über das Wochenende eine ganze Reihe von Optionen - von staatlicher Hilfe über einen Einstieg von Investoren bis zum Verkauf von Unternehmensteilen. Bis zum Start des Börsenhandels am Montag gab es zunächst kein Ergebnis. Die Aktie erlebte am Montag einen dramatischen Kursverfall: Beim Ertönen der Schlussglocke an der Wall Street verzeichneten AIG-Titel ein Minus von 60,79 Prozent auf 4,76 Dollar. Seit Jahresbeginn verlor die Gesellschaft mehr als 90 Prozent ihres Börsenwerts.
New York lockert Kreditbedingungen für kriselnden Versicherer
Amerikanischen Medienberichten zufolge versucht AIG, bei der Notenbank Federal Reserve einen Kredit von 40 Milliarden Dollar zu bekommen. AIG hofft also darauf, dass der Staat dem Unternehmen zur Seite springt, ebenso wie er dies zuvor bei der Investmentbank Bear Stearns und bei den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac getan hat. Bis Montag gab es keine Hinweise von der Notenbank, ob sie AIG zur Hilfe kommen würde. Allerdings kam im Laufe des Tages ein positives Signal von David Paterson, dem Gouverneur des Bundesstaats New York. Paterson kündigte an, die Regulierungen für AIG zu lockern und dem Unternehmen Zugang zu Vermögenswerten von Tochtergesellschaften in Höhe von 20 Milliarden Dollar zu erlauben. Das würde es AIG nach Darstellung von Paterson ermöglichen, sich selbst einen Kredit zu geben.
AIG hat in den vergangenen Tagen mit möglichen Investoren verhandelt, um an zusätzliches Kapital zu kommen. Allerdings scheinen sich die Chancen für diese Option verschlechtert zu haben. So soll die Beteiligungsgesellschaft J. C. Flowers & Company 8 Milliarden Dollar für einen Anteil an AIG geboten haben. Nach Angaben der „New York Times“ ist diese Transaktion aber an der Bedingung von J. C. Flowers gescheitert, zu einem späteren Zeitpunkt die Kontrolle über AIG erwerben zu können. Auch die beiden Beteiligungsgesellschaften Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Texas Pacific Group (TPG), die zwischenzeitlich ebenfalls Interesse an einem Einstieg hatten, sollen sich wieder zurückgezogen haben. Am Montag kursierten noch Gerüchte, wonach der Investor Warren Buffett Gespräche über ein Engagement bei AIG führt.
Als dritte Option verfolgt AIG den Verkauf von Geschäften. Zu den ersten Kandidaten gehört dabei die Flugzeugleasingsparte International Lease Finance Corp. Die Tochtergesellschaft hat eine Flotte von 900 Flugzeugen. Sie ist der größte Kunde der beiden Flugzeugbauer Boeing und Airbus. Der Verkauf der Sparte könnte Branchenschätzungen zufolge einen zweistelligen Milliardenbetrag bringen. Als weiterer Verkaufskandidat gilt die Autofinanzierungssparte von AIG.
AIG leidet vor allem wegen Kreditausfallversicherungen
Der Versicherungskonzern ist durch die Immobilien- und Kreditkrise in eine schwere Schieflage geraten. In den vergangenen drei Quartalen hat das Unternehmen Verluste von mehr als 18 Milliarden Dollar ausgewiesen. AIG leidet vor allem unter den Turbulenzen im Geschäft mit Kreditausfallversicherungen, den Credit Default Swaps (CDS). Mit diesen Vehikeln sichern sich Anleger gegen Zahlungsausfälle von Anleiheemittenten ab. Die CDS werden außerdem genutzt, um auf die Kreditqualität eines Unternehmens zu spekulieren. Viele der Anleihen sind mit Hypotheken hinterlegt. Daher hat die Immobilienkrise auch die Kreditausfallversicherungen in Mitleidenschaft gezogen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg hatte AIG Ende Juni Versicherungskontrakte im Volumen von 441 Milliarden Dollar in den Büchern, davon entfielen fast 58 Milliarden Dollar auf Vehikel zur Absicherung von Hypotheken im Segment niedriger Bonität (Subprime). Die Preise für die Kreditausfallversicherungen von AIG sind in den vergangenen Tagen sprunghaft gestiegen und erreichten 1650 Basispunkte. AIG hat in diesem Jahr bereits 20 Milliarden Dollar an frischem Kapital beschafft. Der jähe Absturz des Aktienkurses macht es aber immer schwerer für das Unternehmen, an weitere Finanzmittel heranzukommen.
Der Druck auf AIG hat sich seit Ende vergangener Woche dramatisch erhöht, als die Rating-Agentur Standard & Poor's angekündigt hat, die Kreditbewertung möglicherweise um mehrere Stufen zurückzunehmen. Eine solche Herabstufung hätte absehbar katastrophale Auswirkungen, denn sie würde unmittelbaren Kapitalbedarf auslösen. AIG müsste dann weitere Sicherheiten in Höhe von rund 13 Milliarden Dollar aufbringen.
Erklaerungsbedarf...
Bernd Hoefel (hoefel)
- 16.09.2008, 10:22 Uhr
Risikomanagement
Patrick Hawighorst (Patrick-OS)
- 16.09.2008, 11:18 Uhr
