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Schilderkönig Manfred Utsch : Keiner produziert mehr Autokennzeichen als er

In seinem Unternehmen hängen mehr als 4000 Autoschilder: Unternehmer Manfred Utsch Bild: Rainer Wohlfahrt

Aus einem kleinen Familienbetrieb im Siegerland hat er den Weltmarktführer für Autokennzeichen gemacht. Wenn Manfred Utsch eines hasst, dann sind das Menschen, die die Schilder für langweilige Rechtecke aus Blech halten - sie sind sein Leben.

          Wenn Manfred Utsch eines hasst, dann sind das Menschen, die Autokennzeichen für langweilige Rechtecke aus Blech halten. Diese Schilder sind nämlich sein Leben: Der 72 Jahre alte Unternehmer aus Siegen ist nicht nur Weltmarktführer für Kraftfahrzeug-Kennzeichen. Er hat auch seine gesamte Firmenzentrale mit Nummernschildern zugehängt - als handelte es sich um Bilder von Rembrandt oder Richter.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der weißhaarige, energische Mann mit dem listigen Blick, der stark westfälisch spricht, kann zu jedem der Schilder eine Geschichte erzählen: Dieses Kennzeichen mit der Nummer 0-001 gehöre dem ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss. Jenes stamme aus dem Vatikan, vom Fuhrpark des Papstes, und sei bei Sammlern sehr begehrt. Die Schilder dort an der Wand kämen alle aus Indianer-Reservaten. „Am schönsten aber finde ich diese Autokennzeichen aus Kanada, in Form eines Bären.“

          Utsch rüstet in mehr als 120 Ländern Autos mit Nummernschildern aus

          In mehr als 120 Ländern rüstet die Utsch AG Autos mit Nummernschildern aus. Manfred Utsch ist Inhaber und Aufsichtsratschef. Er hat das Unternehmen groß gemacht. „Mein Vater, ein Schuhmachermeister, hat 1961 mit einer umgebauten Weinpresse begonnen“, erzählt Utsch. Aus dem Familienbetrieb mit fünf Mitarbeitern ist unter der Führung des Sohns eine Unternehmensgruppe mit 500 Beschäftigten und 200 Millionen Euro Umsatz im Jahr geworden.

          Gut möglich, dass auch dieses Kennzeichen aus dem Hause Utsch stammt

          Wie er das geschafft hat? Manfred Utsch ist ein Dickkopf. „Der Siegerländer Mittelstand ist so ähnlich wie der schwäbische - sparsam und stur“, sagt er. Und genau. Wenn Utsch durch die Werkshallen in Siegen geht, in denen im Sekundentakt Autoschilder aus computergesteuerten Maschinen schießen und von Frauen in Kartons verpackt werden, hat er hier etwas zu nörgeln und dort etwas zu kritisieren: „Warum läuft diese Maschine nicht?“ „Wo ist der zuständige Mann?“ „Warum hat dieses Schild keinen schwarzen Rand?“

          Schon Ende der fünfziger Jahre die Marktlücke erkannt

          Mit dieser Genauigkeit, die schon ans Penible grenzt, hat Utsch den Sprung aus der Provinz in die Welt geschafft. Sein Vater - erfinderisch aus der Not heraus, schließlich musste er nach dem Krieg acht Kinder ernähren - hatte schon Ende der fünfziger Jahre die Marktlücke erkannt. Weil die Nummernschilder in Deutschland von schwarzem auf weißen Hintergrund umgestellt wurden und zugleich die Zahl der Autos stark stieg, war die Nachfrage nach Kennzeichen enorm. Im Werksgebäude eines stillgelegten Bergwerkes begann er mit der Schilderproduktion. An einen Satz des Vaters denkt Utsch bis heute, wenn er auf der Autobahn im Stau steht: „Junge, ärger' dich nicht über die vielen Autos. Jedes von denen bedeutet für uns zwei Schilder.“

          Anfangs prägte die Firma Utsch alle Kennzeichen selbst. Später verkaufte das Unternehmen auch Prägemaschinen an selbständige Hersteller, die sich in der Nähe der regionalen Zulassungsstellen ansiedelten. Das Geschäftsmodell funktioniert ähnlich wie bei Nassrasierern und Rasierklingen: Utsch bindet die Prägefirmen mit Maschinen an sich. Und verdient dann fortlaufend an der Lieferung von Schilder-Rohlingen aus Siegen.

          In Amerika stellen Häftlinge Schilder zu Dumpinglöhnen her

          Was in Deutschland klappte, musste doch auch in anderen Ländern gehen, dachte Manfred Utsch, als er 1964 - mit nur 28 Jahren - die Firmenleitung übernahm. Schnell trieb er die Internationalisierung voran. Vor allem in Ländern, in denen viele Autos gestohlen wurden, waren die Nummernschilder "made in Germany" gefragt. „Wir haben damals viel in die Sicherheit unserer Kennzeichen investiert“, sagt Utsch. Die Schrift sei nicht leicht nachzumachen. Hinzu kämen Hologramme und Laser-Codes.

          Sri Lanka und Uruguay verkauften die Einführung der Utsch-Kennzeichen deshalb als Kampagne zur Bekämpfung der Kriminalität. Indien schrieb die Technik sogar per Gesetz vor. Nur über Amerika ärgert sich der Unternehmer: Dort stellen Hunderte Strafgefangene in der Haft die Kfz-Schilder zu Dumpinglöhnen her, erzählt er. „Ordnungspolitisch dürfte das eigentlich nicht sein.“

          Fünf Millionen Euro für ein einziges Kennzeichen

          Das teuerste Schild, das Utsch je produziert hat, ging an einen Scheich. Fünf Millionen Euro bot der Mann dafür, dass sein Luxusschlitten das Kennzeichen "Abu Dhabi Nummer 5" tragen darf. „Fünf ist meine Glückszahl“, begründete der Scheich seine Investition. Das Geld ging allerdings nur zu einem kleinen Teil an Utsch. Den Großteil erhielt die Zulassungsstelle in Abu Dhabi.

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