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Schiffsbauer Vor dem Untergang

04.02.2009 ·  Den Werften droht der Absturz: Der größte deutsche Schiffsbauer Wadan wankt bereits, seit Oktober 2008 hat keine deutsche Werft mehr einen Auftrag bekommen und die Banken geben kein Geld. Nun soll auch dieser Branche der Staat helfen.

Von Hendrik Ankenbrand und Johannes Ritter, Hamburg
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Die Wadan-Werften in Wismar und Warnemünde sind für Mecklenburg-Vorpommern das, was man gemeinhin als Leuchttürme bezeichnet: Mit 2360 Mitarbeitern größter Arbeitgeber der Region, mit 168 Auszubildenden eines der letzten Bollwerke vor der endgültigen Vergreisung eines Landstrichs.

Gehen auf dem Turm nun bald die Lichter aus - und auch in der ganzen Branche? Die Finanzkrise trifft die deutschen Werften mit voller Wucht. Weil es nicht mehr viel zu transportieren gibt und in ein paar Jahren ohnehin weltweit eine Überkapazität an Schiffstonnage auf viel zu wenig Nachfrage trifft, bestellen die Reeder keine neuen Schiffe. Der größte deutsche Schiffsbauer Wadan wankt bereits. Ganze zwölf Aufträge sind derzeit noch im Bestand, das letzte Schiff soll im dritten Quartal 2010 ausgeliefert werden. „Wir brauchen in absehbarer Zeit neue Bestellungen“, sagt ein Sprecher.

Die Banken winken ab - zu risikoreich

Bis dahin will allerdings erst die Gegenwart überlebt werden: Weil Werften den Bau der Schiffe fast vollständig selbst vorfinanzieren müssen, braucht Wadan frisches Kapital, um die noch bestellten Schiffe überhaupt bauen zu können. Doch die Banken winken ab: Risiko - nein danke. Im vergangenen Dezember sprang das klamme Land mit einem Darlehen von 60 Millionen Euro ein. Für die zwölf ausstehenden Schiffe braucht Wadan darüber hinaus die stolze Summe von 180 Millionen Euro.

Ein Fall für die Bundesregierung, an deren Spitze mit Angela Merkel eine Frau steht, der die maritime Wirtschaft am Herzen liegt - und ihr Wahlkreis in Stralsund. „Die Kanzlerin hat viel mit den Banken über das Problem geredet“, heißt es in Berlin. „Das ist Chefsache.“ Doch Machtworte helfen nicht. Der größte Schiffsfinanzierer HSH Nordbank japst derzeit selbst nach Luft und tritt bei der Kreditvergabe kräftig auf die Bremse. Tiefes Misstrauen schlug der Regierungskoordinatorin für maritime Wirtschaft Dagmar Wöhrl (CSU) entgegen; als sie sich kürzlich mit den schiffsfinanzierenden Banken traf. Also schnürte sie am Wochenende in Genshagen vor den Toren der Hauptstadt den versammelten Schiffbauern ein dickes Paket staatlicher Fürsorge.

Staatsgarantien für die Schiffsbauer

So sind die Werften als einzige gesonderte Branche explizit im Konjunkturpaket II genannt und dürfen unter den Rettungsschirm des Bundes schlüpfen, der ihre Kredite für die Bauzeitfinanzierung zu 90 Prozent absichert. Die Zinssubvention, nach der der Bund den Banken die Differenz zahlt, falls der Zinssatz den vereinbarten übersteigt, dürfen die Werften nun auch nachträglich in Anspruch nehmen. Das Volumen für Hermes-Bürgschaften, mit denen der Staat die exportierenden Bootsbauer vor dem Zahlungsausfall ihrer ausländischen Kunden schützt, wird um 80 auf 300 Millionen Euro ausgeweitet.

Die Kreditlaufzeit aus dem KfW-Programm kann jetzt statt drei Jahren auch ein Jahr betragen, das ist wichtig für die Bauzeitfinanzierung der Schiffe. „Wir müssen den Werften helfen, das andere Ufer zu erreichen“, sagt Wöhrl. 23.000 Beschäftigte zählen die Bootsbauer, in den Zulieferbetrieben sind es 75.000. Viele Werften hätten ihr Überleben nicht mehr allein in der Hand.

Seit Oktober kein einziger Auftrag mehr

In der Tat: Die Bootsbauer sind doppelt betroffen von der Finanzkrise. Denn den Kunden, den Reedern, fehlt beides: Eigen- und Fremdkapital. „Es gibt keinen Zahnarzt mehr, der sein Geld noch in Schiffsbeteiligungen steckt“, beschreibt ein Fondsmanager den Finanzierungsnotstand. Alarmiert von Frachtraten, die zuweilen so niedrig sind, dass die Schiffe kaum noch die Betriebskosten verdienen, gehen die Banken auf Tauchstation. Finanzierungen für Neubauten sind kaum noch zu bekommen. Und die Zwischen- und Endfinanzierung der Werften, die in Deutschland als Anzahlung oft nur 1 Prozent des Kaufpreises bekommen und mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von 7 Prozent auf wackligen Füßen stehen, gerät nicht nur bei Wadan ins Wanken. Nach Auskunft des Schiffsbauverbands VSM ist die Endfinanzierung für 29 fest bestellte Schiffe noch nicht gesichert; insgesamt fehlen mehr als 900 Millionen Euro. Damit wackeln 17 Prozent des Auftragsbestands von 172 Schiffen.

Seit Oktober ist bei deutschen Werften kein einziges Schiff mehr bestellt worden. „Der Markt ist im vierten Quartal zum Erliegen gekommen“, sagt VSM-Hauptgeschäftsführer Werner Lundt. Im gesamten vergangenen Jahr wurden nur 46 Schiffe bestellt. Das ist der niedrigste Auftragseingang seit 2001. Zudem haben die Reeder 29 Bauaufträge storniert. Vier Werften sind inzwischen umgefallen: die Emdener Cassens-Werft, die Kieler Lindenau-Werft, die SMG-Werft in Rostock und die SSW Bremerhaven.

„Das ist ein Skandal!“

Wegen der vorhandenen Aufträge glaubt Lundt nicht, dass schon in Kürze weitere Schiffbaubetriebe vor dem Aus stehen. „2009 haben die Werften noch genug Arbeit. Doch sie brauchen Anschlussaufträge, damit danach keine Unterbeschäftigung entsteht.“ Gefahr droht zudem von den führenden und mit viel staatlichem Geld gepäppelten Schiffbaunationen Südkorea, Japan und China, die noch stärker von der Auftragsflaute betroffen sind, weil sie noch größere Überkapazitäten plagen. „40 Prozent der Schiffbaukapazität wird vom Markt verschwinden“, sagt der Hamburger Reeder Claus-Peter Offen. „Das wird der Markt auf seine grausame Art selbst regeln.“ Der Konkurrenzkampf werde in Zukunft noch stärker über den Preis geführt.

Da müsse der Staat einschreiten, fordert Verbandschef Lundt: „Das Konjunkturpaket muss auch den deutschen Schiffbauern helfen.“ Auch Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) hält es ganz im Sinne seiner Wähler für notwendig, „dass die Werften Teil des Rettungsschirmes des Bundes werden“. Heino Bade von der IG Metall Küste plädiert dafür, die Banken verstärkt zur Kreditvergabe zu drängen. Über deren Verhalten ist er sehr verärgert: „Bund und Länder sichern die Kredite über Bürgschaften schon zu 90 Prozent ab. Das reicht den Banken nicht, obwohl für sie der Steuerzahler auf der anderen Seite mit Milliardenbeträgen haftet. Das ist ein Skandal!“

Der Wutschrei wird bei den Banken kaum auf Gehör stoßen. Also woher die letzten 10 Prozent nehmen? Man stehe darüber in Verhandlungen, heißt es bei Wadan lapidar. Das klingt nicht gut. Staatssekretärin Wöhrl fordert, die Werften müssten sich von Banken-Konsortien finanzieren lassen, denen durchaus auch die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) angehören könnte. „Die Werften müssen den Banken schleunigst neue Aufträge präsentieren“, sagt Wöhrl. Woher die kommen sollen, ist den Bootsbauern schon klar. Wöhrl möge doch bitte prüfen, ob die Marine nicht noch ein paar Aufklärungsboote brauchte.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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